Esras Blick war mehr als vorwurfsvoll, als er ihr die Wohnungstür öffnete. Ihre dunklen Augen blitzten ihn an und sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
Noch immer verunsichert umklammerte Matthias die Türklinke und trat eilig einen Schritt beiseite, damit sie hereinkommen konnte. Sie seufzte genervt, löste ihre Arme aus der verschränkten Haltung und drängte sich an ihm vorbei. Sie kam ihm so nahe, dass sie mit der Schulter beinahe seine Brust berührte.
Matthias sah ihr nach, wie sie den Flur entlang ins Wohnzimmer marschierte, direkt zu Aaliyah, die noch immer auf dem Sofa saß und schmollte. Er warf die Tür ins Schloss und folgte ihr. Esra war vor ihrer Tochter in die Hocke gegangen und sah sie eindringlich an.
„Aaliyah, du kannst doch nicht einfach weglaufen! Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht", fuhr sie Aaliyah an, die augenblicklich schuldbewusst den Kopf senkte.
„Und du sollst auf Papa hören, verstanden?", sagte sie und warf einen schnellen Blick zu ihm über die Schulter.
Matthias Herz wurde schwer und er schob die Hände in die Hosentaschen. Ihm war klar, dass er bei der Erziehung nicht wirklich eine große Hilfe war und auch wenn er nicht wusste, wie er es ändern sollte, fühlte er sich deswegen schlecht.
„Komm, wir fahren jetzt nach Hause", schloss sie ihre Ansage, umfasste Aaliyahs Handgelenk und zog. Genau wie bei ihm wehrte sie sich.
„Nein! Nur wenn er weg ist", schrie sie beinahe. Matthias sah zu Esra, um ihre Reaktion zu sehen. Sie sah verletzt aus, wirkte gleichzeitig aber so, als würde ihr das alles furchtbar leidtun.
„Er ist nicht mehr da. Also komm bitte", erwiderte sie etwas sanfter.
„Wirklich?", fragte Aaliyah, woraufhin Esra nickte und sich erhob. Auf einmal sog sie scharf die Luft ein und drückte ihre Hand gegen ihren Unterleib. Sofort war Matthias alarmiert.
„Alles okay?", fragte er und war mit einem Satz bei ihr, eine Hand auf ihrer Schulter.
„Ja, nur ein Krampf", presste sie hervor, allerdings klang sie ganz und gar nicht gut.
„Setz dich lieber mal", sagte er und drückte sie sanft aufs Sofa.
„Mama?", fragte Aaliyah voller Sorge und rutschte ein Stück beiseite, damit sie sich setzen konnte. Noch immer hielt Esra sich den Unterbauch, das Gesicht verzogen, als hätte sie Schmerzen.
„Was...", setzte er an, verstummte aber jäh. Auf ihrer hellen Sommerhose war eindeutig ein roter Fleck zu sehen.
„Oh nein!", stieß er aus, legte ihr den Arm unter die Achseln und half ihr aufzustehen. „Du blutest", raunte er ihr zu, damit Aaliyah es nicht mitbekam. Esra stieß ein Wimmern aus und sah an sich herunter.
„Komm", sagte er und führte sie ins Bad. Panisch streckte er den Kopf aus der Tür, rief Aaliyah zu, dass sie in ihr Zimmer gehen sollte und schloss die Tür. Esra war auf den Rand der Badewanne gesunken und betrachtete hilflos den Fleck auf ihrer Hose, der immer größer wurde.
„Ich rufe einen Krankenwagen", sagte Matthias bestimmt, holte sein Handy aus der Hosentasche und wählte den Notruf. Esra blieb stumm, nur ein Wimmern kam hin und wieder aus ihr heraus.
Wie automatisiert rasselte Matthias herunter, was passiert war, doch gleichzeitig rasten tausend Gedanken durch seinen Kopf. Es war eindeutig, dass diese Blutung nicht normal war. Nein, er wollte diesen Gedanken einfach nicht weiterdenken.
Nach wenigen Minuten hatte er den Anruf beendet und er kniete sich vor ihr auf den Boden. Der Blutfleck war noch größer geworden und er riss ein Stück Klopapier ab und reichte es ihr. Sie schluchzte, nahm es und wischte sich über die Hose, was allerdings nicht wirklich half.
„Mein Baby", keuchte sie, schlug die Hand vor den Mund und weinte bitterlich. Matthias Herz schlug ihm bis zum Hals. Obwohl er gestern nicht wirklich gut auf ihre Schwangerschaft reagiert hatte, war das hier das letzte, was er wollte.
