Ich hatte Entscheidungen noch nie besonders gemocht. Bei meinen Eltern damals wurden mir alle zum Glück von diesen abgenommen, aber als ich dann zu Emmeline gekommen war, hatte ich leider immer häufiger vor einer Entscheidung gestanden. Am Anfang war es mir sogar schwer gefallen, zu entscheiden, was ich mit meiner Freizeit anfangen wollte. Mittlerweile genoss ich natürlich diese Entscheidungsfreiheit, aber in solchen Momenten wie in diesem Augenblick wünschte ich mir wieder jemanden, der für mich wählte.
In Zeitlupe sah ich, wie Harry und Draco gleichzeitig einen Zauberspruch sprachen. Noch ehe ich mich versah, entschloss mein Körper, sich zu verselbstständigen und schoss einen Zauber gegen Draco.
Die drei Zauber trafen sich in der Luft und schienen für Sekunden ihre Kraft messen zu wollen. Schließlich schleuderten sich die Zauber gegenseitig in verschiedene Richtungen. Harrys und mein Zauberspruch trafen mit geballter Kraft Pansy und Goyle und Dracos Zauber landete mitten in Hermines Gesicht. Pansy sackte wie gelähmt zu Boden, Goyle schlug die Hände auf seine Nase, die plötzlich hässliche große Blasen aufwies und Hermine begann panisch zu wimmern. Ich rannte als erste zu ihr und sah gerade noch, wie sie ihre Hände gegen ihren Mund presste. Darunter befanden sich Hermines ohnehin schon große Vorderzähne, die nun noch mehr zu wachsen schienen. Ron, der wieder einmal keine Empathie zeigte, wollte Hermines Hände von ihrem Mund ziehen, doch ich sah ihn böse an und drehte Hermines Kopf so zu mir, dass sie ihr Gesicht in meinen Schultern verstecken konnte. Hermine weinte leise vor sich hin und irgendwann konnten selbst meine Schultern ihre Zähne nicht mehr verdecken, denn diese gingen ihr nun selbst bis zum Kinn.
"Was soll dieser Krach hier?", fragte die leise und eiskalte Stimme von Snape. Der hatte gerade noch gefehlt ...
Während die anderen lautstark zu diskutieren begannen, flüsterte ich Hermine ins Ohr: "Keine Sorge Hermine, Madam Pomfrey kann dir die Zähne bestimmt sofort wieder kleiner zaubern."Plötzlich wurde Hermine von mir weggezogen und Ron zwang sie, ihre Zähne zu zeigen. Mit zornigem Blick starrte ich Ron an, doch dessen Aufmerksamkeit lag ausschließlich auf Snape, der sich Hermines lange Zähne anschaute und dann spöttisch meinte, er sähe keinen Unterschied zu früher. Hermines Augen füllten sich mit Tränen und als ich sie wieder zu mir zog, begann sie leise in meine Haare zu schluchzen. Ich starrte Snape und vor allem die Slytherin-Mädchen böse an, die sich vor Lachen krümmten. Draco würdigte ich keines Blickes, oder zumindest versuchte ich es. Als ich doch einmal zu ihm sah, starrte er mich aus fast schwarzen Augen an.
Ein Gedanke schoss mir in den Kopf und lähmte meinen gesamten Körper. Hatte ich nicht bei einem unbrechbaren Schwur geschworen, die Malfoys bei meinem Leben zu schützen? Hatte ich diesen Schwur gerade gebrochen, indem ich meinen Zauberstab gegen Draco gerichtet hatte? Mein Magen zog sich schwer zusammen und ich musste hart schlucken. Wie hatte ich bloß vergessen können, dass ich Draco schützen musste? Harrys Vertrauen hin oder her, was hatte mir all das gebracht, wenn ich jetzt sterben würde, weil ich den Zauberstab gegen einen Malfoy gerichtet hatte?
Ich wurde aus meinem Gedankenstrudel gezogen, als Hermine sich aus meiner Umarmung löste, meine Hand packte und mich mit sich zog. Ohne Worte verstand ich, dass sie zum Krankenflügel wollte und war ihr sehr dankbar, dass sie mich vor meinen Gedanken gerettet hatte.
Nachdem ich von Madam Pomfrey nach einer halben Stunde aus dem Krankenflügel verscheucht wurde, beschloss ich den Unterricht zu schwänzen und stattdessen in die Bibliothek zu gehen. Ich suchte alle Bücher über unbrechbare Schwüre und fertigte von jeder spannenden Seite mit dem Geminio-Zauber eine Kopie an. Als bereits alle Schülerinnen und Schüler zum Abendessen gegangen waren, stopfte ich meine Fundstücke in meine Tasche, räumte die Bücher zurück und hetzte dann hinunter zum Eingangsportal der großen Halle. Die ersten Schülerinnen und Schüler verließen bereits wieder das Abendessen und nach und nach wurden es immer mehr, die in Trauben aus dem Speisesaal gingen.
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Die Tochter des dunklen Lords (Harry Potter Fanfiction)
Fiksi PenggemarGrausam. Kalt. Herzlos. So würden die meisten Hexen und Zauberer den Mann beschreiben, der diskriminiert, tyrannisiert, foltert und mordet. So aber nicht seine Tochter. Der dunkle Lord hatte nämlich vier Jahre lang Zeit, seiner Tochter seine Ansicht...