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Emily schien glückselig zu sein. Aufmerksam studierte sie jedes einzelne Bild. Jedes Mal, bevor sie umblätterte, warf sie einen fragenden Blick zu Julia. Und jedes Mal, wenn sie zusichernd nickte, trat ein Leuchten in Emilys Augen, das Julias Herz erwärmte.

Bilderbücher. Das war alles. Es waren einfache Bilderbücher. Aber für Emily schienen sie wertvoller zu sein als jeder Schatz der Welt. Behutsam berührte sie die Seiten, vorsichtig, als wären sie aus purem Gold. Julia genoss es, Emily dabei zuzusehen, auch wenn der Gedanke daran schmerzte, was das über Emilys Gefangenschaft aussagte. Daran versuchte Julia im Moment nicht zu denken. Sie hatten es endlich geschafft, dem Mädchen ein kleines Stückchen Glück zu bringen. Ein kleines Stückchen Freude in all ihrer Angst und dem Grauen, in dem sie gefangen war.

Immer wieder glaubte Julia zu erkennen, dass Emily gerne eine Frage gestellt hätte. Aber sie traute sich nicht. Sie hielt sich eisern an ihre Regel, mit niemandem außer ihrem Vater zu sprechen. Dennoch hoffte Julia, dass die Bilderbücher etwas bei Emily bewirken konnten. Vielleicht verstand sie durch die liebevoll gestalteten Bilder ein wenig mehr, was Familie bedeutete? Vielleicht half die bildliche Darstellung in Emilys kindlicher Vorstellungswelt viel mehr als alle Worte, die Dr. Frank oder Julia an sie richten konnten. Julia hoffte es so sehr! Denn Herr Neumann würde heute noch wiederkommen und Julia wünschte ihm nichts mehr, als dass seine Tochter ihm dieses Mal ohne Angst begegnen konnte.

Als Emily das erste Bilderbuch beendet hatte und fragend nach dem zweiten griff, nickte Julia ein weiteres Mal lächelnd. Es war so wunderschön, welche Freude Emily an den Büchern hatte.

„Möchtest du vielleicht, dass ich dir die Geschichte vorlese?", fragte Julia, als Emily die erste Seite aufgeschlagen hatte.

Verunsichert biss Emily sich auf die Unterlippe, ehe sie zögerlich, aber mit einem aufgeregten Leuchten in den Augen, nickte. Offensichtlich machte ihr die Vorstellung Angst, dass Julia ihr näherkommen würde, aber ihre Neugier schien zu siegen. Sie schien unbedingt wissen zu wollen, was in diesen Büchern stand.

Julia beobachtete, wie sich der Körper des Mädchens versteifte, als sie sich dem Bett näherte. Mit großen Augen sah Emily sie an, bis sie sich schließlich neben sie ans Bett setzte.

Julia bemühte sich, Ruhe auszustrahlen und begann mit zarter Stimme, die Geschichte vorzulesen. Fasziniert beobachtete sie dabei, wie Emilys Blick aufmerksam zwischen ihr und dem Bilderbuch hin und her wanderte. Wann immer sie sprach, sah Emily zu ihr, doch die Bilder schienen sie ebenso in ihren Bann zu ziehen, sodass es ihr schwerfiel, sich an ihre Regel zu halten. Mit jeder Seite schien sie sich mehr in der Geschichte und den Bildern zu verlieren und Julia beinahe zu vergessen.

Bis sie plötzlich schrecklich zusammenzuckte und ihre Augen sich vor Angst weiteten. Erschrocken hielt Julia inne und betrachtete das Bild, das sie soeben aufgeschlagen hatte. Es zeigte die Familie vor ihrem Auto, mit dem sie zu den Großeltern fahren wollten.

„Macht dir etwas auf dem Bild Angst, Emily?"

Das Mädchen nickte mit ihren großen, ängstlichen Augen.

„Was macht dir Angst?", wollte Julia wissen, auch wenn sie eine Vermutung hatte.

Langsam bewegte Emily ihren zitternden Finger zum Bilderbuch und zeigte schließlich auf das Auto.

„Das Auto?"

Emily nickte und bestätigte damit Julias Vermutung. Ein schwerer Autounfall hatte der Kleinen das Leben gerettet, hatte sie aus ihrer Gefangenschaft befreit. Doch für sie musste es ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. Sie hatte diesen Autounfall gefesselt im Kofferraum erlebt, vollkommen unvorbereitet und ohne zu wissen, was geschah.

Lost GirlWo Geschichten leben. Entdecke jetzt