Das Glas war schon wieder fast leer. Mit einem Seitenblick schaute Kaveh zu Kaeya, der haltlos mit dem Kellner flirtete. Dieser schien das nicht so aufzufassen, das bemerkte der Blonde an dessen ernstem Gesicht. Dennoch hatten die beiden viel zu reden. Wie es das Schicksal wollte, waren sie in einer ähnlichen Umgebung aufgewachsen. Ob einen das gleich zu Seelenverwandten und „Brüdern" machte, wusste Kaveh jedoch nicht. Kaeyas Taktik, den Rotschopf erst zu bro-zonen, konnte er auch nicht nachvollziehen, war sich nur sicher, dass er inzwischen eindeutig zu viel hatte.
Für einen kurzen Moment wünschte Kaveh sich, ihn würde einfach auch jemand ansprechen und auf einen Drink einladen, dann rief er sich wieder ins Gedächtnis, dass sie dafür wahrscheinlich eine Gaybar hätten aufsuchen müssen. Und jetzt wurde ihm auch das mit der Brozone klar - ein Vorwand, um jemand näher zu kommen. Aber wenn der Kerl straight war, würde Kaeya doch heftig auf die Fresse fliegen, warum also? Kaveh trank aus und dachte sich, dass er mit all dem nicht zurecht kam und fühlte sich auch überflüssig. Aber wenn er sich so umsah, fand er die Gäste in der Bar nicht attraktiv genug. Also vielleicht besser, wenn ihn keiner ansprach.
Ich sehe heute viel zu gut aus, komplett umsonst, ging es ihm durch den Kopf und er spielte an seinem Schal. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er ihn anlassen sollte. Doch dann ließ er ihn durch seine Finger gleiten und hängte ihn über die Stuhllehne. Es war warm hier. Und weil ihn niemand einlud, bestellte er sich noch einen Drink.
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Alhaitham verbrachte einen gemütlichen Abend zu Hause mit einem Buch in der Hand. Als er es kurz weglegte, um sich einen Snack zu holen, fiel ihm ganz aus dem Nichts ein, dass Kaveh ja auch hier wohnte. Bisweilen verdrängte er es vor allem an solchen schönen Abenden voller Ruhe. Aber er konnte ja auch nicht den Fakt ignorieren, dass er eben auch hier lebte - und ihn nervte. Und er würde wieder kommen. Womöglich nachts und besoffen.
Mit einem Kopfschütteln holte er sich eine Packung Kekse und machte sich einen Tee. Während er wartete, musste er - warum auch immer - an Kaveh denken. Das schöne Hemd, der Gürtel um seine schmale Taille, ein Ausschnitt, der tief blicken ließ... und dazu das wie fast immer makellose Gesicht und diese blonden Haare, die bestimmt weich waren... -
Das Geräusch von eingedrücktem Plastik ließ Alhaitham endgültig aufschrecken. Wie in aller Welt konnte er nur so etwas denken? Verwirrt sah er nach, ob mit der Kekspackung noch alles in Ordnung war. Es schien der Fall zu sein, so fest hatte er nicht zugedrückt. Der Wasserkocher war auch fertig. Mit einem leichten Seufzen widmete er sich seinem Tee.
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Nachdem er den letzten Drink geext hatte, ging es ihm zu weit. Das war kein Abend mit seinem Bestie, sondern es war Thirdwheeling der Extraklasse. Kaveh hatte genug. Und so verabschiedete sich Kaveh nur super knapp von Kaeya.
„Ich muss nach Hause. Ciao, wir sehen uns", murmelte er, legte Geld auf den Tisch und stand auf.
„Ohh? Vermisst du deinen smexy Mitbewohner?", fragte Kaeya, der offenbar auch schon gut angetrunken war, mit einem Lachen.
„Eh... fick dich", entgegnete Kaveh angepisst und nahm seine Tasche am Boden. Dann ging er mit schnellen Schritten aus der Bar.
Nein, er vermisste Alhaitham ganz bestimmt nicht. Der war auch weder smart noch sexy, also nicht in dem Sinne, dass man es als attraktiv bezeichnen konnte. Na gut, er war vielleicht schon schlau, aber mehr so studientechnisch, wobei, auch so... aber - aber! Er benutzte es wie ein provokantes Arschloch ohne Freunde und nicht gerade in einer charmanten Art, und sexy... Der hatte zwar Muskeln und war jetzt nicht potthässlich, aber wusste sicherlich nicht mal was Sex war und wenn auch nur aus Büchern. Oder diversen... Videoaufnahmen. Kaveh facepalmte sich und schüttelte den Kopf. Im Prinzip ging es ihm nicht anders. Nach Dates, die man eher als Unfälle bezeichnen konnte, wollte er niemanden an sich ranlassen.
Ich glaube inzwischen wäre ich so voll, dass ich jeden nehmen würde eh, dachte Kaveh sich und kam sich im gleichen Moment so miserabel vor, wie selten. Hier war aber nicht mal jemand. Er war allein in einer stockdunklen Straße ins Nirgendwo. Und langsam begann er zu frieren. Er hatte nur ein Hemd an und es war vielleicht 14 Grad. Mit Glück.
„Scheiße", murmelte Kaveh und fuhr sich über den Arm. Dann dachte er daran, dass er zuhause war und Alhaitham ihm einen warmen Tee machte. Er konnte den Wasserkocher schon hören... er war zwar ein mieser Charakter, aber vielleicht würde er das schon machen... Und plötzlich vermisste er seinen Mitbewohner doch.
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Eigentlich wollte er sich schon mal seinen Wecker stellen und demnächst schlafen gehen. Doch dann leuchtete ein Anruf auf Alhaithams immer stumm geschaltenen Handy auf. Kaveh. Für einen Moment überlegte er tatsächlich, ob er ihn nicht einfach ignorieren sollte. Doch dann fiel ihm ein, dass es vielleicht etwas Wichtiges war. Notgedrungen nahm er ab.
„Hey ähm... also das ist jetzt vielleicht ziemlich komisch aber... ich weiß nicht wo ich bin", hörte er Kaveh am anderen Ende.
„Und was soll ich da jetzt machen? Wie wärs mit nachschauen? Nachfragen?", entgegnete er.
„Ich hab keinen Empfang. Und hier ist keine Sau. Wie in einem Horrorfilm", wisperte Kaveh.
„Geh weiter und such nach Lichtern und Menschen. Oder Straßen, die du kennst", antwortete Alhaitham und wusste selbst nicht, was er jetzt tun sollte. Eigentlich sollte er ja auch gar nicht alleine unterwegs sein...
„Okay... dann...", Alhaitham hörte ein leises Schniefen, „ich versuche es. Ich wollte nur, dass du weißt, wenn ich nicht mehr nach Hause komme... dass es mir leid tut... -"
Für einen kurzen Moment blieb sein Herz stehen. Doch dann rief er sich ins Gedächtnis, dass Kaveh offensichtlich lange nicht mehr nüchtern war.
„Kaveh. Beruhige dich. Hör auf, alles überzudramatisieren...", murmelte er. Doch als er für einen Moment von der anderen Seite nichts mehr hörte, kam es ihm nun doch komisch vor. Plötzlich hörte er Schrittgeräusche. „Kaveh?", fragte er lauter.
„Ah... ja... also da ist nur so ein Dönerladen mit ner bunten Leuchtreklame, eher blau. Der hat aber zu. Da steht nur „Neueröffnung" und irgendwelche Sachen an der Scheibe. Hat so ne komische alte Treppe", murmelte Kaveh.
„Sag nichts weiter, ich weiß, wo du bist", entgegnete Alhaitham, „du musst jetzt die Straße weiter, dann links, dann die zweite rechts, dann bist du fast da", versuchte er den Weg zu beschreiben, merkte aber, dass es gegebenenfalls zu kompliziert für einen Betrunkenen war.
„Was? Links, dann rechts und wohin dann?", fragte Kaveh, total durcheinander.
„Warte am Dönerladen. Ich bin sofort da", entgegnete Alhaitham genervt und legte auf.
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Kaveh umfasste sein Handy fest und konnte es nicht glauben, dass er ihn abholte. Er war so durcheinander. Doch beschloss nun, konzentriert die Speisekarte des Dönerladens zu lesen und keine Angst mehr zu haben.
Plötzlich nahm er eine schemenhafte Gestalt in der Nähe wahr und hatte direkt wieder Panik. Also drängte er sich in die Nische des Dönerladens, um unentdeckt zu bleiben. Doch keine zwei Minuten später stellte sich die Person als Alhaitham heraus und Kaveh schämte sich für seine eigene Angst und Dummheit.
„Da bist du ja", sagte er grinsend und ging näher auf ihn zu.
„Alhaitham", schniefte Kaveh und warf sich ihm ohne Nachzudenken um den Hals. Es war ihm auch egal, was er jetzt dachte. Er war so durchgefroren und hatte eine solche Angst. Zu seiner Überraschung bemerkte er, dass Alhaitham die Umarmung erwiderte. Vielleicht war er doch nicht so ein Scheißkerl.
„Hey, ist ja gut... beruhige dich", flüsterte er ihm ins Ohr und Kaveh wurde anders. Instinktiv klammerte er sich enger an ihn. Das mit dem Beruhigen war nicht so einfach. Sein Herz klopfte nämlich plötzlich heftig. Unsicher löste er sich wieder aus der Umarmung.
„Ah... uhm... danke, es geht schon. Können... können wir nach Hause? Mir ist etwas kalt...", plapperte er verlegen vor sich hin und fuhr sich über den Ausschnitt. Plötzlich blickte Alhaitham ihn mit großen Augen an. Dabei blieb er regungslos stehen und antwortete ihm nicht. Kaveh schluckte schwer. Er hatte es bemerkt.
„Ich weiß nicht, wo er ist... also... irgendwann war er einfach nicht mehr da. Ich... ich machs wieder gut. Ich kauf dir einen Neuen...", stammelte Kaveh überfordert. Doch Alhaitham schüttelte nur den Kopf. Dann stapfte er einfach los und Kaveh hatte Schwierigkeiten, hinterher zu kommen. Er sprach kein Wort mehr mit ihm und irgendwie fühlte der Blonde sich schuldig. Eine Träne lief still über sein Gesicht.
„Warte auf mich", schluchzte er. Doch Alhaitham war schon fast an der Tür. Er ließ ihn hinein, aber er drehte sich nicht mehr zu ihm um. Er hörte anstelle eines Gute Nacht-Grußes nur noch, wie seine Zimmertür sich schloss. Kaveh schluckte den schweren Kloß in seinem Hals hinunter. Es war zu spät. Er hatte verkackt. Im Zimmer auf seinem Bett konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten.
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Roomrivals - or I wish we never met
FanfictionNach einem Projekt kommt der Architekturstudent Kaveh für das neue Semester an die Uni zurück. Das erfordert auch einen Wohnungswechsel - und diesbezüglich die Begegnung mit seinem neuen Mitbewohner. Er ist leider nur nervig, stur und anstrengend. N...