Kapitel 13: Das Klackern der Nacht

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Amy saß mir gegenüber, und für einen kurzen Moment - einen, den ich fast nicht bemerkte - veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie legte ihr Handy beiseite und sah mich an, auf eine Art und Weise, die ich nicht erwartet hatte. Etwas in ihrem Blick war anders, als würde sie mich plötzlich wirklich wahrnehmen, nicht nur als das Objekt ihrer Belustigung.

„Ich habe von deiner Mutter gehört, Sam. Mein Beileid." Ihre Stimme war ungewöhnlich weich, beinahe sanft, und zum ersten Mal seit langer Zeit hörte ich in ihr etwas, das wie echtes Mitgefühl klang. Es war eine stille, verletzliche Seite, die ich kaum für möglich gehalten hätte. Nicht diese sarkastische, überhebliche Art, sondern ein wirkliches, tiefes Bedauern. Ich starrte auf die Tischplatte, nickte nur kurz und murmelte ein leises „Danke." Irgendwo in mir fühlte ich tatsächlich so etwas wie Dankbarkeit für diesen Moment, wie klein er auch sein mochte. Es war der erste echte Moment zwischen uns, ein Moment der Menschlichkeit, und ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.

Doch wie schnell das wieder verschwinden konnte, bewies Amy im nächsten Moment. Sie griff nach ihrem neuen iPhone, zog es aus der Tasche und beugte sich leicht zur Seite. Mit einer beiläufigen Bewegung hielt sie das Gerät so, dass es uns beide im Bild hatte. Ehe ich realisieren konnte, was sie vorhatte, hörte ich sie mit ihrer typischen Instagram-Stimme in die Kamera sprechen: „Hey Guys, heute hab ich einem Obdachlosen geholfen und ihm etwas zu essen ausgegeben! Man muss auch die Armen unterstützen, oder?" Ihre Stimme war übertrieben freundlich, die Worte fast wie eine inszenierte Show.

Ich war wie erstarrt, unfähig, zu reagieren. Sie drehte das Handy leicht in meine Richtung, sodass ich nur noch meine Hand vor mein Gesicht halten konnte. Ich sah sie entsetzt an, unfähig, den schmerzhaften Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. Kaum hatte sie das Video aufgenommen, landete es auch schon in ihrer Story. Obdachlos? Ich fühlte den Stich dieser Bezeichnung. Sicher, ich sah vielleicht aus wie jemand, der schon lange nichts Festes unter den Füßen hatte - und vielleicht roch ich sogar so -, aber das Recht, so über mich zu sprechen, hatte sie nicht. Diese Frau, die sich nie wirklich für irgendetwas außer sich selbst interessierte, schien mich nur als Mittel zum Zweck zu sehen. Sie strahlte in die Kamera, als wäre das, was sie gerade tat, eine wohltätige Tat.

„Die Fans werden es lieben," sagte sie mit einem zufriedenen Grinsen und beäugte mich wie ein seltsames, spannendes Objekt. Es war fast, als wollte sie sich selbst beweisen, wie gut sie war, indem sie mit mir, dem vermeintlichen „Obdachlosen", in der Öffentlichkeit posierte. Mir war schlecht vor Wut, aber ich schwieg. Vielleicht sollte ich etwas sagen, etwas Scharfes, etwas, das sie treffen würde, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich war dieser Welt, diesem ständigen digitalen Rampenlicht, in dem sie lebte, einfach nicht gewachsen. Ich hatte nie gelernt, diese Oberflächlichkeit zu entlarven oder mich davon zu befreien.

Amy lehnte sich zurück, blickte einmal aus dem Fenster und seufzte, als wäre die Szene um uns herum für sie kaum auszuhalten. Es war eine Geste, die irgendwie so gewollt wirkte, als wollte sie zeigen, dass sie mehr war als der Ort, an dem sie sich gerade aufhielt. „Und was machst du so, Sam? Was ist deine Intention im Leben?" Es klang nicht so, als würde sie es wirklich interessieren, eher wie ein Punkt auf einer Liste, den sie abhaken wollte, um das Gespräch weiterzuführen. Sie warf die Frage mit einer gleichgültigen Miene, ohne Interesse an einer wirklichen Antwort.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ja, dies ... das. Arbeiten halt." Ich wusste, dass ich ihr ohnehin nichts erzählen wollte. Es fühlte sich an, als hätte jede Antwort, die ich geben könnte, keine Bedeutung. Ihre Antwort darauf war ein desinteressiertes Zucken der Schultern. Sie schien in ihren Gedanken schon längst irgendwo anders zu sein, als würde sie sich nur noch mit dem aktuellen Moment beschäftigen, um ihr Leben zu füllen.

