Kapitel 4: Der Traum, der mich Rief

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Zwei Tage nach meiner letzten Begegnung mit Emma fühlte ich mich alles andere als gut.

Es war ein harter Tag gewesen, einer von diesen, die sich zäh und trübselig durch den Verstand wälzen, das Innere in eine graue Wolke tauchen und alles um einen herum überlagern. Der Himmel war wie in dichte, schmutzig graue Watte gepackt. Der Regen, der nachmittags eingesetzt hatte, ließ nach, aber die feuchte Kälte hielt an. Jeder Schritt auf dem Heimweg fühlte sich schwer an, und der dumpfe Schmerz hinter meiner Stirn pochte beharrlich. Die Straßen, die immer laut und lebendig schienen, wirkten plötzlich matt und entzaubert. Ich sehnte mich nach der Dunkelheit meines Apartments – nach etwas Vertrautem, das keine Fragen stellte.

Als ich meine Wohnung betrat, sprang mir Merle wie immer entgegen, meine treue, sanfte Perserkatze. Mit weichen Schritten rieb sie sich an meinen Beinen, schnurrte und suchte nach meiner Aufmerksamkeit. Normalerweise empfand ich ihre Nähe als Trost, doch dieses Mal fühlte ich… nichts. Meine Hand ging mechanisch zu ihrem Kopf, strich ihr über das seidige Fell, doch die Wärme, die mir sonst ihr vertrautes Wesen schenkte, konnte heute nicht zu mir durchdringen. Mein Kopf war so schwer, mein Herz von einer ungreifbaren Angst erfüllt, einer inneren Dunkelheit, die mir nicht erlaubte, das Hier und Jetzt zu spüren.

Ich streifte die Kleidung ab und ließ mich einfach auf die Couch fallen, ohne die Mühe, die Decke über mich zu ziehen. Der Schlaf kam schnell – und genauso schnell war ich wieder verloren. Kein tiefer, friedlicher Schlaf. Es war vielmehr ein Sog, ein dunkler Strudel, der mich immer tiefer hinabzog, wie ein schwerer Stein, der in einem dunklen See versinkt. Die Dunkelheit war kein Traum. Sie war eine bedrückende Realität, die mich einhüllte und mit mir spielte.

Ich befand mich in einer kargen, endlosen Ebene. Der Himmel war ein erschreckendes Rot, eine feurige Farbe, die nichts von Wärme an sich hatte, sondern nur Gefahr signalisierte. Die Wolken, die wie lange, verzerrte Schatten wirkten, zogen sich in einem immer enger werdenden Kreis über mir zusammen, und ein schriller Wind zerrte an mir, schnitt durch die Luft wie ein scharfes Messer. Mein Herz raste. Die Beine wollten sich kaum bewegen, als würden sie von unsichtbaren Ketten am Boden festgehalten. Ein verzweifelter Versuch, meinen Körper in Bewegung zu setzen, scheiterte kläglich. In mir stieg die unaufhaltsame Gewissheit auf: Hier gab es kein Entkommen.

Und dann tauchten sie auf.

Aus dem Schatten, aus der Dunkelheit, die sich am Rande meines Blickfeldes zusammenzog, begannen sie sich zu bewegen. Gestalten, gesichtslose Schemen, die mich zu umkreisen begannen. Ihre Bewegungen waren langsam und schleichend, wie ein Raubtier, das sein Opfer belauert. Ich wusste nicht, was sie wollten, doch ihr Anblick ließ mein Blut in den Adern gefrieren. Ihre Gesichter… wenn man es überhaupt Gesichter nennen konnte, denn es waren keine klaren Züge zu erkennen, nur leere, düstere Höhlen, wo Augen und Mund hätten sein sollen.

Und dann kam der Schmerz.

Ein Bild durchzuckte meinen Geist: ein verzerrtes, schmerzverzerrtes Gesicht, das in den Abgründen ihrer Höhlen reflektiert wurde. Ein Gesicht, das ich nur allzu gut kannte. Tiffany. Ihre Augen, weit aufgerissen, voller Angst und Trauer, flehten um etwas – eine Vergebung, die ich ihr nie hatte geben können. Dieses Bild bohrte sich mit brennender Intensität in mein Bewusstsein, zerdrückte jede Hoffnung, die ich mir vielleicht heimlich eingestehen wollte. Es war ein Schrei in ihren Augen, ein lautloser, unaufhörlicher Schrei, der mir wie ein glühendes Eisen in die Brust getrieben wurde.

„Du… bist… Schuld.“

Die Worte, ausgesprochen in einem kalten, leeren Flüstern, schienen überall um mich herum zu sein, drangen in meine Gedanken ein und durchwühlten meine tiefsten Ängste. Die Gestalten kamen näher, rückten in bedrohlicher Gleichmäßigkeit auf mich zu. Ihre Hohlgesichter verwandelten sich, nahmen verzerrte Formen an, reflektierten schmerzhafte Erinnerungen: die Gesichter meiner Eltern, meine eigene Fratze voller Reue und Verzweiflung. Und immer wieder Tiffanys Augen, Tiffanys Schrei. Ich wollte weglaufen, weinen, um Vergebung flehen, doch kein Laut kam heraus. Es war, als hätte die Dunkelheit mir meine Stimme gestohlen.

Die Dämonen, diese abscheulichen Schatten meiner Erinnerungen, lachten in einem kehligen, schaurigen Chor. Ein unheimliches, hallendes Lachen, das meine eigene Schuld wiedergab. Und immer wieder stieß es mich, ohne Erbarmen, immer wieder: „Du bist schuld.“

Meine Brust zog sich zusammen, und ich wollte schreien – doch die Luft blieb mir in der Kehle stecken. Ein Gefühl der Panik kroch durch meinen Körper, wie ein schwarzes Gift, das sich ausbreitete und alles unter sich begrub. Da spürte ich eine kalte Hand auf meiner Schulter. Eine knochige, leblos kalte Hand, die sich wie eine Zange um mich legte. Diese Hand hielt mich fest, zog mich hinab, tiefer und tiefer in die Dunkelheit, während die Stimmen immer lauter wurden.

„Du wirst nie entkommen, Sam.“

Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustand verharrte, wie lange ich dem beklemmenden, alles durchdringenden Schmerz ausgeliefert war. Die Dunkelheit schien kein Ende zu nehmen, ein endloser Strudel der Verzweiflung und des Hasses auf mich selbst, bis… plötzlich, in einem jäh ruckartigen Moment, erwachte ich.

Ich fand mich auf dem Boden meines Zimmers wieder, zusammengekauert und zitternd. Kalter Schweiß klebte an mir, meine Haut fühlte sich fremd und kalt an, als hätte ich sie in der Hölle selbst verbrannt. Die Luft war dicht, stickig, und in meiner Brust hämmerte das Herz wie eine Trommel. Ich blinzelte, starrte in die Dunkelheit, die mich umgab, und konnte nicht erkennen, ob ich wirklich wach war oder noch immer in einem Albtraum festsaß. Alles wirkte wie ein Schleier, schwer und unentrinnbar.

Da hörte ich ein Klopfen. Dumpf, gedämpft, wie ein fernes Echo. Doch es war real. Es klopfte an meiner Tür, sanft, aber bestimmt, als wüsste jemand genau, dass ich dringend jemanden brauchte. Mit letzter Kraft stand ich auf, wankend, und schleppte mich zur Tür. Zögernd drehte ich den Schlüssel und öffnete.

Es war Janic. Sein Gesicht, sonst so ruhig und klar, war verzogen vor Besorgnis. Ohne ein Wort trat er ein, schloss die Tür hinter sich und führte mich wortlos zur Couch. Seine Hände waren sanft, doch fest auf meinen Schultern, als wolle er mir damit Halt geben.

„Sam… was ist passiert?“ fragte er leise, fast flüsternd, als wolle er die Dunkelheit in mir nicht noch mehr aufrühren. Die Worte kamen mühsam, brüchig, zögernd aus mir heraus, als hätten sie eine dicke Mauer durchbrechen müssen.

„Sie… sie waren da, Janic,“ stotterte ich. „Sie wollten mich holen… Die Dämonen… sie haben gesagt, dass ich alles zerstört habe.“

Er sagte nichts, nickte nur verstehend. Dann nahm er mich in den Arm und legte sanft eine Hand auf meinen Kopf, wie ein Vater, der sein Kind tröstet. Diese einfache Geste brach etwas in mir. Tränen, die ich jahrelang zurückgehalten hatte, bahnten sich ihren Weg und stürzten wie ein Wasserfall über meine Wangen. In diesen Momenten, da Janic mich festhielt, fiel die Last meiner Schuld ein wenig ab.

„Sam,“ murmelte er beruhigend, „du kannst den Dämonen nicht entkommen, indem du ihnen wegläufst. Sie sind ein Teil von dir, das weißt du, oder?“ Seine Stimme klang ruhig, fest und voller Vertrauen. „Du musst lernen, ihnen ins Gesicht zu sehen. Aber nicht allein. Ich bin hier. Und du bist nicht allein.“

Er blieb noch eine Weile bei mir, ohne zu sprechen.

Ich fühlte mich für die Zeit, nur noch halb so einsam

Mein Name ist Sam...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt