Kapitel 13

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Pov. 23

Zitternd und mit schwerem Atem saß ich aufrecht in meinem Bett und sah mit geweiteten Augen in die Finsternis. Kalter Schweiß lief meine Stirn hinab und ich brauchte einen Moment um zu realisieren wo ich war. Schon wieder ein Alptraum. 
Vorsichtig tastete ich neben meinem Bett nach der Nachttischlampe, um sie kurze Zeit später einzuschalten. 
Ein Blick auf die Uhr verriet mir das es gerade erst drei Uhr morgens war. 
Seufzend fuhr ich mir durch die verwuschelten Haare. Frustriert ließ ich mich wieder zurück ins Bett fallen. Egal wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte nicht in Ruhe schlafen. Immer wieder träumte ich von dem Bunker, und all den Dingen die dort passiert waren. Und von dieser Merkwürdigen Kreatur. Jedes mal wenn ich von diesem Wesen träume scheint es so als würde es mir direkt in die Seele blicken.
Nachdem das Licht wieder aus war versuchte ich wieder einzuschlafen, aber selbst nach Stunden hin und her gewälze schaffte ich es nicht.
Seitdem ich aufgewacht war hatte ich dieses seltsame Gefühl das mich wach hielt.
Ich wusste nicht genau was es war aber immer wenn ich die Augen schloss zog sich etwas in mir zusammen was mich die Augen wieder öffnen ließ, so als ob gleich etwas durch die Tür springen würde um mich anzugreifen. 
So etwas hatte ich vorher noch nie gespürt und konnte nicht wirklich zuordnen was es zu bedeute hatte.
Nachdenklich sah ich hoch zur Decke und überlegte.

Es wirkte alles so unwirklich. Bis vor kurzem war ich noch in einem Käfig gefangen, hatte für weiß Gott wie lange kein Tageslicht mehr gesehen und musste jeden Tag um mein Leben fürchten. 
Jetzt lag ich in einem schönen weichen Bett, war in Sicherheit und wieder im Schutz eines Wolfsrudels. 
Es fühlte sich immer noch an wie ein Traum aus dem man gleich aufwachen würde, obwohl ich wusste das es keiner war. 
Nachdem ich Grayna erzählt hatte was ich auf dem Schwarzmarkt gesehen hatte waren er und sein Beta sofort verschwunden. 
Mittlerweile weiß ich, dass sie sofort die anderen Alphas darüber informiert hatten und diese auf dem Weg hier her waren um sich meine Geschichte anzuhören. 

Schweigend sah ich zum Fenster und erkannte das sich der Himmel langsam grau färbte.
Zusammen mit Beyal und Grayna sind wir in den letzten Tagen sämtliche Bücher über Fabelwesen durchgegangen die in der Bibliothek hier zu finden waren. In der stillen Hoffnung irgendetwas nützliches zu finden das identisch war mit dem Wesen das ich gesehen hatte.
Leider hatten wir dabei aber wenig Erfolg. 
Ich zermaterte mir die ganze Zeit das Hirn darüber was es wohl gewesen sein könnte. 

Seufzend stand ich auf und verließ das Zimmer. Es war noch ziemlich früh, weshalb die meisten noch schliefen. So leise wie es mir möglich war verließ ich das Haus und hinkte auf den Wald zu. Es würde wohl ein schöner Tag werden. Nur ein paar Wolken zierten den Himmel und es war angenehm kühl. 
Ich schloss die Augen, machte ein paar tiefe Atemzüge und genoss die Ausstrahlung des Waldes.
Schnell zog ich meine Klamotten aus, legte sie ordentlich zusammengefaltet unter eine dicke Baumwurzel und verwandelte mich in meinen Wolf. 
Es tat zwar immer noch etwas weh, war aber kein Vergleich zum ersten mal als ich mich hier zurückverwandelt hatte. Nach einem kräftigen schütteln lief ich also los, und nach langer langer Zeit war ich endlich wieder im Wald laufen weil ich wollte, nicht weil ich musste.

 Nach einer Weile kam ich an einem kleinen Fluss an. Er war nicht wirklich breit, aber er hatte eine sehr starke Strömung. Vorsichtig trank ich ein wenig und gerade als ich wieder weitergehen wollte ließ mich ein lautes Krächzen zusammenzucken.
Beinahe wäre ich in den Fluss gefallen, doch im letzten Moment fand ich die Balance wieder und entfernte mich ein paar Meter von ihm. 
Verwundert sah ich mich um. Am Himmel kreisten mehrere Raben, an sich nichts ungewöhnliches. Wahrscheinlich hatten sie irgendwo in der Gegend ein totes Tier gefunden. 
Doch schließlich blieb mein Blick an einem großen Raben hängen der einige Meter über mir auf einem dicken Ast hockte. Ich weiß nicht was es war, aber etwas an diesem Anblick ließ es mir eiskalt den Rücken runter laufen. Der Rabe machte eigentlich nichts besonderes. Er saß da, putzte sich sein Gefieder und verhielt sich wie ein ganz normaler Rabe. 
Ängstlich wich ich einen Schritt zurück und zertrat damit versehentlich einen kleinen trockenen Zweig, der ein lautes Knacken von sich gab. 
Der Rabe hörte auf sich zu putzen und schaute mich nun direkt an, sowie ich ihn.

