Dag wartete bereits seit einer Dreiviertelstunde auf der Couch neben der Rezeption, doch von Jona fehlte jede Spur.
Abermals sah er auf die Uhr.
Eigentlich hatte er vorgehabt, das Heftchen aus ihrer Tasche zu entwenden, sobald sie ins Badezimmer gegangen wäre, doch stattdessen hatte sie ihn rausgeworfen. Er hätte nichts sagen können, um nicht verdächtig zu wirken, weshalb er sich letztlich auch in Bewegung gesetzt hatte und abgedackelt war.
Stylte sie sich dermaßen auf?
Irgendwie passte es nicht zu ihr.
Dag checkte ein weiteres Mal die Uhrzeit, als sie urplötzlich die Treppe hinuntergelaufen kam. »Sorry. Wir haben ein Problem.« , gab sie aufgeregt von sich.
Umgezogen war sie nicht. Und auch ihr Haar stand wirr in alle Richtungen, als wäre sie sich mehrmals durchgefahren.
»Was ist los?« Dag sprang auf die Beine.
»Das Heft mit meinen Notizen ... ich habe es anscheinend nicht eingepackt.«
Dag versuchte, ein Lächeln aufgrund dessen zu verbergen, und spielte ein wenig Betroffenheit. »Oh, und ... das heißt jetzt?«
»Wir sind ohne Anhaltspunkt hier. Ich hab' schon Thomas kontaktiert, aber er ist derzeit ebenfalls nicht in Berlin und kann demzufolge nicht nachschauen.«
»Du meinst, wir haben keine Adresse.«
»Nein. Ich versuche, mich die ganze Zeit zu erinnern, aber ...«
»Hey, das ist ... nicht schlimm.« , sprach er, weil er merkte, wie sehr es sie beschäftigte.
»Doch natürlich Dag. Wir haben nur den Ort und müssen alles abfahren.«
»Dann verlängern wir halt.« Er lächelte sie weiter an. Ihm kam es mehr als nur gelegen, allerdings sollte sie dies nicht wissen. Das Einzige, was er ihr jetzt nehmen wollte, waren die Schuldgefühle.
»Aber ...«
»Nein.« Er nahm sie an die Hand und ging mit ihr zurück zu der Treppe. »Jetzt mach dich etwas frisch und dann gehen wir in Ruhe essen. Mach' dir kein'n Kopf. Es ist alles in Ordnung.«
»Aber ...«
»Nein nein. Komm. Hopp.« Er grinste sie an. »Ich hab' Kohldampf.«
Verwirrt ging Jona alleine hinauf.
Wieso war er so ... gechillt?
Es war doch wichtig, was sie hier taten.
Tat er es ihr zuliebe? Weil er ... ein netter Kerl war?
Innerlich verzweifelte er bestimmt gerade.
Wie konnte sie aber auch das Heft nicht einpacken? Sie war doch ihre Checkliste mehrmals durchgegangen.
Lag es daran, weil sie sich Videos von Dag währenddessen reingezogen hatte?
Hatte sie sich so sehr ablenken lassen von seiner ... Aura?
Aura ...
Ja natürlich.
Es war einzig seine Aura, die sie anzog.
~ Mach' dir doch nichts vor Mädchen ~
Jona betrat wieder ihre Räumlichkeit und hob die Dinge auf, die sie in Eile auf den Boden geworfen hatte. Dass Dag tatsächlich so entspannt war, beschäftigte sie.
Aber vielleicht war er gemeinhin genannt einfach ein optimistischer Mensch. Druck hatte er ihr ja auch bisher nie gemacht. Sie erinnerte sich an einen Klienten, der nach zwei Tagen wütend auf der Matte gestanden hatte und sie anschnauzte, welch falschen Beruf sie doch gewählt hatte, wenn sie nicht mal in der Lage sei eine Person sofort ausfindig zu machen.
Möglicherweise lag es auch einzig daran, weil er Élaine ewig nicht gesehen hatte. Er hatte sich vielleicht an diesen Umstand gewöhnt und machte sich deshalb selbst keinen Druck.
Jona fragte sich, wie es sein würde, wenn beide sich begegneten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Dag dann auch so ... locker sein würde.
Sie nahm sich frische Kleidung, ging ins Bad, wusch sich, und huschte in das Neue hinein. Schließlich wollte sie ihn nicht weiter warten lassen.
Ihre lockigen Haare kämmte sie und brachte sie ein wenig in eine bessere Form. Es war kein Date. Sie musste sich dementsprechend ja nicht unnütz aufstylen.
Dennoch ...
... frischte sie zusätzlich eine Kleinigkeit ihr Make-up auf.
Mit ein wenig wackligen Beinen ging sie wieder nach unten. »Sorry. Ich hoffe, du hast jetzt nicht zu lange gewartet.« , sagte sie direkt, als er bereits am Ende der Treppe zu sehen war.
Er schüttelte seinen Kopf. Sein Lächeln behielt er bei. Jonas Mundwinkel gingen automatisch ebenso hinauf.
»Hast du auf etwas Besonderes Hunger?« , fragte er sie.
»Ich richte mich da voll nach dir. Du bist der mit dem Bärenhunger.«
»Ja, aber ... ich will auch das es deinen Wünschen ... entspricht.«
Jona blieb stehen und sah ihn an, nachdem er ihr die Türe galant aufgehalten hatte.
Dieses wonnige Lächeln und diese eine Locke, die ihm mittig auf die Stirn fiel.
Wie süß konnte ein Mann nur sein?
Sie beneidete tatsächlich Élaine dafür, weil er auf der Suche nach ihr war. Jona versuchte, kompetent zu bleiben, doch irgendwie rutschte sie immer wieder in eine Parallelwelt, wo ... Dag niemanden suchte, und ... somit frei wäre.
Nein, sie musste es sich eingestehen. sie war sage und schreibe nicht auf den Akt neidisch, den er hier ausübte, wie sie es sich aber und abermals vormachen wollte, sondern auf eine Frau, die einzig von diesen Mann hier gesucht wurde, den sie ... irgendwie doch besser und privater kennenlernen wollte.
»Wir gehen alles ganz langsam an, okay.« , sprach Dag urplötzlich und hielt ihr zuvorkommend den Arm hin, damit sie sich einhaken konnte. Was sie demzufolge zögerlich annahm. »Jetzt heißt es aber erst einmal ... nur wir beide.«
Nur sie zwei ...
Wenn dem doch tatsächlich so wäre.
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Mein Leben ist nicht wie ein Film, es ist wie ein Buch
Fiksi PenggemarDags Leben verläuft im Grunde normal. Er ist Mitte dreißig, Musiker mit Leib und Seele und die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts stehen auf ihn. Privat führt er jedoch eine kleine Liebelei mit einer jungen Frau namens Katharina. Etwas Ernste...