5 LIZ ‖ Bruce Springsteen

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Die Mittagsrunde am Nerd-Tisch ist wider Erwarten total nett und lustig. Ich muss zugeben, dass ich mich sehr wohl fühle. Ich kann einfach ich selbst sein, ohne auch nur im Geringsten darauf achten zu müssen, beim Essen möglichst elegant, cool und hübsch auszusehen. Jo hat recht, es kann wirklich befreiend sein, nicht zu den heißen, angesagten Leuten zu gehören, die ständig unter Beobachtung stehen.

Diese Erkenntnis stimmt mich nachdenklich. Bisher hatte ich nie viel Kontakt zu den ganz normalen Leuten wie Patricia, Pete oder Jacob es sind. Ich habe mich immer nur mit den besonders Hippen und Beliebten abgegeben. Es wurde meistens über Mode, irgendwelche Beauty-Themen, Jungs und Partys gesprochen, aber wirklich kennengelernt habe ich dabei niemanden. Die Bekanntschaften blieben meist sehr oberflächlich.

Wenn ich es mir genau überlege, habe ich außerhalb unserer Band keinen einzigen richtigen Freund.

Vielleicht habe ich hier endlich die Chance, wahre Freunde zu finden? Freunde, für die nicht im Vordergrund steht, wie gut man aussieht und wie supercool und erfolgreich man ist. Leute, die sich für mich als Mensch interessieren und mit denen man über alles reden kann.

Ich muss einfach anfangen, die positiven Seiten an unserer unfreiwilligen Auszeit zu sehen.

Mit Jacob verstehe ich mich bereits richtig gut. Er hört mir aufmerksam zu, wenn ich etwas sage und kauft mir ohne weiteres ab, dass ich mehrere Instrumente spiele und in einer Band singe.

Vielleicht wird unsere Zeit an dieser Schule doch nicht ganz so horrormäßig, wie ich befürchtet habe.

Auf dem Weg aus der Schulmensa legt mein Bruder seinen Arm um meine Schultern und fragt beiläufig: „Und, wie läuft's denn mit deinem Traumtypen nach der Abfuhr heute Morgen? Schon irgendwelche Fortschritte erzielt?"

„Pfft ... Wie du ja schon mitgekriegt hast, ist er bei näherem Hinsehen gar nicht so traumhaft, wie er auf den ersten Blick aussieht. Tja, in Chemie sitze ich sogar neben ihm und du wirst es nicht glauben, wir sind gleich nochmal zusammengerasselt."

„Oh doch, Kleine, das glaube ich ohne Weiteres", kommt es sofort von meinem Bruder, wobei er mich unverschämt angrinst. „Und dabei hast du dann anscheinend noch mehr Fehler an ihm entdeckt."

„Zwar keine äußerlichen, aber das gute alte Sprichwort 'Außen hui – innen pfui' trifft wohl ziemlich exakt auf ihn zu."

„Mit anderen Worten: mein Schwesterchen streicht tatsächlich schon die Segel. Das hätte ich ja nicht gedacht."

„Da kennst du mich aber schlecht, Großer. Auf keinen Fall. Ich würde nur sagen, dass sich die Zielsetzung etwas geändert hat. Ich habe kein Interesse, mit so einem Idioten zusammen zu sein. Aber eine kleine Lektion will ich ihm auf jeden Fall erteilen. Irgendwann wird er sich noch alle Finger danach abschlecken, mich rumzukriegen und dann werde ich ihn eiskalt abservieren."

Ein böses Lächeln umspielt meine Lippen.

„Huch, Sis. Den Blick kenne ich. Der Typ tut mir ein bisschen leid."

„Ja, das sollte er auch."

Ich habe zwar noch nicht die geringste Ahnung, wie ich den heißesten Typen weit und breit von mir überzeugen soll, wenn ich so aussehe, wie ich es gerade tue, aber das muss ich Jo ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

Im Flur verabschieden wir uns von unserer netten Mittagsrunde. „Was hast du denn jetzt noch für einen Kurs?", will Patricia von mir wissen.

„Zwei Stunden Musik bei Mr. Franklin", antworte ich wie aus der Pistole geschossen. Schließlich freue ich mich darauf schon den ganzen Tag. Endlich ein Lichtblick, denn Musik ist schon immer mein absolutes Lieblingsfach.

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