Isabelle unterdrückte das Verlangen die Storys der Jungs anzuschauen.
Heute begann die Tour.
Früher gingen sie, alle den Tag davor essen. Sie verbrachten tagsüber alles als Familie und danach noch ungestörte Stunden in der Nacht als Paare, ehe die Zeit der kleinen Trennung und endlosen Telefonate begann ...
Nun war es anders.
Isabelle wusste, dass Dag gestern noch Nia getroffen hatte, weil er sich kurz bei ihr gemeldet hatte, nachdem sie ihn doch entblockiert hatte, weil Vincent meinte, für Notfälle sollte man immer richtig erreichbar sein. Was er aber zusätzlich getrieben hatte, war ihr nicht bekannt.
Dass er den Restlichen mit seiner Freundin verbracht hatte, lag natürlich auf der Hand.
Sie selbst war bei Rio auf dem Friedhof gewesen. Dag hatte den damals kindgerecht gestaltet. Mit bunten Sand und farbprächtigen Steinen statt Blumen sowie kleine Spielautos, mit denen man dadurch fahren konnte.
Damals fand sie es schlimm, es anzusehen, weil sie wusste, dass er niemals damit spielen würde. Aus heutiger Sicht wusste sie jedoch, wie viel Liebe Dag hineingesteckt hatte.
So wie zu jener Zeit mit der Wand, die er bemalt hatte.
Isabelle sah auf die Uhr. Ben würde sie gleich abholen. Er wollte mit ihr auf einen Reiterhof für einen kleinen Ausritt. Sie war nicht fest mit ihm zusammen, obwohl er sich bereits dazu geäußert hatte, dass er dies gerne in Betracht ziehen würde.
Einen Kuss gab es jedoch schon. Keinen mit Wow-Effekt, aber die Erwartung hatte Isabelle eh nicht gehabt. Sie war der Meinung, das man dieses Gefühl nur einmal in Leben verspüren würde, und das hatte sie nur bei Dag empfunden.
Sie fühlte sich nicht unwohl in Bens Gegenwart, aber ... es war nicht das, was sie erwartet hatte. Mara sowie Katja hatten ihr beide ans Herz gelegt, es weiter mit Ben zu versuchen. Sich auf die Treffen einzulassen. Das Gefühle manchmal auch Zeit benötigen würden ... aber Isabelle wusste, dass egal, zu was es sich entwickelte, sie niemals das fühlen konnte, was damals ihr ewiger Begleiter gewesen war.
Wie so oft dachte sie darüber nach, ob Carla dasselbe empfand oder ob es nur eine Schwärmerei war. Schließlich war sie mittlerweile ja schön länger in Berührung mit ihm, wenn man die Affäre mal mitrechnete.
Der Schmerz in ihrem Herzen war wieder da. Die Befürchtung, dass dies nun ihr ewiger Begleiter bis zu ihrem Lebensende sein würde, trat wie so oft auf.
Sie nahm ihr Handy. Der Drang nachzuschauen, was die Jungs trieben, war groß. Sie erschrak, als zeitgleich ein Anruf bei ihr einging.
Den Namen auf dem Display hatte sie bereits ewig nicht mehr darauf gesehen und das schlechte Gewissen, das sie die Person ebenso eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr angerufen hatte, setzte ein.
Mit einem beklommenen Gefühl ging sie dran. »Ja?«
»Hey Isabelle. Wie geht es euch?« , hörte sie Hannahs Stimme.
»Ja ganz okay. Und euch?«
»Joa. Alles bestens. Ich dachte, ich melde mich mal. Heut beginnt die Tour und ... ich musste an euch denken. Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet hab.«
»Schon okay. Wir hätten uns ja auch melden können.« , sprach Isabelle.
»Wir wollten versuchen Karten für das ausverkaufte Konzert in Berlin noch zu bekommen. Vielleicht könnten wir uns dann treffen ... wenn ihr wollt.«
»Oh ... ehm ... klar.«
»Okay. Ihr seid bestimmt da, oder?«
»Also ehm ... ich nicht. Katja eventuell mit den Kindern. Ich weiß nicht.«
»Du nicht?«
Isabelle wurde schlagartig bewusst, dass Hannah noch gar nichts von ihrer Trennung wissen konnte. »Dag und ich ... wir sind nicht mehr ... wir sind getrennt.«
»Was?« , fragte sie fassungslos. »Wie? Wieso?«
»Das ist eine zu lange Geschichte und ... ich möchte auch nicht nochmal alles ... mir geht es deswegen nicht so gut und ...«
»Oh Gott und ich erinnere dich auch noch daran. Das wollte ich nicht. Es tut mir leid.« , sagte Hannah geschwind. »Aber hey ... vielleicht ist es nur eine Pause und ihr kommt wieder ...«
»Er hat eine Freundin und ...« , gab sie leise von sich.
»Dag?« Die Fassungslosigkeit war unüberhörbar. »Warte Stopp. Dag ist mit einer anderen zusammen? Was ist passiert?«
Isabelle setzte sich hin und erzählte ihr dann doch die komplette Geschichte. Von Dags Untreue, ihrem Verhalten, das überhaupt dazu geführt hatte, sowie die Schwangerschaft von Carla.
»Bist du noch dran?« , fragte sie, nachdem Hannah weiterhin still war.
»Ja.« , kam leise bei ihr an. »Ich ... ich bin nur ... ich bin sprachlos. Ich ... ihr zwei ... wieso hast du denn nicht ... er hatte eine Affäre? Und jetzt ist er mit ihr zusammen?«
»Ich war halt ... ich bin selbst schuld.«
»Ich bin so verwirrt. Es kommt mir vor, als würde ich gerade Kontakt zu einem Paralleluniversum aufnehmen.«
Es klingelte. »Hannah, ich muss jetzt auflegen. Ich ...« Sie wollte nicht auch noch ihre seltsame Sache mit Ben erklären, der mit hoher Wahrscheinlichkeit derjenige war, der draußen auf sie wartete. »Ich muss noch weg. Wenn ihr in Berlin seid, können wir uns gerne treffen. Meld' dich einfach, oder ... ich werde auch schauen, dass ich mich öfters melde.« Sie öffnete die Türe und hielt ihren Zeigefinger auf dem Mund, als sie in Bens Gesicht sah. »Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn es klappt.«
»Ja ich mich auch. Und Isabelle ... halt die Ohren steif ... vielleicht wird es ja trotzdem wieder.«
Sie sah auf Ben, der sie anlächelte. »Ja. Wer weiß. Tschau Hannah.«
»Bin ich zu früh?« , fragte er sie, nachdem sie aufgelegt hatte.
»Nein. Nein. Ich bin jetzt fertig.« Sie griff nach ihrer Jacke und den Hausschlüssel und folgte Ben zu seinem AMG-GT-Roadster in der Farbe solarbeam.
Isabelle mochte die Auffälligkeit des Wagens, der durch diese Färbung entstand, kein bisschen.
Galant hielt er ihr die Autotüre auf, damit sie einsteigen konnte, ehe er diese langsam zuschlug. Soviel sie mitbekommen hatte, gehörte dieser Reiterhof generell seiner Dynastie und sie wurde irgendwie dadurch an ihre Familie erinnert, wenn er so geschwollen sprach. Falls man das so nennen konnte. Ihre wahre Familie waren schließlich Nia und Dag sowie Katja und Vincent ... und Andi ... das andere waren ihre Erzeuger plus den, der sich mal Bruder schimpfte. Gleichzeitig fiel ihr ein, wie lange sie nicht mehr in Köln gewesen war, um das Grab ihrer Schwester zu besuchen.
In Ben hätten sie, dank seines Wohlstandes, wohl den perfekten Schwiegersohn gesehen. Kurz dachte sie darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn kein Dag gekommen wäre, um sie von Moritz wegzuholen. Wenn sie es nicht geschafft hätte, dort abzuhauen.
Es wäre so vieles anders, wenn es nur eine kleine Änderung in ihrem Leben gegeben hätte.
»Ist alles okay bei dir?« , fragte Ben. »Du bist so ruhig.«
Isabelle setzte ein Lächeln auf und nickte, während sie darüber nachdachte, was sie jetzt in diesem Moment wohl tun würde, wenn all die schlimmen Dinge nie passiert wären.
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Reißen wir uns gegenseitig raus, oder reiten wir uns rein (Band 3)
FanficBAND 3 »Ich will keinen Streit mit dir. Ich will das wir uns beide wie erwachsene Menschen verhalten und ...« »Ich verhalte mich erwachsen oder siehst du, das ich gerade kindisch bin?« , sprach Carla. »Ich weiß, das zwischen uns mehr ist und ich geb...