Dag saß abends alleine in seinem Hotelzimmer.
Er fühlte sich wie ein Eremit.
Vincent hatte ihn zum Kommen aufgefordert, aber er nahm diese Einladung nicht an. Er wusste, dass Katja ihn im Grunde nicht da haben wollte.
Bereitwillig bot Vincent im Folgenden an, dass er bei ihm auftauchen würde. Doch selbst das wollte Dag nicht.
Er log, das er lieber alleine wäre. Dabei benötigte er so dringend Ablenkung ... nein, Normalität. Er sehnte sich nach dem Normalzustand eines Alltages.
Nach Hause kommen. Mit der Familie essen. Sich unterhalten.
Auch wenn das alles nicht mehr so der Fall gewesen war, fehlte ihm genau jenes mehr als vorher.
Er benötigte seine Familie.
Familie ...
Der Gedanke, dass er im Grunde bald zwei Familien haben würde, die er eventuell in zeitlichen Abständen besuchen müsste, wie ein Fremder, der gar nicht wirklich dazu gehörte, ängstigte ihn.
Da wäre Nia, die ihm als Einzige komplett bleiben würde. Denn Isabelle müsste zu keinem Besuch anwesend sein. Nia war alt genug. Er würde seine Frau vollständig verlieren.
Andererseits gab es da Carla und das Kind, was sie bekommen würde. Sie hegte keinen Groll gegen ihn und genauso wäre sie jetzt bestimmt froh, wenn er bei ihr wäre.
Angenommen, dass er mit ihr eine Freundschaft aufbauen könnte, würde zumindest dort alles lockerer laufen und er hätte eine minimale Sorge weniger. Da dieses Kind dann nicht mit ansehen müsste, wie die Eltern sich streiten.
Er streckte sich, um an sein Handy zu kommen, und öffnete ihren Chat.
- Hey. Was machst du?
Vier Minuten später färbten sich die Haken blau.
- Nichts. Liege auf der Couch. Und du?
- So ähnlich.
Er schickte es ab, schrieb aber bereits die Nächste.
- Kann ich vorbeikommen? Einfach nur so.
Sie hatte die Nachricht gelesen, konträr dazu antwortete sie jedoch nicht. Sie verließ sogar den Chat und er war sauer, dass er überhaupt gefragt hatte.
Er knallte sein Handy neben sich und erschrak, als ein wenig später eine neue Mail per Vibration eintraf.
- Dann beeil dich. Ich hab uns Essen bestellt. Mal sehen, wer zuerst da ist. 😉
Er lächelte, zog die Schuhe an, grapschte sich seine Jacke und verließ das einsame Hotelzimmer.
Damit er nicht auf den Bus warten musste, schnappte er sich das nächste Taxi und ließ sich zu Carla kutschieren.
Er bezahlte den Mann und lief sofort die Treppe hinauf. Die Eingangstüre war zu, also klingelte er von draußen.
Als das surrende Geräusch erklang, trat er ein. Carla stand bereits an der Türe und lächelte. »Erster. Herzlichen Glückwunsch.«
Er verbeugte sich, mit einem breiten Grinsen, wie vor großem Publikum und zog die Schuhe aus, als er in ihre Wohnung ging. Auch seine Jacke hing er auf.
Mit Anlauf schwang er sich gewohnt auf die Couch und lehnte sich zurück.
Carla setzte sich mit Abstand dazu. Sie trug eine Jogginghose und ein normales Top darauf. »Du hast dich echt beeilt.« , sagte sie.
»Ja. Ich bin halt direkt los.«
Sie lächelte und stellte die Musik einen Tick leiser, die über ihren Fernseher abgespielt wurde. »Ich hab's gemerkt.«
»Nein, aber ... ich wollt auch mit dir reden.«
»Und was genau?« , fragte sie, während sie sich einen Zopf machte.
»Kann das bitte so bleiben?«
»Was meinst du?«
»Ich mein ... unserem Kind zuliebe. Das wir das alles freundschaftlich und erwachsen auf die Reihe bekommen.«
»Klar. Wieso nicht?!«
»Meine Tochter bekommt derzeit echt viel mit und ich will nicht, das es hier genauso abläuft.«
»Mach' dir keinen Kopf, Dag. Hier wird es besser laufen.« Sie lächelte. »Ich will auch keinen Streit mit dir. Ganz im Gegenteil.«
Er wusste, worauf sie ansprach. »Carla, ich mein echt nur freundschaftlich. Nicht mehr.«
»Ich weiß, was du meinst. Und keine Sorge, ich werde nichts dergleichen tun. Nichts, was du nicht auch willst.« , sagte sie. »Ich habe dich vorher auch nicht zu etwas gezwungen, das war dein freier Wille.«
»Ich weiß.« Er lächelte sie leicht an, als es an der Türe klingelte.
Carla stand auf und er musste automatisch kurz auf ihren Hintern gucken. Fix sah er jedoch in eine andere Richtung und rief ihr hinterher. »Ich bezahl' das Essen.«
»Nein. Nein. Lass. Ich hab's eh schon abbuchen lassen.«
Er hörte eine Frauenstimme. Das war nicht der Lieferdienst, denn Carla bat die Person rein.
Eine junge Frau erschien und lächelte ihn an. Sie hatte kurzgeschorene Haare, eine viel zu große Brille und war von Kopf bis Fuß tätowiert. Selbst im Gesicht hatte sie einen Schriftzug schräg neben der linken Augenbraue. Damage in verschnörkelter Schriftart.
»Warte. Ich hol' ihn dir.« , sagte Carla und huschte an ihr vorbei Richtung Küche. »Das ist übrigens Dag.« , erwähnte sie noch.
Die Frau kam näher und reichte ihm die Hand. »Ich bin Leni.«
»Freut mich.« Er beugte sich ein wenig vor, um ihr die Hand zu reichen.
»Sie hat mal in der Pizzeria für eine kurze Zeit gejobbt.« , erklärte Carla, die etwas in der Küche suchte. »Aber sie arbeitet jetzt beim Radio.«
»Ah okay.«
Leni setzte sich auf den Sessel. »Du bist also, der Dag.« Sie betonte seinen Namen extralaut und schielte zu Carla rüber.
Dag ahnte, dass sie also über ihn geredet haben musste. Und irgendwie war er neugierig, was sie wohl ausgeplaudert hatte.
»Das ist mein Name. Aber was er wohl präsentiert, kommt auf die Geschichten an, die über mich erzählt wurden.«
»Nur Positives, glaub' mir. Hab' schon gedacht, Carla hätte 'nen Hirntumor und bildet sich so einen Traummann nur ein.«
Er war ein wenig geschmeichelt darüber, weil Isabelle würde Dinge wie positiv und Traummann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr benutzen, wenn sie in Zukunft über ihn reden würde. Obwohl ... Carla könnte dies auch nur gesagt haben, in der Zeit wo sie ...
»Ich glaube nicht, das Carla jetzt noch so positiv über mich redet.«
»Doch. Klar. Gerade gestern hat sie noch von dir geredet. Wie zuvorkommend du bist, lieb, ein Herzensmensch ... was war das noch?!«
Carla reichte ihr einen Stabmixer und lächelte. »Du solltest jetzt besser gehen.«
»Oh. Verstehe.« Leni stand auf. »Ihr wollt, allein sein.«
»Wir sind nur ... Freunde.« , meinte Dag.
»Freunde wissen nicht, wie der andere schmeckt.« Carla schubste ihre Freundin ein wenig, als sie dies äußerte und zog sie zur Türe.
Dag schüttelte mit einem Lächeln den Kopf und benetzte sich kurz die Lippen, als er ein gewisses Liebesspiel mit Carla gedanklich Revue passieren ließ.
Doch er verwarf die Anschauung sofort. Schließlich wollte er wirklich eine Freundschaft ... nicht mehr.
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Reißen wir uns gegenseitig raus, oder reiten wir uns rein (Band 3)
FanfictionBAND 3 »Ich will keinen Streit mit dir. Ich will das wir uns beide wie erwachsene Menschen verhalten und ...« »Ich verhalte mich erwachsen oder siehst du, das ich gerade kindisch bin?« , sprach Carla. »Ich weiß, das zwischen uns mehr ist und ich geb...