Ich stehe hier auf dem Friedhof, der kalte Wind beißt mir ins Gesicht und lässt meine Hände zittern. Der Himmel ist grau und schwer, die Wolken hängen tief und scheinen die ganze Welt zu erdrücken. Vor mir liegt der schlichte Grabstein meiner Mutter, „Holly Rowen" steht dort, die Zahlen des Geburtsdatums erscheinen fast wie eine kalte, mechanische Erinnerung an das Leben, das sie einst führte. Aber es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an sie denke, an all die Momente, die wir geteilt haben, die Liebe und das Lächeln, das sie mir schenkte, das ihr ganzes Wesen, das ich in so vielen Details meines Lebens finde.
Die Trauer überkommt mich wie eine Welle, die ich kaum ertragen kann. Der Wind weht den Regen in mein Gesicht, aber es fühlt sich nicht an, als würde er mir helfen, den Schmerz zu lindern. Er ist nur ein weiteres Element, das den Moment noch unwirklicher erscheinen lässt. Ihre letzten Worte, die letzten Tage, als sie im Krankenhaus war, kommen mir immer wieder in den Sinn. Die schwachen Hände, die sich an meinem gehalten haben, das flimmernde, schüchterne Lächeln, mit dem sie sich verabschiedet hat – all das jagt durch meine Gedanken, und die Leere, die sie hinterlässt, ist schwerer als der kalte, nasse Boden unter meinen Füßen.
Ich blicke auf den Grabstein und atme tief ein. Der Name meiner Mutter, so wie er dort eingraviert ist, wirkt so endgültig, so unaufhaltsam, als ob er die Zeit selbst eingefroren hätte. Ihr Geburtsdatum erinnert mich daran, wie viele Jahre sie auf dieser Welt verbracht hat, wie viele Träume sie hatte, wie viele Stunden sie mir gewidmet hat. Aber keiner von uns hatte das Gefühl, dass die Zeit jemals ausreichen würde. Sie war immer die, die mir geholfen hat, die mich unterstützt hat, die immer ein Ohr für mich hatte. Ich erinnere mich daran, wie sie mich aufgezogen hat, wie sie uns durch die stürmischen Tage geführt hat, als mein Vater uns verlassen hatte und es nur uns zwei gab – sie und mich.
Mein Vater, den ich kaum kannte, war schon früh aus unserem Leben verschwunden. Es gibt nur verschwommene Erinnerungen an ihn, wie ein gesichtsloses Bild in meinen Gedanken. Ich wollte nie wirklich wissen, was aus ihm geworden war, und ich hatte nie das Bedürfnis, ihn zu suchen. Es war einfacher, ihn als Schatten in meiner Vergangenheit zu betrachten, als jemand, der nie wirklich in meinem Leben war. Ich erinnere mich, wie ich als Kind fragte, warum er nicht bei uns war, und meine Mutter mir immer mit einem liebevollen Lächeln antwortete, dass er weit weg war, aber dass sie immer für mich da sein würde. Sie war alles, was ich brauchte, und mit ihr fühlte ich mich sicher, geborgen. Sie war meine Welt.
Ich kann mich noch genau an die kleinen, simplen Dinge erinnern, die unsere Zeit ausmachten. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung, die wir uns kaum leisten konnten, aber sie war unser Zuhause. In der Küche roch es immer nach frischem Brot, das sie mit ihren eigenen Händen backte. An den Wänden hingen alte Bilder, einige von uns beiden, einige von ihr allein, und ich erinnerte mich, dass sie immer mit den Augen in die Zukunft blickte, als würde sie uns ein besseres Leben versprechen. Als Kind hatte ich immer das Gefühl, sie würde mich vor allem bewahren – vor der Welt da draußen, die mich immer beängstigte.
Es gab Momente, in denen wir nichts zu essen hatten, aber sie lachte und sagte, wir würden immer genug haben, solange wir zusammen waren. Sie machte das Leben zu einem Abenteuer, auch wenn es in den kleinen Details der Armut und der Schwierigkeiten versteckt war. Sie erzählte mir Geschichten, las mir vor, wenn wir auf dem alten, abgenutzten Sofa saßen, und mit jedem Wort fühlte ich mich ein bisschen sicherer, ein bisschen weniger verloren. Ihre Stimme war mein sicherer Hafen. In diesen Augenblicken konnte ich alles vergessen – die Sorgen, die Welt da draußen, die uns beide im Stich zu lassen schien.
Aber mit der Zeit nahm der Schatten des Verlustes Form. Der Tod meiner Frau, Tiffany, traf mich mit einer Wucht, die mich fast zerbrach. Ich konnte nicht mehr zu meiner Mutter gehen, wie ich es früher getan hatte. Ich konnte nicht mehr mit ihr reden und mich in ihrem Trost verlieren. Es war, als ob ich sie von mir stieß, weil ich nicht wusste, wie ich mit meiner eigenen Trauer umgehen sollte. Ich konnte nicht mehr der Sohn sein, der sie immer gebraucht hatte, sondern verlor mich selbst in meiner eigenen Dunkelheit.
