Mein Wecker riss mich aus dem Schlaf und ich öffnete verschlafen die Augen. Heute war der erste Schultag nach den Ferien. Und das erste Mal in meinem Leben freute ich mich auf die Schule, denn die ganzen Ferien hatte ich nur in meinem Zimmer verbracht und mit meinem neuen Ball gekickt. Dagegen fühlte sich die Schule wie unendliche Freiheit an und ich hatte endlich keine Langeweile mehr. Ich frühstückte mit meiner Familie und machte mich für den heutigen Tag fertig. Auf dem Schulweg trafen Andrik und ich auf Taylor, die ich fast die ganzen Winterferien über nicht gesehen hatte. „Frohes neues Jahr!“, begrüßte ich sie fröhlich und sie erwiderte dies ebenso freundlich. „Wie waren deine Ferien?“, fragte ich sie nun und sie begann mir jedes einzelne Detail zu erzählen. Sie war mit ihren Eltern über Silvester verreist gewesen und an Weihnachten hatte sie ihre Familie besucht. Ich hörte ihr so interessiert zu, dass ich garnicht bemerkte, dass Andrik sich verabschiedete und in seinen Klassenraum ging.
In der Pause standen wir wieder alle zusammen und unterhielten uns. „Kacke verdammte, warum muss es immer so kalt sein?“, schimpfte Leon und sein Bruder Marlon berichtigte ihn: „Das schlimmste ist nicht die Kälte, das schlimmste ist der Schnee und das Eis. Wegen ihm können wir kein Fußball spielen und müssen in unseren Zimmern hocken.“ „Aber bald ist wieder Frühling! Und dann haben wir das ganze Jahr Zeit, um Fußball zu spielen.“, lachte Raban und wir alle mussten lächeln. Er hatte Recht, bald würde die ewige Langeweile ein Ende haben und wir könnten endlich wieder jeden Tag in den Teufelstopf. „Aber die Saison beginnt erst offiziell, wenn Willi den Kiosk wieder eröffnet.“, warf Markus nun ein. Ich hatte ein paar Mal von Willi gehört. Er hatte die wilden Kerle für das Spiel gegen den dicken Michi trainiert und war angeblich der wildeste Trainer der Welt. Und anscheinend gehörte Willi auch der Kiosk und der Wohnwagen, so wie die wilden Kerle jetzt darüber redeten. Im Handumdrehen war die Pause auch schon wieder vorbei und wir gingen zu unseren Klassen.
„Hey, Yara!“, rief jemand hinter mir her, als ich mich gerade auf die Suche nach Andrik begeben wollte, da bereits Schulschluss war. Ich drehte mich zu der Person um, die mich gerufen hatte: „Was gibt's, Maxi?“, fragte ich. „Ich wollte mich nur noch einmal für neulich bedanken. Also dafür, dass ich bei euch mitessen durfte.“, stammelte er. „Ach, kein Problem.“, lächelte ich und fügte noch schnell hinzu, „Das mit deinem Vater tut mir leid…“ „Er ist nicht immer so, glaub mir.“, bekräftigte „Tippkick" nun, „Es ist nur gerade alles etwas… schwierig.“ Besorgt sah ich ihn an und er schaute zu Boden. „Oh…“, flüsterte ich, „Du kannst immer zu mir kommen, wenn du jemanden zum Reden brauchst, okay?“ Maxi schaute mich an und es verging eine Ewigkeit, in der wir beide schwiegen. Dann setzte er zum Sprechen an. „Meine Eltern haben sich getrennt.“, murmelte er und ich wusste, dass es ihn viel Überwindung gekostet hatte, diese Worte auszusprechen. Eine Träne kullerte über seine Wange. Und dann noch eine. Und dann wurden es immer mehr. Ich nahm Maxi wortlos in den Arm. Ich hatte ihn noch nie zuvor weinen gesehen und es brach mir das Herz. „Es ist okay…“, flüsterte ich immer und immer wieder. Mittlerweile hatten schon fast alle Schüler die Schule verlassen und Maxi und ich standen im Schutz der Büsche neben dem Eingang, sodass uns niemand sehen konnte. „Wir werden immer da sein.“, murmelte ich nun, „Wir werden dich niemals verlassen. Das verspreche ich dir. Wir haben dich lieb und deine Eltern lieben dich auch. Für sie ist das eine schwere Zeit, aber für dich genauso. Und deswegen kannst du immer zu uns kommen.“ „Dankeschön…“, flüsterte Maxi und wischte sich die Tränen von seinem Gesicht, „Kann das hier vielleicht unter uns bleiben?“ Ich lächelte: „Natürlich, solange du willst. Dafür leg‘ ich meine Beine ins Feuer.“ Maxi lächelte nun auch: „Meine Beine, meine Seele und mein ganzes Herz.“ Wir verabschiedeten uns und ich rannte zu Andrik. „Ich hab dich schon überall gesucht.“, empfing dieser mich vorwurfsvoll. „Entschuldigung, ich musste noch kurz… etwas besprechen.“, lächelte ich und wir machten uns auf den Heimweg. Nachdem wir beide lange geschwiegen hatten fragte mein Bruder mich: „Ist alles okay? Du bist so ruhig.“ „Ja klar.“, nickte ich und hätte alles dafür gegeben, dass ich es auch so meinte, aber das Gespräch zwischen Maxi und mir steckte in meinem Kopf fest und durchlief dort in Dauerschleife.
Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Zimmer, während ich meinen pechschwarzen Ball umherschoss. Ich machte so viele Kopfbälle, dass mir am Ende des Tages mein Kopf wehtat, aber immer noch musste ich an das Gespräch von heute Nachmittag denken. Es steckte vermutlich in meinen Kopf fest, aber egal, was ich tat, ich konnte es nicht lösen. Ich wälzte mich in meinem Bett hin und her. Vor mir sah ich immer nur Maxis tränenüberströmtes Gesicht. Was würde ich machen, wenn meine Eltern sich trennten? Wie würde ich mich fühlen? Das wäre wohl das schrecklichste auf der ganzen Welt. Nun flossen die Tränen auch über mein Gesicht und ich zitterte vor Angst am ganzen Körper. Ich wollte nicht, dass meine Eltern sich trennten. Ich ging ins Wohnzimmer, in dem sie Fernseher guckten. „Was ist denn los, mein Schatz?“, fragte meine Mutter sofort, als sie sah, dass ich weinte. „Wollt… ihr euch trennen?“, schluchzte ich und mein Vater nahm mich in den Arm. „Wie kommst du denn auf diese Idee?“, flüsterte er, „Mama und ich lieben uns über alles. Und wir werden für immer zusammenbleiben.“ Ich sah zu meiner Mutter, die mir zunickte und mich über den Rücken streichelte. Langsam beruhigte ich mich immer mehr. Meine Augen wurden immer und immer schwerer. Ich fühlte nur noch eine unendlich große Liebe in mir und driftete langsam in das Land der Träume ab.
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Dafür leg ich meine Beine ins Feuer~
Fiksi PenggemarEine Geschichte über Freundschaft, Liebe und die Hürden des Erwachsenwerdens. Yara geht in die 5. Klasse eines Gymnasiums. Sie rechnet nicht damit, dass eine Fußballmannschaft ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen kann. Immer wieder müssen Freundsch...