𝕂𝕒𝕡𝕚𝕥𝕖𝕝 𝟟𝟝

118 16 2
                                    

Nia lag am nächsten Tag bäuchlings auf ihrem Bett und weinte.

Selina, die den vorherigen Tag schon bei ihr war, saß auf ihrem Stuhl.

»Er wird mir das niemals verzeihen. Er hasst mich.« , schluchzte sie lautstark in ihr Kissen rein.

»Er hasst dich doch nicht.«

»Doch.« Sie zog ihre Nase hoch. »Er muss doch denken, ich bin komplett bescheuert.«

»Das ... das wird wieder. Du hattest nichts mit Jenaro. Das ist das Wichtigste ... Robin wird dir das bestimmt verzeihen.«

Nias verheultes Gesicht kam zum Vorschein und sie schüttelte den Kopf. »Nein. Wie konnte ich auch nur so doof sein. Ich bin die blödeste Person auf dem Planeten. Ich hab mir alles selbst kaputt gemacht.«

»Es tut mir leid, das du dachtest, er und ich würden ...«

»Nein, das war meine Doofheit. Ich hätte zu euch gehen sollen an dem Tag und nicht mir so einen Scheiß ausdenken, dass ich mit Jenaro fremdgegangen bin.«

»Du ... du warst halt sauer.« Selina lächelte sie ein wenig an, obwohl ihre Augen eher Mitleid zeigten.

»Ich war doof. Wieso musste ich mir auch etwas einreden lassen von Kimmy und Zarah?!«

»Du hast eh immer komische Freundinnen.« , äußerte sich Selina dazu.

Wie vor den Kopf gestoßen starrte Nia sie an. »Wieso?«

»Na ja. Joleen und so waren auch nicht besser. Du hast irgendwie immer Freundinnen, die ... die sich für etwas Besseres halten. Aber auf irgendeine Art merkst du das nie.«

Nias Gesicht blieb. »Nein?!« , wollte sie per Stimmlage sagen, aber es hörte sich eher wie eine Frage an.

»Doch und ... Robin hat auch noch nie verstanden, wieso.« Selina stand auf und setzte sich zu ihr aufs Bett. »Echte Freunde unterstützen sich. Sie sind für dich da, wenn es dir mal dreckig geht. Freunde hören dir zu und machen ... dich nicht nieder. Natürlich muss man auch mal damit rechnen, wenn Freunde einem die Meinung geigen, aber sie machen dich nicht runter, nur um vor anderen besser dazustehen.«

Rückblickend fand Nia, dass sie wirklich, außer Robin, nie eine wahre Freundschaft erlebt hatte.

»Warum bist du bei mir geblieben und nicht Robin hinterhergelaufen?« , fragte sie plötzlich Selina. Denn beiden waren nie befreundet gewesen.

Die Blondine zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht so genau. Du hast mir leidgetan. Klar, Robin auch. Und ich werde mich nachher auch noch bei ihm melden, aber ... ich hab mir gedacht, dass du bestimmt niemanden hast, mit dem du reden kannst, also ... warum sollte ich nicht diese Person sein?!«

Nia setzte sich auf. Mit dem Rücken gegen die Wand. »Danke.«

Selina lächelte leicht. »Das mache ich doch gerne ... und irgendwie ist es ja auch meine Schuld.«

»Nein. Das ist nur meine. Ich hätte wissen müssen, dass Robin mir nicht fremdgeht.«

»Eigentlich schon, aber ... manchmal macht man sich halt einen Reim auf etwas und kann die Gedanken danach nur noch schlecht stoppen.«

»Trotzdem. Robin hat das gar nicht verdient. Ich bin oft so scheiße zu ihm.« Sie warf unüberlegt ihr Kissen mit Wucht weg, das auf den Schminktisch landete und ihre Rose, die er ihr zum Valentinstag geschenkt hatte, mit lautem Knall zu Boden fallen ließ. Von panischem Schrecken gepackt sprang sie auf und rannte hin. Mit klatschnassen Augen kniete sie daneben und hob die Scherben auf, ehe sie total ins Heulen herüberschwenkte.

Selina kam sofort zu ihr und half ihr, die restlichen Teile der kaputten Rose aufzuheben. »Ist die von ...?«

Nia nickte. »Ja, die hat Robin mir geschenkt.«

»Die kann man bestimmt ... reparieren oder so.« Sie blieb bei Nia auf dem Boden sitzen.

»Nein.« Sie konnte kaum noch sehen vor lauter Tränen und der Druck in ihrem Kopf war schmerzhaft. »Das ist ein Zeichen. Er hat sie mir geschenkt und gesagt, dass sie niemals welken würde, weil ich die Person, die mich über alles liebt, bereits gefunden habe. Jetzt ist sie kaputt ... weil er weg ist ... und mich nicht mehr liebt.«

Selina strich über ihren Rücken. »Nein. Das ist Quatsch.«

Nia heulte nun noch immenser. Für sie war es deutlich. Die Rose war kaputt gegangen, weil sie die Liebe der beiden kaputt gemacht hatte.

Robin würde ihr niemals verzeihen. Er war ja schon sauer, weil er dachte, sie hätte etwas mit Jenaro gehabt. Dann der Song, wo sie ihn vor laufendem Publikum bloßgestellt hatte. Hinzu kam, dass sie ihn beschuldigt hatte fremdzugehen.

Ausgerechnet er.

Er musste mehr als nur enttäuscht von ihr sein.

Sie hatte alles irreparabel zerstört. Die Rose ... so wie die Liebe, die er für sie empfunden hatte.

Selina umarmte sie nun und Nia legte schluchzend ihren Kopf auf ihre Schulter ab, als ihr Handy eine Whatsapp Nachricht mit einem Ton ankündigte.

Sofort stand sie auf und rannte zum Bett, wo ihr Handy lag ... doch es war nicht Robin, sondern ihr Vater, der wieder mal für ein Treffen fragte.

Auf ihn hatte sie jetzt gar keine Lust, denn irgendwie gab sie ihm mit Schuld daran. Wenn er nicht fremdgegangen wäre, hätte sie doch nie gedacht, dass auch ein lieber Kerl zu so etwas fähig sein könnte.

- Ich hab keine Zeit.

Tippte sie zurück, obwohl er nicht mal einen Tag, eine Uhrzeit oder sonst irgendwas angegeben hatte.

Sie vermisste ihren Vater schmerzlich, aber momentan wollte sie ihn einfach nicht sehen. Sie konnte es nicht. Es erinnerte sie nur daran, was sie Robin angetan hatte ... und der Schmerz, den ihre Mutter wohl durchlebte, weil sie die Liebe ihres Lebens verloren hatte.

Nia verstand ihren Seelenschmerz nun umso mehr. Denn so, wie sie sich selbst die Schuld daran gab, Robin verloren zu haben, war auch ihre Mutter im Großen und Ganzen selbst schuld, dass ihr Vater nicht mehr da war.

Zumindest war es Nias Auffassung.

War sie ihrer Mutter eventuell doch ähnlicher, als sie dachte?!

Machten sie sich selbst immer alles kaputt, weil sie einfach zu kompliziert waren?!

Hatten es Robin und ihr Vater dann nicht verdient, jemanden an deren Seite zu haben, die ... einfacher waren?!

War diese Carla eventuell das, was ihr männliches Elternteil benötigte?! Was er verdient hatte?!

Verurteilte sie ihren Vater unter Umständen doch zu sehr?!

Sie griff immer noch schluchzend erneut zu ihrem Handy und öffnete den Chat mit ihm.

- Wann möchtest du dich denn treffen?

- Möchtest du heute Abend chinesisch essen gehen?

- Okay.

- Gut. Ich komme dich dann gegen 19 Uhr abholen. Wäre das okay?

- Ja.

Sie zog kurz die Lippen ein und tippte dann weiter.

- Ich liebe dich Papa.❤

- Ich dich auch mein Schatz.❤

Reißen wir uns gegenseitig raus, oder reiten wir uns rein (Band 3)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt