Vorsichtig fasste Alhaitham sich an die Schulter. Auch wenn er muskulös war und vielleicht einiges abkonnte, mochte er es nicht, wenn man ihn heftiger anpackte. Er hätte nicht gedacht, dass Kaveh so grob sein konnte. Dass er nicht ausgeholt hatte und ihm ins Gesicht geschlagen hatte, war alles. Vielleicht hätte er ihm doch besser gleich am Telefon sagen sollen, wo er den Schlüssel gefunden hatte. Der Grauhaarige verstand einfach nicht, wie man so viel Drama um nichts machen konnte. Das war doch jetzt auch nichts so Sonderbares. Die Schlüssel sahen schließlich ähnlich aus und hätte Kaveh sich am Morgen nicht ewig im Bad eingesperrt, dann wäre er vielleicht auch nicht so abgelenkt gewesen, um nicht zu merken, dass es nicht sein eigener Schlüssel war. Doch nach der Bemerkung hatte er fliehen müssen. Eingeschlossen in seinem Raum versuchte er zu ignorieren, dass Kaveh weiter gegen die Tür trat und ihn beleidigte. Wenn er nicht mehr reagierte, dann würde er wohl früher oder später damit aufhören.
"Wie eine Furie", murmelte er schließlich jedoch und verdrehte die Augen.
"Das hab' ich gehört!", fauchte Kaveh und trat gegen die Tür.
"Tja. Geschieht dir recht", erwiderte Alhaitham nun.
"DUUU... Du verdammter Scheißkerl. Wenn du noch einmal meinen Schlüssel wegnimmst, dann bring ich dich um!", drohte Kaveh ihm von draußen. Wahrscheinlich lachte er ihn auch aus, weil er vor ihm weggerannt war und sich eingeschlossen hatte, aber das war Alhaitham egal. Er wollte sich nur nicht mit so etwas Lächerlichem befassen. Also beschloss er, ihn nun endgültig zu ignorieren. Fürs erste.
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Es war nur noch wenige Tage bis zur ersten Abgabe und eigentlich steckte Kaveh total im Stress. Langsam war das Wetter etwas herbstlicher geworden. Trotzdem noch angenehm genug. Kaveh wartete aufgeregt auf den ersten Pumpkin Spice Latte, aber leider war es noch nicht Oktober. Mit seinem Mitbewohner lebte er nun schon einen Monat zusammen und es war keine schöne Zeit gewesen, geprägt von Streitereien oder Ignoranz. Kaveh hatte auch immer übel auf seinen Schlüssel aufgepasst, sodass er ihn ihm nicht wegnehmen konnte. Doch eines Tages hätte er ihn selbst fast verloren, als er in Eile war und ihm der Schlüssel heruntergefallen war. Beim Stadtbummel beschloss er deshalb kurzerhand, dem Abhilfe zu schaffen. Als er bei einem 1-Euro-Shop einen niedlichen Löwenschlüsselanhänger entdeckte, griff er zu. Freudig brachte er ihn am Schlüssel an und war sich sicher: Jetzt würden die beiden Schlüssel nicht mehr ohne Weiteres verwechselt werden. Mit fröhlicher Miene und vor sich hin summend ging er nach Hause und schloss die Tür auf. Er räumte die Einkäufe in den Kühlschrank, der strikt aufgeteilt war. Er wollte sich gerade wieder an sein Projekt setzen, als ihm Alhaitham überraschenderweise entgegenkam. Normalerweise gingen sie sich aus dem Weg, wenn nur möglich.
"Du bist ja gut gelaunt, ich dachte du hast bald Abgabe", kommentierte er.
"Ja, deswegen widme ich mich jetzt auch gleich wieder meinem Projekt", verkündete Kaveh. So musste er sich wenigstens nicht lange mit ihm unterhalten.
"Viel Erfolg", murmelte Althaitham knapp. Ob er es wirklich ernst meinte, konnte er nicht sagen, immerhin machte er immer noch den Eindruck, als ob er alles und jeden hasste.
"Danke", entgegnete Kaveh förmlicherweise und wollte gerade gehen, als ihm noch etwas einfiel. Er zog seinen Schlüssel aus der Tasche und hielt ihn Alhaitham vor die Nase.
"Hier. Das hab ich gekauft, jetzt kannst du meinen Schlüssel direkt erkennen", erklärte der Blonde seinem Mitbewohner. Alhaitham starrte den Schlüsselanhänger mit unergründlicher Miene an.
"... ein kleiner Löwe?", fragte er überrascht und hätte damit wohl nicht gerechnet. Er schaute vom Anhänger zu Kaveh auf, und wenn Kaveh das richtig bemerkte, grinste er leicht.
"Hmpf. Ja, ich hab den zufällig gesehen. Es ist ja auch egal, es geht mir darum, dass die Schlüssel nicht mehr vertauscht werden!", entgegnete Kaveh, irgendwie peinlich berührt. Irgendwie hatte er ein unangenehmes Gefühl. Lachte Alhaitham ihn etwa aus?
"Darf ich?", fragte er schließlich und griff nach dem Schlüssel, um es sich näher anzusehen. Er bewegte ihn vor seinem Gesicht und lächelte. "Wie süß..." Kaveh wurde voll rot. Er machte sich doch schier über ihn lustig...
"Gib das wieder her!", rief er empört und wollte sich seinen Schlüssel zurückholen. "Ein Kerl wie du findet das also süß? Im Ernst??!!", fügte er hinzu. Eigentlich wollte er nur seinen Schlüssel wieder, doch Alhaitham war größer als er und immer wenn er danach griff, bewegte er die Hand weg.
"Ich war noch nicht fertig... du hast mich ja nicht ausreden lassen", entgegnete er schließlich. "Ich wollte sagen "Süß... für ein Kindergartenkind"", erwiderte er mit einem minimalen, aber überlegenen Grinsen. Dann drückte er den Schlüssel in Kavehs Hand, der empört ausatmete.
"Wieso wundert mich das jetzt nicht", murmelte er und schaute auf seinen kleinen Anhänger. "Lieber bin ich ein kleines Kind, als ein Typ mit einer miesen Persönlichkeit wie du!!" Seine Finger krallten sich um den Anhänger und er atmete tief durch. Dann ließ er ihn stehen. Wenigstens war er sich jetzt sicher, dass Alhaitham künftig die Finger von seinem Schlüssel lassen würde.
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Alhaitham sah Kaveh nach und schüttelte nur leicht den Kopf.
"Was für ein Temperament", murmelte er, dann ging er an den Kühlschrank, um sich etwas zu essen zu holen. Wenn er darüber nachdachte, dann fand er jedoch auch irgendwie Gefallen daran, Kaveh zu ärgern. Wie er immer ein Drama um Nichts machte, war schon amüsant. Aber manchmal auch nervig. Er wusste nicht, was er ihm getan hatte, sodass er ein so negatives Bild über ihn hatte. Normalerweise störte es Alhaitham keineswegs, was andere über ihn dachten. Auch der Fakt, dass Kaveh sein Mitbewohner war, hatte eigentlich keine größere Bedeutung für ihn. Trotzdem begann der Grauhaarige langsam darüber nachzudenken, was er denn bloß falsch machte, dass Kaveh ihn so sehr hasste. Und ihm fiel partout keine Antwort ein.
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Kaveh sperrte sich in seinem Zimmer ein und arbeitete an seinem Projekt. Trotzdem wollte es ihm irgendwie nicht so gut von der Hand gehen. Er war immer noch so sauer auf Alhaitham. Was dachte der eigentlich, wer er sei? Kaveh atmete tief durch und musste das erstmal verkraften. Unsicher sah er auf seinen neuen Schlüsselanhänger, den er eigentlich niedlich fand. Er stützte sein Kinn auf seine Hand und schmollte. Alhaitham konnte ihm das nicht kaputt machen. Der Blonde nahm sich in Zukunft einfach vor, sich seine Worte nicht mehr so zu Herzen zu nehmen. Jetzt sollte er sowieso aufhören, über ihn nachzudenken und seine Aufmerksamkeit eher seinem Projekt widmen. Er war nämlich noch nicht ansatzweise fertig. Und so wie es jetzt aussah, würde das wohl eine lange Nacht werden...
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Roomrivals - or I wish we never met
FanfictionNach einem Projekt kommt der Architekturstudent Kaveh für das neue Semester an die Uni zurück. Das erfordert auch einen Wohnungswechsel - und diesbezüglich die Begegnung mit seinem neuen Mitbewohner. Er ist leider nur nervig, stur und anstrengend. N...