Kapitel 7: In der Dunkelheit verloren

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Der nächste Morgen kam, und ich fühlte mich, als hätte ich die Nacht in einem schleichenden Albtraum verbracht. Mein Körper war schwer und träge, als hätte ich einen ganzen Kasten Bier geleert, doch es war über sieben Jahre her, seit ich das letzte Mal einen Tropfen Alkohol angerührt hatte. Der Gedanke daran schmerzte, aber er war nur ein schwacher Schatten im Vergleich zu dem, was mich wirklich quälte. Die wahren Dämonen, die mich verfolgten, hatten nichts mit Alkohol zu tun, sondern mit den gelebten und unerlebten Momenten, den Fehlern und der nicht beglichenen Schuld, die mich noch immer verfolgte.

Ich rollte mich von der Couch, das so unbequem und kalt wirkte, als ob es mich an meine eigene Unfähigkeit erinnerte, den Tag zu beginnen. Meine Glieder schmerzten, als hätte ich die ganze Nacht in einem Kampf verbracht, der nie ein Ende fand. Der Geruch von Schweiß und vernachlässigten Träumen hing in der Luft. In den letzten Tagen hatte ich wenig geschlafen, und die Erinnerungen an Tiffany, die mich Tag und Nacht quälten, riefen sich immer wieder in meine Gedanken. Ihr Lachen, das einst mein Leben erhellte, war nun zu einem schmerzhaften Echo geworden, das sich in meinem Kopf wiederholte, als ob es nie wirklich aufhören wollte. Die Stimme, die mich so oft beruhigte, war nun nur noch ein ferner Klang, der in einem Meer aus Trauer ertrank.

Ich taumelte in die Küche und stellte mir eine Tasse Kaffee zusammen, die eher wie eine Droge wirkte als ein Genuss. Mein Blick fiel auf das Fenster, und ich sah den grauen Himmel, der den Tag schon früh in eine trübe Dämmerung tauchte. Der Regen, der seit Stunden gegen das Glas trommelte, verstärkte das Gefühl der Beklemmung in meiner Brust. Ich konnte den kalten Hauch der Dunkelheit in meinem Inneren spüren. Sie war immer noch bei mir – diese ständige Präsenz der Schuld, die wie ein enges Band um meine Brust schnürte. Es war, als ob ich nie wirklich atmen konnte. Es war, als ob die Luft so schwer war, dass sie mich in den Boden drückte.

Die Erinnerungen an Tiffany drängten sich wieder vor. Sie war die Liebe meines Lebens gewesen, doch wie viel hatte ich wirklich für sie getan? Hatte ich ihr genug gegeben? Hatte ich sie genug geliebt? Ich fragte mich, wie viel sie in den letzten Monaten ertragen musste, während ich mich immer weiter von ihr entfernte, gefangen in meinem eigenen Schmerz und meiner eigenen Trauer, die mich lähmten. Der Gedanke an all das Unausgesprochene, all die Dinge, die nie gesagt wurden, quälte mich unaufhörlich. In einem Moment der Schwäche hatte ich mich von ihr entfernt, als sie mich am meisten gebraucht hätte, und jetzt war es zu spät, es wieder gut zu machen.

Plötzlich überkam mich ein überwältigendes Gefühl der Erschöpfung, und ich fiel auf das schäbige Sofa, das in der Ecke des Zimmers stand, als ob es ein Gefängnis für meine zerbrochenen Träume darstellte. Es war das gleiche Sofa, das ich schon so oft als Zuflucht aufgesucht hatte, als ich von der Welt da draußen nichts mehr wollte. Doch jetzt fühlte es sich mehr an wie ein Gefängnis, ein Ort, an dem ich mich selbst eingesperrt hatte, in dem ich mich nicht mehr befreien konnte. Die Kissen waren vom vielen Sitzen und Liegen zerdrückt, die Ritzen in der Polsterung erinnerten mich an die Risse in meiner eigenen Seele.

Während ich dort lag, wurden die Grenzen zwischen Realität und Fantasie immer vager. Tagträume überkamen mich, lebendig und so intensiv, dass ich sie nicht mehr von meiner eigenen Erfahrung unterscheiden konnte. Die Bilder aus meiner Vergangenheit vermischten sich mit der Dunkelheit des gegenwärtigen Moments, und ich konnte mich nicht mehr entscheiden, ob ich wach war oder in einem endlosen Albtraum gefangen war.

In diesen Visionen erschienen mir gewaltige Berge, die wie scharfe Klingen aus der Erde ragten. Sie umschlossen mich, erdrückten mich mit ihrer schroffen Präsenz, und ich wanderte durch ein Tal der Trostlosigkeit, wo der Himmel niemals klar war und der Wind heulte wie verlorene Seelen. Ich konnte den Regen spüren, der mich durchnässte, der in meine Haut eindrang, als ob er mich von innen heraus reinigen sollte. Doch nichts half. Der Regen war nur eine weitere Erinnerung an das, was ich verloren hatte, an die Dinge, die ich niemals zurückholen konnte.

Die Berge schienen aus den schmutzigen Erinnerungen und unerfüllten Hoffnungen zu bestehen, die mich quälten. Hass schlich sich in jede Faser meines Seins, und ich wusste nicht mehr, ob ich träumte oder wach war. Der Hass war wie ein Brennen in meinem Inneren, das mich dazu zwang, mich selbst zu verfluchen. Es war ein Hass auf die Dinge, die ich nicht mehr ändern konnte, auf die Menschen, die ich verloren hatte, und auf mich selbst, weil ich nicht in der Lage war, die Vergangenheit zu bewältigen.

Die Zeit schien stillzustehen, als ich mich in dieser düsteren Fantasiewelt verlor. Ich sah die Gesichter der Menschen, die ich verloren hatte – Tiffany, meine Mutter, all die, die ich verlassen hatte oder die mich verlassen hatten. Ihre Augen schauten mich an, voller Vorwürfe und Enttäuschung. Es war, als ob ihre Gesichter immer dichter an mich herankamen, als wollten sie mich ersticken, mich verurteilen für all das, was ich versäumt hatte. Doch ich konnte mich nicht wehren. Es war, als ob ich in dieser Trauer und Schuld gefangen war, und ich konnte nicht entkommen.

Schließlich, als die Dämmerung in die Nacht überging, schloss ich meine Augen, um der bedrückenden Realität zu entfliehen. Doch als ich sie wieder öffnete, fand ich mich nicht in meiner Wohnung, sondern am Ufer des Sees wieder, dem Ort, an dem ich Emma zuletzt getroffen hatte. Der kalte Wind strich mir über die Haut, und ich fröstelte, als wäre ich aus einem tiefen Traum gerissen worden, der nie wirklich enden wollte. Die Kühle der Nacht umhüllte mich, während ich mit nichts als einer kurzen Hose, Socken und einem abgewetzten Tanktop bekleidet war. Es war wie ein weiterer brutaler Scherz des Schicksals, dass ich hier stand, verloren und verwirrt, mitten in der Dunkelheit, umgeben von den flimmernden Lichtern der fernen Stadt.

Der Mond warf sein blasses Licht auf die Wasseroberfläche, die in der Dunkelheit schimmerte und flüsterte. Ein Schauer überkam mich, und ich spürte, wie die Wellen der Trauer und des Bedauerns über mich hereinbrachen. Der kalte Wind verstärkte das Gefühl der Leere, das in mir wohnt. Ein unerträglicher Druck stieg in meiner Brust auf, und ich konnte nicht mehr anders, als zu knien. Die Kälte des Bodens durchdrang mein dünnes Shirt, doch ich fühlte nichts anderes als die allumfassende Einsamkeit, die mich umhüllte, wie ein undurchdringlicher Nebel.

Ich brach zusammen. Die Tränen, die schon lange in mir brodelten, fanden endlich ihren Weg nach außen. Ich weinte. Ich weinte um meine Frau, die ich so grausam behandelt hatte, die ich verlassen hatte, als sie mich am meisten brauchte. Ich weinte um meine Mutter, die ich allein zum Sterben zurückgelassen hatte, obwohl sie immer für mich da gewesen war. Ich weinte um mich selbst, um den gebrochenen Mann, der ich geworden war, und um die Träume, die ich so verzweifelt festhalten wollte, die mir aber immer weiter entglitten. Jeder Schluchzer war ein Hilferuf, ein verzweifelter Versuch, die Geister der Vergangenheit zu vertreiben, die mir nicht nur meine Familie, sondern auch meine Identität geraubt hatten.

In dieser kalten Nacht, am Rand des Wassers, fühlte ich mich so klein und verletzlich, wie ein Kind in einem riesigen, fremden Land. Die Dunkelheit schien mich zu umarmen, mich zu verschlingen, als ob sie mir die letzten Reste meines Menschseins nehmen wollte. Doch trotz der Dunkelheit, trotz des Schmerzes und der Verwirrung, fühlte ich mich in diesem Moment mehr lebendig als je zuvor. Die Trauer, die mich jahrelang erdrückt hatte, fließt jetzt aus mir heraus, wie ein Strom, der endlich seinen Weg ins Freie gefunden hat.

Ich saß da, am Ufer des Sees, und weinte für all die verlorenen Jahre, all die versäumten Gelegenheiten und all die Liebe, die in der Dunkelheit verschwand. Es war eine düstere Nacht, und ich fühlte mich nicht wie ein Mensch, sondern eher wie ein Schatten meiner selbst, gefangen zwischen den Bergen meiner eigenen Qualen und der tiefen Dunkelheit des Wassers, das meine Schreie schluckte. Doch vielleicht war dies der Anfang von etwas anderem, etwas, das mir endlich erlaubte, die Geister der Vergangenheit loszulassen

Mein Name ist Sam...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt