Kapitel 5

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Deshalb entschied Thomas sich dazu, sich einen Account mit einem anderen Namen zu erstellen. Das war vielleicht nicht die feine Art, jedoch war seine Angst von Zurückweisung einfach zu groß und er wollte es irgendwie so versuchen, Biggi zu erreichen. Das er es dadurch eventuell doppelt vermasseln konnte, war ihm bewusst und wie und ob er diese Notlüge jemals aufdecken würde, das würde sich hoffentlich irgendwie ergeben.
Er erstellte sich noch am gleichen Abend einen neuen Account und sendete Biggi eine Freundschaftsanfrage. Von diesem Moment an hieß es warten und das machte Thomas beinahe verrückt. Irgendwann kamen auch seine Frau und seine Kinder nach Hause, jedoch redeten er und Vera nicht sonderlich viel miteinander. Sie waren sich inzwischen einig, dass ihre Ehe am seidenen Faden hing und sie sich nur der Kinder wegen nicht scheiden ließen.
Allerdings war das auf Dauer keine Lösung und sie mussten irgendwie einen Weg finden, es zu regeln. Jedoch gerieten sie deshalb immer in Streit und nach wenigen Minuten waren etwaige Gespräche schon wieder beendet.
Thomas brachte schließlich seinen Sohn ins Bett und auch die zwei anderen Familienmitglieder schliefen bereits, während Thomas noch auf dem Balkon saß und eine Zigarette rauchte. Das war inzwischen zu einem Laster geworden, welches er selbst nicht ausstehen, aber das er sich einfach nicht abgewöhnen konnte.
Alle paar Sekunden schaute er auf sein Handy, aber es passierte lange nichts und Thomas wollte bereits schlafen gehen, als das Display plötzlich aufleuchtete. Er hatte eine neue Benachrichtigung und als er sah, welche, machte sein Herz einen regelrechten Freudensprung - "Biggi Schwerin hatte deine Freundschaftsanfrage bestätigt".
Und somit war der erste Schritt getan. Zumindest mehr oder weniger.
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Ein paar Wochen später...
Bei Biggi war seit ihrem Ende bei der Tanzshow wieder Normalität eingekehrt. Termine reihten sich aneinander, nebenbei wollte ihr Sohn noch anständig versorgt werden und noch so ein paar andere Belange verlangten ihre Aufmerksamkeit.
Die Schauspielerin hatte kaum Zeit für sich und wenn, dann war das meistens abends und sie schlief beinahe jeden Tag vor dem Fernseher ein. Es war wie ein Kreislauf, der sie mehr und mehr auslaugte. Biggi liebte ihren Beruf und ihren Sohn, sowie alle ihre Projekte. Allerdings hatte sie im Moment das Gefühl, dem Ganzen nicht mehr gewachsen zu sein und wie die letzte Zeit immer, war Biggi froh, sich endlich auf dem Sofa nieder lassen zu können.
Sunny, ihre Golden-Retriver Hündin, legte sich ebenso müde neben ihr Frauchen. Es war wieder ein anstrengender Tag gewesen.
Mit dem Wissen, wahrscheinlich sowieso nicht viel von irgendeiner Sendung mitzukommen, schaltete Biggi den Fernseher ein. Sofort flimmerten Bilder vor ihren Augen, die ihr allerdings schmerzlich bekannt vor kamen.
Es waren Szenen der Serie 'Medicopter 117', bei der sie jahrelang mitgewirkt hatte. Gerade kletterte eine Frau von einem Auto aus zum Helikopter hinauf und versuchte, bis ins Cockpit zu kommen, um ihre Kollegen zu retten.
Sofort schlug Biggis Herz schneller, da sie sich in die Situation zurück versetzt fühlte, als das gedreht wurde. Damals war sie abgerutscht und auf den harten Asphalt geknallt, woraufhin sie einige Tage lang ihre Beine nicht mehr hatte spüren können. Wenig später hatte sie die Serie verlassen, allerdings nicht primär wegen dieses Unfalls und damals hatte man sich auch entschieden, die besagte Folge zu streichen. Allerdings war es dabei nicht geblieben, wie Biggi wusste.
Die Schauspielerin wusste, dass die Folge in eine andere Staffel eingebaut worden war und sie wusste auch, dass sie darin nicht zu sehen war, sondern ihre Schauspielkollegin Gina Aigner. Diese hatte Biggi damals ersetzt, genauso wie Biggis Charakter gegen Ginas Rolle ausgetauscht worden war. Und Gina hatte es geschafft, die Szene zu drehen, während Biggi dabei kläglich gescheitert war. Und das ließ sie bis heute nicht los.
Ihrer Meinung nach hätte sie die Szene und noch so viel mehr nämlich geschafft, wenn ein Faktor nicht gewesen wäre. Wäre sie damals mit den Gedanken bei der Sache gewesen, dann wäre der Unfall und noch einige andere Dinge niemals passiert. Doch rückgängig machen konnte sie nichts von alledem und sie konnte froh sein, dass es so glimpflich ausgegangen war und bis heute die Öffentlichkeit nichts von der Sache erfahren hatte, die zwischen ihr und einem bestimmten Kollegen abgelaufen war.
