Den restlichen Schultag über konnte ich an nichts anderes mehr denken. Die Nummer schwebte vor meinem inneren Auge und ich starrte fast schon verzweifelt die Uhr an, als würde sie sich dadurch schneller bewegen. Ich wollte nachhause. Ich wollte dieser Person schreiben, jemanden haben, dem ich mich anvertrauen konnte. Jemand, der mich nicht kannte und der mich nicht verurteilen konnte. Das war alles. Ich brauchte jemanden, für den ich ohne einen Ort existierte - eine kleine, anonyme Freundschaft über Nachrichten.
Dem Lehrer zuzuhören erwies sich als eine außerordentlich schwierige Aufgabe. Nicht nur, weil das Thema, das wir derzeit behandelten, äußerst komplex war, sondern auch, weil mir viele koreanische Begriffe nicht ganz klar waren. Noch immer haderte ich damit, die Sprache zu erlernen, sie war zu anders, zu verschieden. Und besonders, wenn mein Kopf eine andere Welt belebte, klang alles noch viel verwirrender.
"Felix? Was sagst du zu dem Thema?", sprach mich auf einmal mein Lehrer an. Ich zuckte etwas zusammen, mir war nicht einmal aufgefallen, dass die Aufmerksamkeit auf mir gelegen hatte. Aber ich verabscheue es. Alle starrten mich an. Sie starrten mich an und warteten auf eine Antwort. Dabei wusste ich nichts. Ich verstand nichts.
"Uh... das... ich... ich fände-", brachte ich bloß überfordert hervor. Dadurch fing die ganze Klasse lauthals an zu lachen, machte sich lustig über meine Unfähigkeit, Koreanisch zu beherrschen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, begann zu rasen und mein Kopf drehte sich. Von allen Seiten erklang Gelächter und alle Blicke waren auf mich gerichtet. Der Lehrer blickte mich voller Enttäuschung an. Mir ging es nicht gut. Das war nicht gut. Das war unfair. Als stände ich auf einer Bühne und sie alle würden Tomaten auf mich werfen.
Mein Hals schnürte sich zusammen, meine Lunge ließ mich im Stich.
"Die Antwort lautet Energie. Nur durch die Energie, die sich in der Geschwindigkeit bündelt, kann man die Gravitation überwinden", sagte Jisung plötzlich. Sogleich erstarb das Gelächter, alle schauten zu ihm. Jisung errötete, die Peinlichkeit war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Jeder wusste, dass er intelligent war. Doch sie wussten auch, dass er sich nie meldete, denn er war die Schüchternheit in Person. Und trotzdem hatte er gesprochen, er hatte sich für mich eingesetzt.
Das hatte ich nicht gewollt.
Ich sank in mir zusammen, starrte hilflos auf meinen Tisch. Wem machte ich etwas vor? Ich gehörte hier nicht hin. Das würde ich niemals tun. Und dann endete es darin, dass ich mich auf jemanden verlassen musste, jemandem für etwas dankbar sein musste, mit dem ich nicht einmal Kontakt hatte. Ich wollte nicht, dass Jisung das machte. Er sollte mich in Ruhe lassen. Jedes Mal, wenn er mir half, fühlte ich mich so erbärmlich, als könnte ich nichts für mich allein schaffen. Wir waren zwar nach außen hin Freunde, doch tief in meinem Inneren verabscheute ich ihn dafür.
Ich wollte mich nie wieder auf jemanden verlassen. Es würde sowieso nur darin enden, dass ich verletzt wurde. Das konnte ich nicht noch einmal ertragen.
Jisung sah in meine Richtung, wohl um zu überprüfen, wie es mir ging. Ich erwiderte diesen Blick nicht, fühlte mich nicht bereit dazu, dieser Sorge zu begegnen. Er durfte sich nicht um mich kümmern. Ich wollte das einfach nicht, ich wollte es nicht!
Aber dann landete ein Zettel auf meinem Tisch, gefaltet wie ein kleiner Vogel. Diese Faltkünste besaß ausschließlich Jisung, weshalb ich es erst nicht wagte, den Zettel anzurühren. Allerdings brodelte die Neugier in mir, mein Innerstes sehnte sich danach, ein bisschen seiner Aufmerksamkeit und Zuneigung schnappen zu können. Also faltete ich den Vogel auf, und las mir die Worte durch, die er extra in Englisch geschrieben hatte.
Let's go to the cinema tomorrow! I invite you! You are awesome!
-JisungSchwach begann ich zu lächeln, ganz wenig, sodass man es fast nicht erkennen konnte. Okay, vielleicht... ganz vielleicht verschwand dadurch das Gefühl, bemitleidenswert zu sein. Vielleicht hatte diese Freundschaft doch eine Chance. Eine ganz kleine bloß, denn zu nahe würde ich ihn nicht an mich heranlassen. Aber zumindest wäre ich nicht länger allein. Dann verschwand wenigstens ein winziger Teil der Einsamkeit, die mein kleines Herz wie eine tiefe Dunkelheit umhüllte.
★★★
Monachopsis:
The persistent feeling of being out of place.
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Eudaemonia ★ Hyunlix
Fiksi PenggemarGefühle sind oft schwierig. Besonders, wenn es kaum Worte gibt, die sie wirklich beschreiben. Jedoch braucht Felix etwas, an dem er sich festhalten kann, ein Wort, das erklärt, wie er sich fühlt. Ansonsten wandelt er in einer endlosen Dunkelheit, ve...