Die Trauer um Tiffany ließ alles andere in den Hintergrund rücken. Ich hatte das Gefühl, dass es zu spät war, meine Mutter noch einmal in ihre Rolle als meine Beschützerin zu holen. Sie versuchte, mir zu helfen, aber sie konnte es nicht. Sie kämpfte mit ihren eigenen Schmerzen und Erinnerungen, und wir wurden beide in unseren eigenen Welten gefangen. Wir hatten einander verloren, und es fühlte sich an, als wäre es zu spät, etwas zu ändern.
Heute stehe ich hier bei ihrer Beerdigung, die in all ihrer Einfachheit noch schmerzhafter ist. Es gibt keine großen Blumenarrangements, keine pompöse Zeremonie. Nur wenige Leute sind gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Janic, mein bester Freund, steht an meiner Seite, und ich bin ihm dankbar, dass er da ist. Ohne ihn würde ich diesen Moment nicht überstehen. Doch trotz seiner Nähe fühle ich mich so einsam wie nie zuvor. Ich kann die Leere spüren, die ihre Abwesenheit hinterlässt. Die Bestattungszeremonie ist still, aber sie schreit in mir. Es gibt keinen Trost, nur die Erkenntnis, dass sie nie wieder für mich da sein wird.
Ich blicke auf den Sarg und die Erinnerungen kommen in einem ständigen Strom zurück. Der Duft von frisch gebackenem Brot, der immer die Küche erfüllte, die Art, wie sie mich rief, wenn ich zu lange in meinem Zimmer war: „Samuel! Wo bist du, mein Skydreamer?“ Ihr Lächeln war das Licht meines Lebens, und jetzt fühlt es sich so an, als wäre alles, was sie mir gegeben hat, verloren. Diese Erinnerungen sind wie ein warmer, zerbrechlicher Schatten in einer Welt, die mir immer kälter vorkommt.
Ich erinnere mich an die vielen sonnigen Tage, an denen wir im Park lagen, auf der Wiese, und Wolkenbilder machten. Sie zeigte mir, wie man die Wolken liest, wie man in ihrer Form Geschichten und Abenteuer fand. Ich dachte, das Leben sei voller Möglichkeiten, dass es immer einen Platz für mich gibt, so wie es immer einen Platz für uns beide gab, solange wir zusammen waren. Doch das Leben ist härter geworden, und ich finde mich hier auf diesem Friedhof wieder, bei der Beerdigung der Frau, die mich immer aufrecht hielt, die mich niemals im Stich gelassen hat. Der Wind weht, und der Regen fängt an, stärker zu werden, doch ich fühle nichts, was mich berührt.
Die Worte des Pfarrers kommen zu mir, doch sie erreichen mich nicht. Sie verschwimmen in meinen Gedanken, die von Schuld und bedauern durchzogen sind. Was hätte ich tun können, um ihr zu helfen? Hätte ich sie öfter besuchen sollen? Hätte ich ihr mehr von meinem Leben erzählt? Hätte ich mich mehr um sie gekümmert, als ich es getan habe? So viele Fragen, und keine Antworten. Die Antworten, die ich finde, sind nur der Schmerz, der mich begleitet. Es ist zu spät, um all das zu ändern.
„Es tut mir leid, Mom,“ flüstere ich, als ich mich langsam über das Grab beuge. „Es tut mir leid, dass ich nicht genug für dich getan habe. Du hast alles für mich getan, und ich wünschte, ich hätte dir die Liebe zurückgegeben, die du mir immer gegeben hast.“
Die Tränen laufen mir unaufhörlich die Wangen hinab. Ich kann nichts dagegen tun, und vielleicht will ich es auch nicht. Janic legt eine Hand auf meine Schulter. Es ist der einzige Trost, den ich in diesem Moment habe. Ich kann den Schmerz in seinen Augen sehen, aber er bleibt still, er weiß, dass er mir keine Worte geben kann, die den Verlust lindern würden.
Die letzten Worte des Pfarrers gehen im Wind verloren, und ich fühle mich wie auf einer Klippe, als ob ich jeden Moment in die Dunkelheit stürzen könnte. Holly war immer mein Licht, und nun fühlt es sich so an, als würde mich die Dunkelheit vollständig einhüllen. Als ich mich schließlich von ihrem Grab abwende, spüre ich den weiteren Zerfall meiner Selbst.
Die Trauer ist überwältigend, und in dieser Leere werde ich nie wieder ganz sein.
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Mein Name ist Sam...
Truyện NgắnSam steckt in einem Strudel aus Erinnerungen, Sehnsüchten und finsteren Visionen, die ihn immer tiefer in eine beklemmende Realität treiben, die kaum von Albträumen zu unterscheiden ist. Als er sich auf die Freundschaft mit Janic und die beginnende...