„Esra, das wird schon alles. Sicher ist mit dem Baby alles okay", versuchte er sich zu beschwichtigen, aber sie schüttelte nur den Kopf.
„Nein, etwas stimmt nicht, das spüre ich", sagte sie und klammerte sich auf einmal an ihm fest. Matthias erwiderte die Umarmung und strich ihr sanft übers Haar.
„Schh... Das wird schon alles wieder", versprach er und spürte, wie sie an seiner Schulter nickte.
„Ich... ich muss mich sauber machen", stammelte sie und löste sich von ihm.
„Warten wir lieber auf den Krankenwagen", sagte er panisch, denn er hatte keine Ahnung, ob das eine gute Idee war. Esra schüttelte den Kopf, öffnete ihre Hose und zog sie aus. Als Matthias sah, wie viel Blut an ihren Beinen klebte, keuchte er. Eilig griff er nach einem Waschlappen und hielt ihn unter den Wasserhahn am Waschbecken.
„Hier", sagte er und reichte ihn ihr. Esra nahm ihn und fing an, sich zu säubern.
„Ich hole dir eine frische Hose", sagte er und rannte beinahe aus dem Bad, denn bei dem ganzen Blut wurde ihm ein wenig übel. Der metallische Geruch lag ihm auf der Zunge und er hatte das drängende Bedürfnis, frische Luft einzuatmen.
Er hetzte ins Schlafzimmer und kramte eine alte Jogginghose aus dem Schrank, die ihr vermutlich ein wenig zu eng war, aber für den Moment musste sie reichen.
Glücklicherweise hatte Aaliyah auf ihn gehört und sie war in ihrem Zimmer verschwunden. Ihre Tür war verschlossen und er entschied sich, ihr kurz Bescheid zu sagen, dass alles okay war. Er öffnete die Tür einen Spalt und streckte den Kopf hinein.
„Hey, ich komme gleich wieder. Alles ist okay, warte einfach kurz hier", sagte er und wartete, bis Aaliyah, die auf ihrem Bett saß und ein Kuscheltier umklammert hielt, nickte. Ihm war klar, dass sie sehr viel mehr von dem Ganzen verstand, als ihm lieb war.
„Okay", murmelte er noch, anschließend schloss er wieder ihre Zimmertür und ging zurück ins Bad. Esra wusch gerade den Waschlappen aus und er bemerkte, dass sich das Wasser, das in den Abfluss ließ, rosa verfärbt hatte. Sein Magen drehte sich um, aber anscheinend schien kein neues Blut mehr zu fließen.
„Hier", sagte er und reichte ihr die Hose. Stumm nahm sie sie und zog sie sich über, wandte sich anschließend wieder dem Waschbecken zu und wusch weiter den Waschlappen aus.
„Lass schon. Ich mache das gleich", sagte er sanft, schob sie beiseite und hob auch ihre Hose und ihre Unterhose vom Boden auf und legte beides ins Waschbecken.
„Ich mach das. Hast du Schmerzen?", fragte er, was sie nur manisch den Kopf schütteln ließ.
„Okay. Gehen wir runter. Aaliyah bleibt in ihrem Zimmer", sagte er bestimmt, bückte sich und stellte ihre Ballerinas so hin, dass sie leicht hineinsteigen konnte. Sie befolgte seine stumme Anweisung, klammerte sich aber die ganze Zeit an seinem Arm fest.
„Tut mir leid", sagte sie leise, was ihn ungläubig die Augen aufreißen ließ.
„Dir muss nichts leidtun. Komm schon", erwiderte er, legte den Arm um ihre Taille und führte sie nach draußen.
„Danke", flüsterte sie so leise, dass er es beinahe überhört hätte, allerdings ließ es ihn zusammenzucken.
„Schh", machte er nur, führte sie weiter die Treppe nach unten, bis sie an die Haustür gelangten und nach draußen traten. Genau in diesem Moment kam der Krankenwagen angefahren und Matthias machte mit einer Handbewegung auf sich aufmerksam.
„Alles okay, du bist jetzt in besten Händen", versuchte er sie zu beruhigen, anschließend übergab er sie den Sanitätern.

DU LIEST GERADE
Slice of Life - L'Affaire
RandomJonas ist vollkommen gestresst von der Arbeit, worunter nicht nur er leidet, sondern auch sein langjähriger Freund Matthias und dessen Tochter Aaliyah. Bei all dem Stress kommt das bevorstehende Wochenende in Frankreich ganz recht. Ein alter Schulfr...