Jahr 75 der neuen Zählung
Er überlegte nicht lange, schnappte sich das Kleinkind, und rannte mit seinem ganzen Gewicht gegen die Hinterwand. Sie gab sofort nach. Er rannte so schnell er konnte. Die ganze Strecke zu seinem ehemaligen Haus. Dort stand nun ein gigantischer Wohnblock der Hunderte von Metern in den Himmel ragte. Doch von der Sonne war dort oben keine Spur. Alles war bedeckt von einem immergrauen, chemieversäuchten Rauch. Wenn Algiar ehrlich war, hatte er sie noch überhaupt nicht gesehen, diese mysteriöse Sonne. An dem Wohnblock angekommen, stürmte er in das Hauptgebäude. Als er drin war, entspannte er sich wieder. Draußen lauerte die Gefahr von einer Drohne gefilmt zu werden, und dies verhieß nichts Gutes. Er hastete zum Aufzug. Die Türen schoben sich provozierend langsam auseinander. Er stieg hinein, und drückte den Knopf für Stockwerk 15. Als sich die Türen wieder mit demselben Tempo schlossen, betrachtete er die Leute. Einige kannte er von früher. Es waren die reicheren, die sich so etwas leisten konnten. Und genau diese warfen ihm verhasste Blicke zu, und tuschelten dabei über ihn. Als die Türen zu waren, beschleunigte der Aufzug. Nach nur wenigen Sekunden waren sie da. Algiar blickte nach oben. Ein flackerndes Schild: Wirtshaus zum Wirt. Algiar ging hinein. Da sah er auch sogleich den Wirt. Dieser musterte ihn misstrauisch und ungläubig. „Hallo....“, nuschelte Algiar. „Tag auch“, erwiderte der Wirt, wobei er keine Miene verzog. Doch plötzlich konnte der Wirt nicht mehr er beugte sich nach vorne, hielt sich seinen rundlichen Bauch, und fing so herzlich an zu lachen, wie es Algiar noch nie in seinem Leben gehört hatte. Er brüllte geradezu seine Freude heraus. „Algiar! Wie lange ist es her?“ „Ein Jahr“, sagte er, wobei er möglichst cool klingen wollte, was ihm aber nicht gelang, weil auch er den Wirt seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. „Nur dein Aussehen bekommt mir nicht ganz. Es passt mir nicht, weil es von dieser Organisation ist, und weil du darin irgendwie lächerlich aussiehst.“ Und das stimmte. Algiar war noch nicht einmal ganz 15, und war schon bei etlichen Einsätzen dabei gewesen. Und genauso oft hatte er sich diese berühmte Frage gestellt: Warum ? Eigentlich lag die Antwort auf der Hand. Deswegen tat er das überhaupt alles. Doch manchmal überkamen ihn Selbstzweifel.
„Ja, du hast Recht, aber du wirst vermutlich wissen, warum ich das hier trage.“ Der Wirt nickte, und sagte dann etwas unsicher: „Ich möchte dich nur warnen, Algiar. Ich möchte nicht, dass Dir das gleiche widerfährt, wie deinem Vater. Irgendwann musstest du es sowieso wissen. Er hat sich auch der Organisation angeschlossen, ebenfalls mit dem Vorsatz sie zu vernichten. Er hätte es auch fast geschafft, doch im entscheidenden Kamp gegen Milan, der zu dieser Zeit noch der Leibwächter des Kanzlers war, wurde dein Vater getötet. Deshalb hat sich deine Mutter auch mit Händen und Füßen gewehrt, um nicht in diese Organisation zu kommen, welche eigentlich weniger für die Sicherheit, als das Töten von Menschen da ist. Milan weiß, dass in dir das gleiche Kämpferherz steckt, wie in deinem Vater. Und deshalb wirft er wahrscheinlich einen extra Blick auf dich.“ Algiar schaute auf den Boden. Ihm rollte eine Träne über die Wange, und tropfte schließlich auf das kleine, unschuldige Kind in seinem Arm. „Der Unterschied zwischen mir und meinem Vater ist, dass ich es schaffen werde“, sagte Algiar mit fester Stimme. „Was ist das überhaupt?“, fragte der Wirt, und deutete mit dem Kopf auf das Leinenbündel, das Algiar in den Händen hielt. „Das ist ein kleines Baby, das getötet worden wäre, wenn ich es nicht gerettet hätte. Es hätte mit seiner Mutter in die Sümpfe fliehen können, wo es sowieso nach spätestens zwei Tagen gestorben wäre, weil es dort keinen Fleck mehr gibt, der nicht mit einer giftigen Chemikalie versaut ist. Seine Mutter wurde erschossen. Deswegen wollte ich dich fragen, ob du es vielleicht großziehen kannst. Er soll Xenon heißen, und ich habe das Gefühl, er wird eines Tages eine große Tat vollbringen.“ Der Wirt nickte: „Weil du es bist, Algiar.“ „Ich muss los, dass kein Verdacht geschöpft wird“, sagte Algiar, „Danke“. Der Wirt hob zum Abschied den Arm und zeigte mit der Hand drei Finger, was ein Zeichen des Friedens und Mut war. Nachdem Algiar das Kind dem Wirt übergeben hatte, rannte er hinaus, und sprang in den Aufzug. Unten ging er aus der Tür. Sofort sah er eine Drohne über seinem Kopf. Ein Bildschirm fuhr aus dem eisernen Gehäuse. Ein Bild seines Gruppenführers wurde übertragen. „Wo warst du?“, fragte die Stimme des Gruppenführers mit blechernem Unterton, wegen der Übertragung. „Ich dachte es wäre noch ein Mann in dem Haus, und dachte er wäre hierhergelaufen. Also bin ich dem vermeintlichen Mann gefolgt. Es hat sich herausgestellt, dass ich vermutlich nur irgendwelche Schatten gesehen habe.“, log Algiar gekonnt. Dann kam auch schon der Helikopter angeflogen, von dem aus das Bild übertragen wurde. Algiar zog sich an dem Seil hoch, das kurz zuvor aus dem Boden gelassen worden war. Algiar wurde zurück zu einem riesigen Wolkenkratzer geflogen. Er stand im Arbeitsbezirk, und war nun schon seit einem Jahr Algiars Zuhause.
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Im Schatten der grauen Riesen
Science FictionEin sehr interessantes Science-Fiction Projekt in dem drei Autoren immer wieder neue Teile dazuerfinden werden. Mehr dazu im Vorwort ...