Die letzten zwei Tage zuhause haben mich leider nicht wie erwartet geheilt, sondern nur mehr Raum zum nachdenken gegeben. Die Offenbarung meines Mobbing durch meine alten Kollegen hat mich total aus der Spur gehauen und ich weiß gar nicht warum. Jeder einzelne meiner neuen Kollegen steht hinter mir, niemand verurteilt mich und doch fühle ich mich schlecht. Komme mir vor wie ein kleines, hoffnungslos verlorenes Würmchen.
Am liebsten würde ich die Gedanken einfach verdrängen, doch die Angst sitzt mir nur allzu präsent im Nacken.
Darüber reden wäre vielleicht hilfreich, aber mit wem?
Vor meinen neuen Kollegen habe ich mich jetzt schon mehr als genug blamiert und bei Stella brauche ich damit gar nicht erst anzufangen. Sie hat damals schon immer nur gesagt, dass ich mich nicht so anstellen soll.
Ich sollte meinen Mann stehen und das blöde Gelabere ignorieren.
Dass dieses Mobbing aufgrund ihrer unbändigen Wut und der darauffolgenden Malträtierung meines Körpers entstanden ist, weiß sie nicht.Die sich öffnende Türe lenkt mich dann doch kurzzeitig von meinem Kopfchaos ab. Tom kommt vollgepackt mit ein paar Akten ins Zimmer gelaufen: "Freue dich schonmal auf morgen. Da gibt es jede Menge Papierkram zu erledigen!"
Scheiße... Das musst du gleich machen, morgen endet das sonst in einer Katastrophe...
"Gib her! Das mache ich noch schnell!", ich strecke meine Hand nach den Akten aus und gähne vor mich hin. Diese ständige Gefühlsduselei macht mich total fertig. "Lennox, das reicht wirklich morgen noch!", wirft mir Tom entgegen und mustert mein Gesicht. Begeistert sieht er dabei nicht aus, was ihm kaum zu verübeln ist. Man sieht mir an, dass ich in letzter Zeit kaum oder nur schlecht schlafe.
"Schon okay! Hab eh nichts mehr vor", winke ich ab und versuche ein kleines Lächeln zustande zu bringen. "Wie du meinst. Dann sehen wir uns morgen. Mach nicht mehr so lange!" Herr Mayer legt den Stapel Arbeit vor meiner Nase ab und versucht seinen Missmut über meine Überstundenbereitschaft zu verdrängen. Kurz öffnet er den Mund, als ob er etwas sagen möchte, schließt ihn jedoch kurz darauf wieder und verlässt das Zimmer.
Ich muss mich echt wieder ein wenig zusammenreißen und den starken und motivierten Lennox ans Tageslicht zerren.
Nachdem ich eine Zeit lang abgewartet und das "Tschüss" von Tom im Flur vernommen habe, zücke ich mein Handy, damit ich mit der Bearbeitung der heutigen Fälle anfangen kann.
Mein Zwillingsbruder ist Softwareentwickler und war so gütig, mir ein Programm zu entwerfen, das mir mit meiner Lese- und Rechtschreibschwäche hilft. Damit kann ich ordentlich geschriebene Notizen und Berichte einscannen und mir anschließend vorlesen lassen, damit ich nicht Stundenlang Zeit damit verschwenden muss, einzelne Worte zu entziffern oder die Zusammenhänge einiger Sätze zu verstehen. Danach diktiere ich alles, was notiert werden muss, was wiederum in schriftlicher Form von dem Programm erfasst wird. Wenn die Rechtschreibprüfung Ihres Amtes gewaltet hat, kann ich mein Handy mit dem PC verbinden, die Dateien rüberschieben und meinen fertigen Bericht ausdrucken.
Das erleichtert mein Leben ungemein und ist unverzichtbar für meinen Beruf. Wenn man bedenkt, dass ich einen kleinen schriftlichen Teil der Abschlussprüfung nur mit Ach und Krach bestanden habe und das restliche schriftliche, nach einem halben Nervenzusammenbruch, mündlich ablegen konnte, würde mich wahrscheinlich niemand einstellen. Natürlich gibt es Leute, die einem Legastheniker eine Chance geben, aber die gibt es leider nicht wie Sand am Meer. Mein einziges Glück besteht darin, dass ich mir sehr viel sehr lange merken kann. Mein Gehirn ist wenigstens in dieser Hinsicht unübertrefflich und erspart mir somit weitestgehend irgendwelche Notizen, die von vorne bis hinten nach Rechtschreibfehlern schreien.Als ich mein Handy in der Hand halte und den Bildschirm entsperren will, bleibt dieser schwarz.
Bitte nicht....
Auch mein Versuch, das Handy neu zu starten, bleibt erfolglos. Eine Welle des Ärger überrollt mich und mir schießt der Gedanke in den Kopf, die Berichte doch lieber morgen zu machen. Kaum habe ich zu Ende gedacht, schießt mir aber wieder in den Sinn, dass sich morgen auch Tom oder Marc in diesem Raum aufhalten werden und ich somit die Arschkarte gezogen habe. Also bleibt mir doch nichts anderes übrig, als die Akten auf die übliche Art und Weise zu bearbeiten.
Notiz an mich selbst: Ladekabel einpacken!
Nachdem die erste Akte geöffnet vor mir liegt, starte ich mit dem Lesevorgang von Tom's Notizen. Es ist nicht viel, vielleicht um die hundertfünfzig Wörter, doch bis ich den Buchstabensalat vor meinen Augen zu einem sinnvollen Satz gebildet habe, vergeht einiges an Zeit. Vor der Türe höre ich immer wieder einige Stimmen, die sich amüsiert unterhalten oder irgendwelche Worte in das Telefon spucken. Nur allzu gerne lausche ich den Klängen und stelle mir vor, wie es denn wäre, wenn ich normal sein könnte. Ohne die ganzen Probleme, die mich schon sehr lange begleiten. Wäre ich kein Legastheniker, hätte ich es von Anfang an leichter gehabt. Wäre ich zusätzlich nicht solch ein Weichei, würde mich Stella vielleicht auch wieder ganz anders ansehen und mehr lieben. Würde sie mich mehr lieben, würde ihr Hass keine Spuren auf meinem Körper hinterlassen und hätte meine lieben Ex-Kollegen nie auf die Idee gebracht, mich immer wieder zu demütigen.
Heiße Tränen schießen mir in die Augen und lassen meine Sicht verschwimmen. Ich möchte mich so gerne zusammenreißen, aber ich schaffe es einfach nicht. Der Ärger über mich selbst nimmt wieder zu und lässt mich innerlich beben. Den Drang, einfach lauthals loszuschreien, muss ich zwanghaft unterdrücken.
Mach jetzt deine Berichte fertig!
Tief durchatmend wische ich mir das Salzwasser aus dem Gesicht und ziehe mir Tom's Notizen wieder vor Augen, da ich die Hälfte vor lauter Wut schon wieder vergessen habe. Da meine Gemütslage weit unten im Keller hängt, klappt es noch viel schlechter mit dem Lesen als sonst schon.
Versager!
Ungewollt schleichen sich Stellas Worte in meinen Kopf. Sie hallen in Dauerschleife in meinem Kopf wieder und lenken mich immer wieder von meinem tatsächlichen Vorhaben ab.
Nichtsnutz!
Meine Hände ballen sich zu Fäusten und beginnen zu zittern. Durch tiefe Atemzüge versuche ich meine Wut zu zügeln, schaffe es allerdings kaum.
Was kannst du überhaupt?
Diese Frage brennt sich in meinen Kopf ein, da ich darauf keine Antwort habe. Zumindest keine,
die mir gefällt.
Was ich nicht kann ist ganz klar: Ich kann nicht richtig lesen, nicht gut schreiben. Verdiene laut meiner Freundin nicht genug Geld. Bin zu sensibel, zu weich. Bin für nichts zu gebrauchen, außer vielleicht, um die Kollegen mit meinem Nichtkönnen zu amüsieren.Versager!
Unter meinem Brustbein bildet sich ein starker Druck, der mir fast die Luft zum Atmen nimmt. Meine Gedanken treiben mir immer wieder neue Tränen ins Gesicht und durch das Unterdrücken meiner Schluchzer bekomme ich noch weniger Luft als eh schon. Bevor ich doch noch lauthals los schreie und mich nur noch weiter blamiere, fege ich einmal mit dem kompletten Arm über die Schreibtischplatte.
Laut scheppernd fällt alles zu Boden. Am liebsten würde ich den Computer ebenfalls auf den Boden schmeißen, doch meinen Geldbeutel würde das nicht sonderlich erfreuen. Obwohl ich eigentlich gehofft habe, dass diese Aktion mir ein bisschen Frieden verschafft, hat es sich eher wieder in eine negative Richtung ausgewirkt. Jetzt kann ich mein Schluchzen auch nicht mehr zurückhalten und heule wie ein kleines Kind los. Mein Kopf findet Platz auf der Schreibtischplatte, worauf sich meine Arme stark drumherum legen, um die schlechten Gedanken irgendwie abwehren zu können. Ich drücke so fest zu, dass meine Arme schon zu zittern beginnen und ich meinen könnte, mein Kopf zerspringt gleich in tausend Teile.
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Hinter verschlossenen Türen; Die verborgene Realität
FanficEin neuer Kollege, der durch einen Versetzungsantrag auf das Revier unter Klaus Wiebel's Leitung gelangt, wirft einige Fragen bei Tom und Marc auf. Dass er anfänglich etwas schüchtern ist, stempeln die Polizisten als normal ab. Als allerdings mit de...