Biggi schaltete erstmal den Kanal um und ließ sich zurück in die Lehne ihrer Couch sinken. Egal, wie schmerzhaft und real diese Erinnerungen in ihrem Kopf gerade waren, sie würde jetzt nicht weinen. Das nahm sie sich fest vor und deshalb atmete die Schauspielerin tief durch, um diesen Vorsatz auch einhalten zu können.
Sunny merkte sofort, dass etwas nicht stimmte, da Biggi auch angefangen hatte stark zu zittern aufgrund der Anspannung, die sie brauchte um die Tränen zurück zu halten. Die Hündin setzte sich sofort auf und stupste Biggi mit dem Kopf an und schmiegte sich anschließend an ihre Seite, woraufhin Biggi einfach schmunzeln musste. "Es ist alles gut, mein Mädchen.", sagte sie und glaubte sich nicht einmal selbst. Aber sie war froh, Sunny bei sich zu haben, die ihr von Anfang an ihrer gemeinsamen Zeit eine große Stütze war.
Sie nahm ihre Hündin fest in den Arm und nach ein paar Minuten legten sie sich gemeinsam auf das Sofa. Eng aneinander gekuschelt lagen sie da, was für Biggi die beste Therapie war, die es gab. Nach einem solchen Tag wie heute, tat es gut, jemanden zu haben der einem dabei half runter zu kommen. Und neben Sunny hatte es tatsächlich nur ein Mensch jemals geschafft, so eine Wirkung auf Biggi zu haben.
Als sie jedoch sofort wieder an denjenigen denken musste, wurden ihre Gedanken wieder unruhig. Plötzlich hörte Biggi allerdings ihr Handy vibrieren, das auf dem Tisch neben dem Sofa lag. Sofort hoffte sie, dass die empfangene Nachricht von einem bestimmten Menschen war, zu dem sie zwar erst seit ein paar Wochen Kontakt hatte, der ihr aber trotzdem irgendwie wichtig geworden war. Warum, das wusste sie nicht. Aber die Chemie hatte sofort gestimmt.
Augenblicklich griff Biggi nach ihrem Handy und tatsächlich hatte sie eine Nachricht im Facebook-Messenger. Sie lächelte, als sie die Worte las. 'Hallo Schönheit, wie war dein Tag?', lauteten diese und Biggi klickte sofort auf das Symbol, um zu antworten. Es handelte sich zwar um einen Fan und eigentlich hasste Biggi es, solche Nachrichten zu bekommen, die wirklich täglich zu genüge in ihrem Postfach landeten.
Allerdings war es bei diesem Mann anders. Sein Name war Erik und er schrieb Biggi seit einigen Wochen täglich und kommentierte auch jedes ihrer Bilder. Eigentlich konnte die Schauspielerin so etwas gar nicht ausstehen, aber irgendwie gefiel ihr die Aufmerksamkeit, die dieser Fremde ihr schenkte. Es war irgendwie anders, als bei anderen Fans und mit ihm schrieb sie auch tatsächlich über Themen, die sie interessierten.
Es waren also nicht nur solche belanglosen Dinge, von denen Biggi schon nach ein paar Wochen auf Social-Media genug gehabt hatte. Sie wusste ganz genau, warum sie es so lange hinausgezögert hatte, sich irgendwo anzumelden. Einfach, weil man als Person des öffentlichen Lebens öfter an Menschen geriet, die die Privatsphäre eines anderen nicht akzeptieren konnten oder irgendwelche aufdringlichen oder komischen Kommentare hinterließen.
Biggi schätzte zwar ihre Fans, jedoch gab es Grenzen und die schienen ein paar Leute nicht zu kennen. Doch bei Erik hatte Biggi ihre Prinzipien über den Haufen geworfen und seitdem schrieben sie täglich miteinander. Sie begann nun, ihre Antwort mithilfe der Tastatur einzutippen.
Sie berichtete dem Mann von ihrem eher bescheidenen Tag und davon, dass sie langsam nicht mehr wusste, woher sie ihre Kraft nehmen sollte. Die Antwort ihres Chatpartners kam eigentlich sofort. 'Klingt für mich danach, als ob du mal Urlaub bräuchtest.', lautete diese. 'Scheint so, aber ich kann hier nicht so einfach weg.', schrieb Biggi zurück.
Wieder kam die Antwort ziemlich prompt. 'Und warum nicht?', fragte Erik und Biggi kam ins grübeln, denn ihr fielen auf Anhieb keine wirklichen Gründe ein.
Schließlich hatte sie es mehr als nötig und ein paar Tage Auszeit würden ihr sicher gut tun. Nur leider hatte ihr Sohn im Moment keine Ferien, was bedeutete, dass sie bis dahin warten mussten bis sie in den Urlaub fahren konnten.
Das schrieb sie auch Erik, der darin jedoch kein Problem sah. 'Du hast doch sicherlich jemanden, der auf deinen Jungen aufpassen kann, während du für ein paar Tage entspannst, oder?', fragte er und schickte gleich eine weitere Nachricht hinterher. 'Mit einer glücklichen Mama lebt es sich schließlich leichter.', lautete diese und Biggi musste lächeln. Irgendwie hatte er ja recht und ihr letzter Urlaub alleine war bereits eine Ewigkeit her.
Jedoch plagte sie schon immer das schlechte Gewissen, wenn sie nur für ein paar Tage beruflich verreisen musste und das kam in letzter Zeit ziemlich häufig vor. Nun sollte sie ihren Sohn auch noch hier lassen, wenn sie als Freizeitgestaltung weg fuhr?
Biggi wusste wirklich nicht, ob sie das tun wollte. 'Ich weiß nicht so recht.', schrieb sie zurück und glaubte, Erik war von ihrem Verhalten genervt, da einige Minuten lang nichts mehr kam. Allerdings sendete er ihr plötzlich einen Link.
'Ich glaube, das wäre perfekt für dich.', kommentierte er dazu und Biggi konnte nicht anders, als auf den Link zu klicken. Ihre Neugier war einfach zu groß. Sie landete schließlich auf einer Internetseite für Urlaubsorte und Ferienwohnungen in Italien.
Erik hatte ein kleines Häuschen ausgewählt, das unmittelbar am Meer stand und außen herum war nichts weiter außer ein weitläufiger Strand. Biggi staunte nicht schlecht, denn tatsächlich gefiel ihr das was sie sah auf Anhieb. Sie liebte Italien und auch das Meer, sowie kleine abgelegene Ferienhäuser. Dort kam sie lieber unter, als in einem Hotel, das voller Menschen war, die sich im Pool und im Speisesaal aneinander drängten. Das hatte für Biggi nichts mit Entspannung zu tun, sondern eher mit zusätzlichem Stress, weshalb sie sich lieber selbst versorgte und dafür aber auch wirklich zur Ruhe kam. Und wie, als ob er das geahnt hätte, hatte Erik ihr genau so ein Urlaubsangebot geschickt.
Und erneut begann Biggi nachzudenken. Zu verlieren hatte sie eigentlich nichts, da ein Urlaub sowieso längst überfällig war. Des Weiteren musste sie sich tatsächlich entscheiden, ob sie lieber jetzt die Notbremse zog und ein paar Tage Pause machte, freiwillig. Oder ob sie in absehbarer Zeit aufgrund von Burnout arbeitsunfähig wurde, da sie einfach schlichtweg zu stur gewesen war, um sich genügend Ruhe zu gönnen.
Wieder und wieder sah Biggi sich die Bilder des Häuschens und des umliegenden Strandes an und je länger sie das tat, desto mehr Fernweh bekam sie. Sie konnte sich nur noch wage an ihren letzten Urlaub in Italien erinnern, da er einfach schon so lange her war. Dabei lag Italien direkt neben Österreich und somit gar nicht mehr so weit weg, im Gegensatz zu der Zeit, als sie in Deutschland in Schleswig-Holstein gelebt hatte.
Nur hatte sie seit dem Umzug zurück nach Österreich keinen Kopf für Urlaub gehabt, da sie sich zunächst erstmal wieder ein Leben hier hatte aufbauen müssen. Doch nun spielte Biggi tatsächlich mit dem Gedanken, dem Vorschlag von Erik zu folgen. Dabei war er ein Fremder und Biggi wusste ja nicht, dass er nicht derjenige war, der er vor gab zu sein.
Trotzdem vertraute sie diesem Mann aus irgendeinem ihr unbekannten Grund und deshalb entschied sich die Schauspielerin kurzerhand dafür, genau zu diesem Ort zu fahren und das schon sehr bald. Sie hatte Glück, denn gerade war das Haus frei und deshalb buchte Biggi gleich ihren Urlaub dort.
In zwei Tagen wollte sie aufbrechen und bis dahin würde sie mit Sicherheit alle wichtigen Details klären können, wie zum Beispiel die Betreuung ihres Sohnes in dieser Zeit oder die Verschiebung von Terminen. Sie fühlte sich gut, jetzt, nachdem sie sich tatsächlich für ein paar Tage Auszeit entschieden hatte und nun schrieb sie auch Erik zurück, den sie ziemlich lange auf eine Antwort hatte warten lassen.
'Ich habe gebucht, danke für den Tipp. Ich glaube es ist wirklich genau das, was ich gerade brauche.' Jedoch ahnte Biggi zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieser Urlaub anders verlaufen würde, als sie jemals geglaubt hätte.
Mit dem was passieren würde, rechnete sie nicht im Geringsten.

Fürs echte Leben gibt's nun mal kein Drehbuch - 15 Jahre später Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt