Dags Koffer lag auf der Matratze des Hotelzimmers. Der Termin beim Frauenarzt wurde wegen Krankheit des Arztes abgesagt, wie Carla ihm am Morgen berichtete. Ohne die Sachen zu falten, warf er seine Klamotten Stück für Stück hinein, als es an der Tür klopfte.
Mit gerunzelter Stirn, da er niemanden erwartete, ließ er alles liegen und öffnete diese.
»Hey.« , grinste Vincent ihn an und zog auch direkt an ihm vorbei ins Zimmer hinein.
»Was machst du hier?« , fragte Dag und trabte ihm hinterher. »Hab ich 'nen Termin vergessen?«
»Nein. Ich dachte halt einfach, wir könnten ein wenig Zeit miteinander verbringen. Du hast nie Zeit, wenn ich frage, also ... dachte ich, spontan geht besser.«
»Klar. Aber ich muss vorher noch etwas erledigen.« Er warf weiter Sachen in den Koffer.
»Was machst du?« Vincent setzte sich aufs Bett, während er ihm dabei zusah.
»Ich packe.«
»Weil?«
»Weil ich hier ausziehe.«
»Wohin?« , fragte er und zog dann die Augenbrauen hinauf. »Sie lässt dich wieder einziehen?«
»Isy? Nö.« , meinte er und warf die eingerollten Socken wie Basketbälle in den Koffer hinein.
»Anderes Hotel?«
Dag schüttelte den Kopf. »Zu meiner Freundin.«
»Zu deiner, was?«
»Meiner Freundin.«
»Du meinst, eine, Freundin?!«
»Nein. Ich meine damit, meine feste Freundin.«
»Deine ...« Er schüttelte leicht konfus den Kopf. »Wann ist das denn passiert?«
»Gestern. Hab mich gestern dafür entschieden.«
Vincent traute sich gar nicht so Recht, nachzufragen. Tat es aber dann doch. »Carla?«
Dag nickte. »Natürlich Carla. Wer sonst?«
»Du hast dich entschieden?«
»Ja. Sagte ich doch.« Dag hörte auf mit packen und sah ihn an. »Diese Frau macht mich glücklich Vincent. Ich bin gerne bei ihr. Ich liebe den Sex mit ihr. Es ist einfach alles ... perfekt.«
»Du weißt, das nie immer alles perfekt ist.«
»Aber momentan ist es das.«
»Dag, ich will dir das nicht madig machen. Ich wollte damit nur sagen, dass es nirgendwo immer perfekt abläuft. Jede Beziehung geht Höhen und Tiefen miteinander durch.«
»Ich war lang genug im Tief.«
»Das weiß ich doch.«
»Du meintest mal zu mir, ich müsste Isy da heraushelfen, damit sie mir danach die Hand reichen kann. Aber soll ich dir was sagen ... du lagst falsch.« Dag begann weiter die restlichen Teile einzupacken. »Isy hat sich schon viel früher als ich aus diesem Tief befreit. Ich hab's nur nicht gesehen. Vielleicht wollte ich es auch nicht sehen, aber ... sie hat mich nicht benötigt. Und während ich still und leise weiter in diesem seelischen Tiefpunkt gesteckt habe, kam Carla, die mir die Hand gereicht hat und mich endlich wieder nach oben gezogen hat.«
Vincent sah ihn einige Sekunden still an. »Okay. Vielleicht hast du Recht. Vielleicht war es ja diese Carla, die dich aus diesem Loch befreit hat, aber das heißt noch lange nicht, das du deswegen ...«
»Was? Meine Frau aufgeben sollte?« Dag knallte den Koffer zu. »Es war nur noch ein Kampf diese Liebe aufrechtzuerhalten. Nur wenn beide weitermachen wollen, lohnt es sich. Aber ich stand alleine da. Sie hat nichts getan und mich auch schneller entsorgt, als mir lieb war. All so etwas seht ihr nicht.«
»Doch natürlich.« , fiel Vincent ihm ins Wort. »Ich weiß selber, das du es ebenso nicht einfach hattest.«
»Es lohnt sich nicht, wenn ich meine Energie weiter in Isy und unsere Vergangenheit investiere. Manche Sachen lassen sich nicht reparieren.«
»Vielleicht würde es trotzdem hilfreich sein, wenn ihr nochmal miteinander redet, Dag. Ihr seid schon so viele Jahre zusammen und ich weiß, dass dies kein Zeitvertreib war. Wenn man es gemeinsam schafft, die Krise anzuerkennen, ist man sich zusammen bewusst, dass man in einer kritischen Situation steckt und daran arbeiten muss.«
»Das ist keine Krise mehr. Es ist vorbei Vincent.«
»Jede Beziehung hat Phasen, in denen es nicht rundläuft.« , sagte sein Freund, während er fortwährend sitzenblieb. »Katja ist für mich der Himmel und die Hölle zugleich. Bei uns kracht es auch oft. Wo Späne fliegen wird auch gehobelt.«
»Ich soll weiterhin den Kopf hinhalten? Der Hauptleidtragende sein?« Dag schüttelte den Kopf. »Nein. Ich war lange genug der Depp für alle. Ja Isabelle musste unseren Sohn tot auf die Welt bringen, aber ich habe an diesem Tag auch ein Kind verloren. Nicht nur sie. Das wurde nur irgendwie immer wieder unter den Teppich gekehrt. Warum? Weil ich der Mann bin? Ich darf keine Schwäche zeigen, muss immer stark sein?« Er wurde lauter und Vincent merkte, dass er all sein Gestautes nun hinausließ. »Sie durfte trauern. Tagtäglich. Nur ich musste die ganze Zeit den Sekundenkleber in jede Ritze füllen, um diese Beziehung zusammenzuhalten. Ich bin am Ende angekommen und wurde noch tiefer getreten. Man sollte es mir nicht vorwerfen, wenn ich endlich wieder Licht am Ende des Tunnels sehe.«
»Macht sie dich wirklich glücklich?« , fragte Vincent, nachdem er merkte, wie viel Wahrheit darin steckte, was sein bester Freund von sich gegeben hatte.
Jeder hatte sich immer einzig und allein, so oft wie es nur ging, nach Isabelle erkundigt. Er wurde weggedrängt, als wäre es nur ihr Kind gewesen. Selbst er hatte sich manchmal nur nach ihr orientiert, was aber daran lag, das Isabelle es offen der Welt zeigte, wie dreckig es ihr ging, während Dag dem Dasein ein Grinsen vorheuchelte.
Dag nickte abermals. »Carla ist das, was ich momentan benötige.«
»Dann gebe ich dir meinen Segen. Denn für mich ist es die Hauptsache, dass auch du glücklich bist.« , sprach er und stand auf. Er umarmte Dag. »Wenn du glücklich bist, dann bin ich es auch.«
»Danke.« Dag umarmte ihn ebenso. »Kannst du mich kurz zu ihr fahren? Dann bring' ich meinen Koffer hin und anschließend können wir irgendwas machen.«
»Klar. Natürlich.«
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Reißen wir uns gegenseitig raus, oder reiten wir uns rein (Band 3)
FanfictionBAND 3 »Ich will keinen Streit mit dir. Ich will das wir uns beide wie erwachsene Menschen verhalten und ...« »Ich verhalte mich erwachsen oder siehst du, das ich gerade kindisch bin?« , sprach Carla. »Ich weiß, das zwischen uns mehr ist und ich geb...