Kapitel 76 - Jonas

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Jonas lauschte Matthias leisem Schnarchen. Er lag auf dem Rücken, die Arme neben dem Kopf ausgebreitet wie ein Baby. Auch wenn das Licht im Zimmer nur schwach war, hätte er stundenlang einfach nur hier liegen und ihn ansehen können. 

Immer und immer wieder kreisten seine Gedanken um diese eine Nacht am letzten Wochenende, in der er die wohl größte Dummheit seines Lebens begangen hatte. Wieso zur Hölle war er nur mit Markus gegangen? Spätestens nachdem seine Klamotten fertig gewaschen waren, hätte er gehen sollen. Dann hätte er heute nicht das Problem, dass er Matthias Vertrauen womöglich für immer verloren hatte. Denn dass Matthias ihm nun nicht mehr vertraute, stand außer Frage. Er selbst würde genau so reagieren. 

Ein Seufzen entfuhr ihm und er versuchte noch ein gefühlt millionstes Mal einzuschlafen. Natürlich sprangen seine Augen wieder von allein auf und seine Gedanken hinderten ihn, endlich zur Ruhe zu kommen. 

Wie würde sich ihre Beziehung von nun an verändern? Hatte er womöglich schon seiner Familie von der Trennung erzählt? Oskar wusste ganz sicher davon und ganz sicher hatte Oskar auch eine Chance gewittert, sich wieder an Matthias heranzumachen. 

Jonas rutschte ein wenig unbehaglich hin und her. Oskar und Matthias, das war eine ganz eigene Geschichte, denn auch wenn beide es leugneten, liebte Oskar Matthias mehr als man einen besten Kumpel liebt. Punkt. Matthias wusste, dass ihn das störte, aber die beiden waren wie Pech und Schwefel, sie gehörten zusammen, auf rein freundschaftlicher Basis natürlich.

 Auf einmal ertönte ein Klingeln. Erschrocken zuckte Jonas zusammen und auch Matthias wachte abrupt auf. Erst da begriff Jonas, dass er Matthias Handy sein musste, das klingelte. 

„Welcher Idiot ruft denn um diese Zeit an?", murmelte Matthias in sein Kissen, streckte den Arm aus und griff nach seinem Handy. Mit zusammengekniffenen Augen warf er einen Blick darauf. Jonas sah sein Gesicht im künstlichen Licht des Displays, bis er mit ausdrucksloser Miene den Kopf zu ihm herumdrehte und ihn ansah. 

„Dein Handy ruft mich an, ich nehme an, es ist für dich", sagte er matt und hielt Jonas das Handy hin. Dieser schluckte schwer, denn logischerweise konnte nur Markus derjenige sein, der mit seinem Handy anrief. 

Panik machte sich in ihm breit, denn schlagartig wurde ihm das zweite, eventuell noch viel größere Problem bewusst: Markus. Was würde er nun tun? Hatte er eingesehen, dass es zwischen ihnen beiden einfach nicht funktionierte? Oder würde er weiterhin versuchen, ihn zurück zu gewinnen? 

Das Klingeln erstarb, setzte aber nur wenige Sekunden später wieder ein. Wie Klingen schnitt es sich durch seine Trommelfelle und hilflos überfordert sah er Matthias an. 

„Was soll ich tun?", fragte Matthias, allerdings hatte er darauf keine Antwort. 

„Willst du mit ihm sprechen?", fragte er weiter und sofort schüttelte Jonas den Kopf. Matthias atmete tief durch, als wäre er genervt. 

„Okay, dann blockiere ich deine Nummer und stelle mein Handy auf lautlos", entschied er und tippte auf seinem Handy herum. Jonas senkte schuldbewusst den Blick, denn es war alles nur wegen ihm so kompliziert geworden. Hätte er auch nur für eine Sekunde nachgedacht, dann wäre er wohlbehalten am letzten Sonntag zu Matthias zurückgekehrt und alles wäre wieder normal gewesen. 

Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten, während Matthias sein Handy wieder auf den Nachttisch legte und sich auf die Seite drehte, sodass er ihm den Rücken zukehrte. Jonas spürte den Drang, sich immer und immer wieder bei ihm zu entschuldigen und gleichzeitig kam ihm keine Entschuldigung der Welt angemessen vor. 

„Schlaf weiter", murmelte Matthias, seine Stimme tonlos. 

„Ich... ich kann nicht schlafen."

Seufzend drehte Matthias sich wieder zu ihm herum und musterte ihn eindringlich. 

Slice of Life - L'AffaireWo Geschichten leben. Entdecke jetzt