Ihr Blick wanderte erneut aus dem Fenster, hinüber zum leeren Parkplatz und das schwach flackernde Licht einer Straßenlaterne. Es war, als hätte sie bereits das Interesse verloren. Als wäre es mir nicht einmal mehr wert, dass sie sich um mich kümmerte. In diesem Moment stach mir auf einmal der Gedanke ins Gehirn, dass Amy und ich irgendwann, vor nicht allzu langer Zeit, viel mehr waren als nur zwei Fremde, die zufällig in einem Diner saßen. Sie und Janic, damals, als wir alle zusammen angefangen hatten, und als sie mir immer wieder versicherte, dass alles okay sei.

In einem Moment der impulsiven Offenheit wollte ich von Janic erzählen, vielleicht von dem Nachmittag, der mich heute auf die Beine gebracht hatte, aber Amy verdrehte sofort die Augen und zog eine Grimasse.

„Irgh, lass es." Sie wedelte mit der Hand, als würde sie eine lästige Fliege vertreiben wollen. Ihre Augen hatten diesen Ausdruck von Langeweile, den ich so gut kannte, als wäre alles, was ich ihr zu erzählen hatte, nur ein weiterer störender Teil ihres ansonsten perfekten Tages.

Ich spürte, wie das Blut in meinen Wangen aufstieg, eine heiße Mischung aus Wut und Frustration. Wisst ihr noch? Ganz am Anfang habe ich erwähnt, dass ich Janic und Amy aneinander vorgestellt hatte, sodass Tiffany und ich uns kennen lernen konnten. Es ging nicht lange zwischen den beiden – Zwei Wochen, in denen die beiden eine Art leidenschaftliches Intermezzo hatten, bis Amy - wie immer - die Lust verlor. Janic war, wie alle vor ihm, ein Spielzeug, ein schneller Zeitvertreib. Inzwischen war er fast angewidert von ihr, und ich konnte es ihm nicht verübeln.

„Da hast du's wieder, die Vergangenheit," stieß sie abfällig hervor, ihre Stimme eine Mischung aus Langeweile und Abscheu. Ich biss die Zähne zusammen und überlegte kurz, ob ich ihr vielleicht von Emma erzählen sollte. Ob sie überhaupt wissen sollte, dass es Menschen gab, die mir Freude brachten, auch ohne Maske und Schauspielerei. Doch gerade, als ich meinen Mund öffnen wollte, stand Amy plötzlich auf. Ihre Bewegung war ruckartig und hatte eine endgültige Schärfe, die keinen Widerspruch duldete.

„Sam, ich hau ab. Wird mir einfach zu langweilig mit dir," sagte sie, als würde sie mir damit die tiefste Kränkung zufügen. Doch ich fühlte nichts, keine Verletzung, kein Schmerz. Stattdessen war es eher wie eine Erleichterung, ein befreiendes Gefühl, das sich in meiner Brust ausbreitete. Ich nickte nur, mehr konnte ich nicht aufbringen. Es war fast, als wäre die Last, die sie immer auf mir abgelegt hatte, jetzt von mir abgefallen, als wäre ich von einem Mantel befreit worden, den ich viel zu lange getragen hatte.

Amy kramte in ihrer Tasche und ließ einen Hunderter auf den Tisch fallen, viel mehr, als unser Essen gekostet hätte. Geld bedeutete ihr nichts, nur ein weiteres Accessoire in ihrer Welt, die alles bekam, was sie wollte. Sie tat es, als wäre es ein weiterer Akt der Großzügigkeit, den sie bereit war zu tun, wie für eine wohltätige Organisation. Ich konnte ihren Blick in diesem Moment nicht ertragen. Sie drehte sich um und stolzierte zur Tür hinaus. Ihre Silhouette verschwand langsam in der Dunkelheit der Straße, nur das Klackern ihrer Absätze war noch für einen Moment zu hören.

Schließlich war sie fort, und ich saß allein im Licht des Diners. Die Stille war beinahe überwältigend. Der Raum um mich herum war plötzlich wie ein abgeschlossener, sicherer Ort. Hier gab es keine Amy, keinen Lärm, keine ständigen Erwartungen. Ich atmete tief durch, ließ die Anspannung langsam abfallen und legte das Geld, das ich ohnehin nicht wollte, auf den Tisch zurück. Langsam stand ich auf und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Die kühle Luft schlug mir ins Gesicht und löste die letzten Reste von Amy's Gegenwart aus meinem Kopf. Es war eine seltsame, tröstliche Kälte, und ich blieb für einen Moment auf der Straße stehen, sah in die Nacht und spürte, wie ich langsam wieder zu mir kam. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass ich alles, was ich gerade durchgemacht hatte, überstehen würde, dass ich aus dieser Begegnung unversehrt hervorgehen konnte.

Dann, die Hände tief in die Taschen gesteckt, machte ich mich schließlich auf den Weg zurück in meine Wohnung, Schritt für Schritt, durch die stille, fast gespenstische Stadt.

Mein Name ist Sam...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt