Kapitel 12

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„Wollen wir heute wieder im Teufelstopf trainieren?“, fragte Marlon und alle außer Taylor und Fabi nickten. Eigentlich stand er in den Pausen nur bei uns und ich hatte ihn noch nie beim Training gesehen, obwohl er auch ein wilde Kerle T-Shirt hatte. „Klar!“, sagte Markus und „Was denkst du denn?“, ergänzte Joschka noch.

Zuhause zog ich mir mein neues T-Shirt und meine Hose das erste Mal an. Stolz drehte ich mich mehrmals um mich selbst, um mich in meinem Spiegel zu betrachten. Schließlich fuhr ich zum Teufelstopf und traf auf dem Weg bereits Juli und Joschka, die aus der gleichen Richtung kamen, da sie schließlich auch Geschwister waren.

Wir spielten fast den ganzen Tag Fußball, doch als es abends anfing zu regnen, luden Juli und Joschka uns nach „Camelot“ ein. Ich hatte den Begriff bis jetzt nur einmal gehört und fragte mich, was es damit auf sich hatte. Durchnässt kamen wir bei den beiden Zuhause an. Wir gingen in ihren Garten und ich entdeckte direkt ein riesiges Baumhaus. „Wow!“, staunte ich. Leon breitete die Arme aus und stellte sich davor: „Darf ich vorstellen? Das ist Camelot.“ „Das…ist ja gigantisch!“,  staunte ich. „Es hat ganze drei Stockwerke.“, ergänzte Juli nun, „Joschka und ich haben es zusammen gebaut.“ Wir kletterten die Strickleiter am Baum hinauf und fanden uns in einem riesigen Raum wieder, der mehrere Podeste und Fenster hatte. An der Seite stand ein hölzerner Tisch mit ein paar Stühlen und eine Leiter führte hinauf zum zweiten Stockwerk. Wir setzten uns auf den Boden des ersten Stockwerks und unterhielten uns, während wir das Rauschen des Regens hören konnten. Jojo saß in einer Ecke von Camelot und sah uns mit ernster Miene zu. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragte ich und alle Blicke fielen auf ihn. Diesmal antwortete er nicht, sondern seufzte nur. „Du kannst immer mit uns reden. Das weißt du doch!“, warf Leon ein und Markus fügte hinzu: „Genau! Du bist und bleibst ein Teil der wilden Kerle, egal was du getan hast.“ „Ja, selbst Raban und Joschka sind wieder im Team, obwohl sie uns verraten haben.“, lachte Leon, woraufhin Raban ihn mit einem strengen Blick zum Schweigen brachte. „Ich…“, setzte Jojo an, „Ich muss euch etwas beichten.“ Er schaute zu Boden und alles war totenstill. Markus legte seine Hand auf Jojos Schulter, um ihn zu ermutigen, zu sprechen. Der Junge mit den schwarzen Haaren startete einen neuen Versuch: „Ich… wurde adoptiert…“ Wir alle guckten uns ratlos an. „Aber das ist doch toll.“, fing Marlon an. Jojo lebte seitdem er Denken konnte in einem Waisenhaus. „Aber ich werde wegziehen.“, flüsterte Jojo und man merkte, wie schwer diese Worte für ihn waren. „Du kannst doch trotzdem mit uns am Wochenende trainieren. So weit wirst du wohl auch nicht-", wollte Leon ihn aufmuntern, doch Jojo unterbrach ihn: „Ich ziehe nach Hamburg, Leon. Das ist fast auf der anderen Seite von Deutschland!“ Wir hielten den Atem an. Vanessa brach das Schweigen: „In Hamburg gibt es tolle Fußballvereine, glaub mir. Wann ziehst du denn weg?“ Leon legte seine Hand auf Vanessas Schulter, da er wusste, wie schwer es für sie war, über ihre alte Heimat zu reden. Sie war hierher gezogen, weil ihr Vater nach dem Tod ihrer Mutter einen Neuanfang starten wollte, obwohl sie gerade dabei war, ihren Traum zu verwirklichen. „Am Anfang der Herbstferien.“, sagte Jojo so leise, dass wir ihn kaum verstehen konnten. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Die Herbstferien begannen in ungefähr einer Woche. „Aber du kommst uns doch in den Ferien besuchen, oder?“, flüsterte Juli. Jojos Stimme zitterte, als er antwortete: „Ich kann euch frühestens in den Osterferien wieder besuchen, ich muss mich ja erstmal in Hamburg einleben, sagen meine neuen Eltern.“ Mein Herz raste. Jojo war von Anfang an für mich dagewesen. Er hatte mit mir trainiert. Er erzählte mir vom Dicken Michi und er hatte mir mein Geburtstagsgeschenk überreicht. Er konnte uns alle immer wieder zum Lachen bringen und war immer fröhlich gewesen. Ich hatte ihn direkt in mein Herz geschlossen. Und jetzt würden wir ihn für eine Ewigkeit nicht mehr sehen können. Maxi nahm meine Hand und drückte sie leicht, während ich mit aller Kraft versuchte, meine Tränen zurückzuhalten.

Nach einer Ewigkeit des Schweigens stand ich auf. Ich drückte Maxis Hand noch einmal, bevor ich sie losließ und Camelot wortlos verließ. Als ich an diesem Abend in meinem Bett lag, hoffte ich verzweifelt, einzuschlafen, doch so sehr ich es auch versuchte, ich schaffte es nicht. Mein Blick fiel auf den Stein aus dem Teufelstopf. Ich ging zu meinem Schreibtisch und kramte eine Schnur hinaus, die ich durch das Loch des Steins fädelte und anschließend zuband. Ich legte die Kette um meinen Hals und hielt den Stein fest in meiner Hand. Langsam fiel ich in einen sehr unruhigen Schlaf, der immer wieder von meinem Hochschrecken nach einem Alptraum unterbrochen wurde.

Dafür leg ich meine Beine ins Feuer~Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt