Wie konnte Carla ihn nur diesbezüglich so belügen?
Dag lief durch die Straßen.
Er konnte derzeit an nichts anders denken, als daran was alles anders gelaufen wäre, wenn sie ihn nicht belogen hätte.
Ja, Carla hatte ihm geschrieben und Isabelle hätte die außerehelichen Aktivitäten so oder so erfahren, aber eventuell hätte seine Frau ihm ja verziehen.
Er überquerte die Straße und ging zum Anfang des Parks. Dort setzte er sich auf eine Bank.
Das Erste, was ihm in den Sinn kam, als er die Wohnung verlassen hatte, war es Vincent anzurufen. Doch was sollte er ihm genau erzählen?
Dass er auf eine alltägliche Lüge einer Frau reingefallen war, die den Mann den sie liebte, nicht verlieren wollte?!
Er verstand ja auf eine Seite ihren Antrieb, aber ... dadurch hatte er so vieles verloren ... oder war es davor schon ... verloren?
Dag war sich nicht mehr so sicher, wann es keinen Sinn mehr ergeben hatte zu kämpfen. Wann er selbst aufgegeben hatte. Wann Isabelle aufgegeben hatte.
Und wieso er jetzt wieder über etwas nachdachte, was nicht relevant war. Es war vorbei. Isabelle hatte einen Neuen und er selbst war in einer Beziehung mit Carla.
Wichtig war nur deren Sache und nicht das, was hätte sein können, wenn seine Freundin nicht gelogen hätte.
Die Zeit konnte man eh nicht zurückdrehen.
Dass Carla jetzt auch noch weinen musste, war momentan ein wenig zu viel für ihn. Denn auch seine Tochter hatte später im Restaurant immer wieder aufs Neue begonnen, als er unüberlegt wiederkehrend das Thema auf Robin schob, um seine Gedanken von Isabelle und ihren Typen abzulenken.
Nia konnte er nicht helfen, weil er nicht genau wusste, was sie getan hatte. Er hatte sich zwar vorgenommen, mit Robin zu reden, aber momentan war ihm sein eigenes Problem wichtiger.
Carla hatte ihn hintergangen.
... und nun verlangte sie, dass er ihr einfach vergeben könnte.
Dag lehnte sich mehr zurück und grüßte mit einem Lächeln zwei junge Mädchen, die ihn lieb grüßten und danach kreischten.
Er war sich sicher, dass sie ihn als Musiker, der er nun mal war, erkannt hatten, und zeitgleich war er froh, dass sie jetzt nicht für ein Foto oder sonst was fragten. Denn er war nicht in der Stimmung dafür.
Aber vielleicht hatte man ihm das auch angesehen?!
Er war so enttäuscht von ihr. Wie konnte Carla davon ausgehen, dass sie ihn mit Hilfe eines Kindes binden könnte?
Aber war es nicht genauso geschehen?
Hatte er nicht den Kontakt zu ihr weiter aufrecht erhalten, weil er im Glauben war, sie würden ein Kind bekommen?
War er nicht dadurch mit ihr zusammengekommen oder war es nur aufgrund der Tatsache, dass Isabelle lockerflockig ihr Leben ohne ihn weiterlebte?!
Der Schmerz in seinem Kopf nahm zu.
Wieder war da dieses Was-wäre-wenn erschienen. Er hasste es.
Nun kam ein junges Paar an ihm vorbei. Die Frau schmiegte sich an den Mann und beide interessierten sich null für den Kerl, der da auf der Bank mit seinen Problemen saß.
Er erinnerte sich an die Zeit, bevor er mit Carla intimer wurde. Als er sich mit ihr die ersten Male traf. Aber war es nicht damals schon vertraut, ohne das Sexuelles zwischen ihnen war?
Oder war es damit gleichzusetzen? Ihre Nähe war schon immer so viel mehr gewesen, oder nicht?!
Er erinnerte sich, wie er heimlich mit ihr geschrieben hatte. Telefoniert ... jedes einzelne Treffen, auf das er sich so sehr gefreut hatte.
Wie aufgeregt er bei ihrem ersten Treffen war, obwohl er da gar nichts in der Richtung vorgehabt hatte. Oder war es nur ein Schutzmechanismus, den er sich selbst auferlegt hatte, um zu rechtfertigen, das er sich von Anfang an gerne mit ihr treffen wollte und auch mehr im Sinn gehabt hatte?
Er dachte an Isabelle. Der Ausdruck in ihren Augen, als sie von Carla erfahren hatte. Das Gefühl was er verspürt hatte, als er das erste Mal mit seiner neuen Freundin geschlafen hatte. Er war so zwiegespalten, weil es einerseits so ein tolles Gefühl war, sie endlich zu spüren und andererseits der Verrat an Isabelle.
Ja er war es, der damals einen Schritt zu weit ging und etwas tat, was man in einer Beziehung nicht machen sollte, aber sie war es, die diese Ehe geradewegs zum Ende hingesteuert hat. Nicht seine Taten. Diese waren nur die Folge dessen, was sie getan hatte. Diese eisige Kälte die er Tag für Tag, Nacht für Nacht, verspürt hatte.
... und dann war sie auch noch so kalt gewesen ihm, nachdem sie sich endlich wieder genähert hatten, nicht zu vergeben.
Vergeben ...
Das war es doch auch, was Carla nun von ihm wollte. Er sollte ihr diese Lüge verzeihen. Nun kam er sich blöd vor, da er von Isabelle so etwas aus heutiger Perspektive verlangte und es als einfach ansah, wenn er nun selbst sowas Ähnliches durchlebte.
Carla hatte aus Liebe gehandelt. Aus Sorge ihn zu verlieren. Es war eine komplett andere Geschichte, aber dennoch ... irgendwie vertretbarer, als mit einer anderen Person auf so vielen Arten intim gewesen zu sein, wie er es getan hatte.
Das er nun so einen Groll auf sie hegte fand er lächerlich in Vergleich zu dem, was Isabelles Entscheidung betraf.
Vielleicht war es ja doch richtig, dass sie ihm nicht verzeihen und vergeben konnte. Auch wenn sie eine große Selbstschuld mit sich herumschleppte, war Betrug schlimmer, als eine Lüge, die im Grunde nicht viel an seinem jetzigen Leben änderte.
Was würde sich denn jetzt großartig ändern an der Beziehung mit Carla?
Im Grunde nicht viel ...
Auch ohne diese Lüge hätte Isabelle ihm bestimmt nicht verziehen, denn wie man sehen konnte, war sie bereits in einem neuen Leben drin und dieser Mann muss schon vorher in ihren Alltag getreten sein.
Dag öffnete ihren Chat und sah nochmal die Mail an, die sie ihm in der Nacht wo er bei Carla geschlafen hatte, geschickt hatte.
- Ich freu mich schon, wenn du endlich hier bist. Dieses Mal sind wir auch ungestört. Vergiss den Wein nicht. 😏
Dieses Mal ...
Er schnaufte auf. Es zeigte doch ganz genau, dass dieser Kerl schon länger in ihrem Leben existiert hatte.
Er fragte sich, ob sie ihn eventuell auch betrogen hatte. Vielleicht war er der Grund, weshalb sie nicht mehr mit ihm geschlafen hatte und keine Nähe zugelassen hatte.
Für einen Moment dachte er dann jedoch, an die eine Nacht in ihrem alten Zimmer in der WG. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben und es kam ihm da kein bisschen so vor, als hätte sie ihm etwas vorgemacht.
Die Visage des Kerls flimmerte in ihm auf und das, was er verspürt hatte, als er Isabelle mit ihm gesehen hatte.
Er wollte das nicht empfinden.
Er hatte doch seinen Frieden gefunden ... genau das hatte er Carla gesagt, als er sich für sie entschieden hatte. Es kann nicht an Isabelles Mail gelegen haben. Dag war sich sicher, dass er mit Sicherheit, früher oder später eh in ihren Armen gelandet wäre. Auch wenn sie nie gelogen hätte, wäre er dort, wo er sich nun befand.
Die Anziehung war da ... sie war immer da gewesen.
Er stand auf, atmete tief ein und ging den Weg zurück, den er gekommen war.
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Reißen wir uns gegenseitig raus, oder reiten wir uns rein (Band 3)
FanficBAND 3 »Ich will keinen Streit mit dir. Ich will das wir uns beide wie erwachsene Menschen verhalten und ...« »Ich verhalte mich erwachsen oder siehst du, das ich gerade kindisch bin?« , sprach Carla. »Ich weiß, das zwischen uns mehr ist und ich geb...