Plötzlich hatte ich wieder dieses Bild vor meinem inneren Auge.
Das Bild vom Schwarzmarkt, als ich diesem Ding gegenüber stand.
Mein Verstand schrie sofort wegzulaufen, aber mein Körper war wie versteinert.
Es war fast so als ob ich diesen Moment noch einmal erleben Würde. Ich hörte die Schreie der Menschen, hörte das Krächzen und die Flügelschläge der Raben. Roch das Blut in der Luft. Ich wagte es kaum zu atmen.
Doch was meinen Blick festhielt, war das Ding direkt vor mir. 
Es ... hatte sich verändert. Es stand nun auf vier Beinen, wobei seine Arme ein Stück langer waren als seine Beine. Die Haut schien dicker und robuster zu sein als letztes mal und war eher Grau anstelle von Weiß. 
Den Kopf zierte eine lange reptilienartige Schnauze die mit mehreren Zahnreihen im inneren gespickt war. Anstatt zwei blickten ihm jetzt vier Augen entgegen. Ein langer Schwanz peitschte hinter dem Ding auf den Boden, was Staub aufwirbeln ließ.
Auf dem Rücken erkannte er den Ansatz von schwarzen Haaren die begonnen hatten sich über den Körper zu ziehen. Und am Kopf, sowie am Schwanzende konnte man kleine Auswüchse von Hörnern erkennen. 
Doch noch ehe ich wirklich realisieren konnte, was gerade passierte brüllte das Ding mich an. 

Ich wurde wieder ins hier und jetzt gezogen, wo mich der Rabe lauthals ankrächzte und davonflatterte. Auch die ganzen Raben am Himmel krächzten laut und flogen alle davon. 
Mein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub, mein Herz schlug so laut als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen und mein Atem ging stoßweiße. 
Was zum Teufel war das? 
Ein paar Minuten saß ich einfach nur da, starrte in die Ferne und versuchte zu verarbeiten was gerade passiert war. 
War das nur ein Produkt meiner Fantasie? Oder, war es echt gewesen? 
Warum sah dieses Wesen auf einmal völlig anders aus? 
Hab ich mir alles nur eingebildet?
Nachdenklich blickte ich wieder zu dem Ast auf dem der Rabe gesessen hatte. 
Dieses seltsame Gefühl das mich die ganze Zeit schon begleitete wuchs auf einmal immer mehr an und drohte meinen kompletten Verstand zu vernebeln. 
Ich wollte einfach nur noch hier weg. 

Gerade als ich mich umdrehte und wieder zurück zum Rudel laufen wollte, frischte der Wind auf. 
Plötzlich war die ganze Luft verpestet von einem übel riechenden Gestank von tot und Verwesung der einem den Magen umdrehte. 
Froh darüber heute noch nichts gegessen zu haben sah ich mich instinktiv nach einem Versteck um und verkroch mich schnell im Unterholz und einem Gebüsch.
Schnell legte ich mich so flach hin wie es mir möglich war und spitzte die Ohren. Erst passierte gar nichts, doch dann erkannte ich etwas. Am anderen Ufer des Flusses wanderten zwei magere Gestalten entlang. Verwirrt und neugierig beobachtete ich sie weiter, bis ich erkannte das es Wölfe waren. Nur waren sie in einem Zustand in dem sie eigentlich tot sein müssten. 
Es klafften überall Wunden an ihren Körpern und das Fleisch hatte bereits angefangen zu verfaulen. Teilweise schälte sich die Haut von den Knochen und ihre weißen glasigen Augen schienen starr nach vorne, während sie sich humpelnd ihren Weg entlang bahnten.
Völlig sprachlos lag ich mit offenem Maul da, wagte es nicht mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen aus Angst entdeckt zu werden.
Offenbar hatten die beiden mich nicht bemerkt und liefen einfach weiter den Fluss entlang. 
Ich wartete geduldig noch einige Minuten regungslos ab, nachdem sie außer Sichtweite waren. 
Vorsichtshalber lauschte ich noch ein letztes mal ob ich irgendetwas verdächtiges hörte. Doch die Luft war rein und roch auch wieder nach Wald.
Sofort sprang ich auf und lief so schnell wie meine Beine mich tragen konnten in Richtung Rudel zurück. Ich hatte zwar immer noch keine Ahnung was hier abging, aber bei einem war ich mir sicher. 
Das Ding war auf dem Weg hierher, und ich musste die anderen warnen bevor es zu spät war.

    

Getötet, Besessen und BefreitWo Geschichten leben. Entdecke jetzt