Er sah dem Mann mit dem nervös zuckenden Bart äußerst ähnlich. Seine Augen waren so fesselnd, das Aurelia ihre Augen nicht mehr von ihm losreißen konnte. Als er bemerkte, das sie ihn anstarrte, glänzten seine Augen triumphierend und sein Mund verformte sich zu einem liebevollen Lächeln, mit dem er sofort seine strahlend weißen Zähne offenbarte. Alles in allem war sein Gesicht ein Feuerwerk aus einem sanften Gesichtsausdruck und widersprechenden markanten Gesichtszügen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte Aurelia es schließlich doch ihre Augen von diesem herrlichen Anblick zu reißen und beschloss sich dies nicht mehr zu gönnen und sich stattdessen zu ihrem Bett zu gesellen.
Sie murmelte kurz eine leise Entschuldigung, stand auf, schob ihren Stuhl nach hinten und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. So viel Geschehenes an einem Tag war ohnehin zu viel für Aurelia. Nachdem sie die Treppe hinunter eilte und sich schließlich in den Fluren befand, tappte sie noch lange umher, bis sie schließlich nach einem langen Spaziergang durch das Schloss zu ihrem Zimmer kam.
Sie drückte den hölzernen Türknauf herunter und fand sich inmitten eines großen Raumes mit einem Bett, das für zwei Personen reichte und einem nicht allzu großen Kleiderschrank und Unmengen an Büchern wieder. Sofort fokussierte sie das Bett, nahm ein wenig Anlauf und schmiss sich mit voller Wucht auf das Bett.
Erst dann merkte sie wie sich die Müdigkeit in ihr ausbreitete, als wäre sie ein hungriger Löwe, der eben aus seinem Käfig befreit wurde. Doch irgendetwas hielt sie davon ab einzuschlafen und sie schaute sich nach etwas Spannendem in ihrem Zimmer um.
Im ersten Moment sah sie nichts Außergewöhnliches oder Besonderes, doch im nächsten Moment fiel ihr Blick auf ihr geliebtes Buch, das geöeffnet auf dem Boden lag. Gyrlin.
Es war ein uraltes Buch, das nahezu alles über Zauberei, bis hin zu den Geschichten aller Zauberwesen verfügte. Sie liebte das Buch von Anbeginn, als sie es zufällig in einer verstaubten Kammer gefunden hatte. Damal hielt sie es zuerst versteckt, denn sie wollte ihr Wissen egoistischer Weise mit keinem teilen.
Eines Tages fand ihre Cousine das Buch jedoch und hielt es für ein langweiliges Buch über Kräuter. Aurelia wunderte sich sehr darüber, was sie dort sah, erwiderte aber nichts. Nachdem ihre Cousine verschwand, stöberte sie noch ein wenig in der Bibliothek, um etwas über das Buch herauszufinden. Später wurde sie in dem Buch Alles über Bücher fündig und entdeckte einen Text, indem klar und deutlich stand, das jeder , in dem kein magisches Blut fließt, das Buch als das erkennt, das für diejenige Person am Langweiligsten erscheint.
Seitdem wusste Aurelia es. Seitdem wusste Aurelia das sie eine Magierin ist. Sie war zwar nicht die erste Magierin auf Erden, trotzdem war es ein ziemlicher Schock für sie gewesen. Sie kam zuerst überhaupt nicht mit dem erschütternden Gedanken klar, sie seine anders, als je jemand in ihre Familie - wie sie vermutete- es war. Doch dieser deprimierende Gedanke war schnell verschwunden und Aurelia fing an, sich über diesen Außergewöhnlichkeit sehr zu freuen. Es brauchte nicht lange, bis sie die ersten Zaubersprüche lernte und benutzte. Doch all das wollte sie für sich behalten, und so erfuhren ihre Eltern nichts darüber, nichts über das Buch und nichts über ihre Besonderheit.
Sie packte sich Gyrlin und beschloss es dem Zufall zu über lassen, auf welche Seite es sie hinführen würde. Aurelia klappte es grob auf und entdeckte eine leicht dreckverkrustete Seite, auf der in Schönschrift ein Text über Feen stand:
Feen sind ein uraltes Volk, die für gewöhnlich schönes Aussehen und großes Können besitzen. Die kleinen und geflügelten Wesen sehen den Menschen zwar sehr ähnlich, sind aber eigentlich den Schmetterlingen viel näher, die auch teilweise noch unter dem stolzen Volk leben. Feen geben sich nur zu erkennen, wenn man sie braucht und es für einen guten Nutzen ist. Werden sie allerdings nicht gebraucht, sind die für gewöhnliche Menschen nicht sichtbar und leben in ihrem Reich im Innern der Erde. Aus diesem Grund hat noch nie ein Mensch die Ehre bekommen das Reich der Feen zu besichtigen, denn die Feen sind wahre Meister des Versteckens. Doch nicht nur das Verstecken von ihnen selber und ihrem Reich fällt ihnen leicht, auch das Bewahren von sehr wertvollen Dingen, die ihnen von anderen anvertraut wurden, liegt ihnen. Doch seie jene Person gewarnt gewesen! Jene Person, die den Feen seinen größten Schatz anvertraut, vertraut ihnen auch seine Seele an!
Sprachlos klappte Aurelia das Buch zu und legte es weg. Sie gähnte herzhaft und es fiel ihr nicht mehr allzu schwer den Schlaf zu finden. Ohne über das Gelesene nachzudenken schloss sie ihre Augen, die sowieso darauf warteten geschlossen zu werden, und schlief ein.
Nach vielen Stunden, die sie mit einem sehr guttuhenden Schlaf verbrachte, erwachte sie und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Drauf und dran mehr über Feen zu erfahren.
Sie spürte schon einen stechenden Schmerz in ihren Waden, nachdem sie endlich ankam. Als die gerade über die Türschwelle trat,befand sie sich in einer riesigen Bibliothek mit Wänden, die von unendlichen Bücherregalen bedeckt wurden. Die Bücher waren dick und schwer wie Klötze.
Sie setzte sich auf eines der Tische, die armselig und verlassen im Raum standen.
Generell war die Bibliothek ziemlich heruntergekommen. Manche Tische standen sehr wage und nur noch auf drei Füßen, andere waren feucht und zerfielen vor sich hin. Es existierten kaum neue Bücher. Ehrlich gesagt stammte das neuste Buch aus dem letzten Jahrtausend. Sie spürte genau, wie die eisige Kälte, die in der alten Bibliothek herrschte, jedes einzelne Haar auf ihrem Körper aufbäumen ließ.
Es kümmerte sich nie jemand um die Bibliothek. Aurelia war überhaupt die Einzige, die der Bibliothek gelegentlich einen Besuch abstattete und ihr eine wenig Liebe schenkte.
Sie schaute sich noch ein wenig um, nahm das Buch Zauberwesen und ihre Geschichten mit und verließ die Bibliothek.
Während sie durch die kilometerlangen Gänge strömte, zerrte erneut ein stechender Schmerz an ihren Waden. Das Schloss ist eindeutig mehr als zu groß, dachte sie sich, denn es war wahrhaftig gigantisch.
Aurelia wollte gerade in einen Gang einbiegen,als sie plötzlich eine abscheulich gräßliche Stimme hörte: ,,Es verläuft alles nach Plan...Oh-oh ja! Ja,sie ist zu früh gegangen... Das nächste mal wird es nicht passieren, Herrin... Ja, Herrin..."
Dann hörte Aurelia, wie sich Schritte entfernten. Sie wurden immer leiser und waren anschließend gar nicht mehr zu hören. Erst als vollkommene Stille die Flure regierte, traute Aurelia sich den ersten Schritt zu machen und zurück in ihr Zimmer zu finden.
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Lied der Lichter
Fantastik~"Alle Dunkelheit der Welt kann das Licht einer einzigen Kerze nicht auslöschen"~ _________________________________________________________________ Sie umfasste die Rose mit ihren bloßen Händen, die Dornen ignorierend, die sich in ihre Hände bohrten...