Kapitel 14: Stimmen der Vergangenheit

1 0 0
                                    

Merles warmes Gewicht auf meinem Schoß war das Letzte, was ich spürte, bevor der Schlaf mich wieder übermannte. Die letzten Reste des Tages hingen noch wie ein schwerer Mantel um mich, aber der Schlaf holte mich trotzdem ein, mit seiner sanften, aber unaufhaltsamen Macht. Ich muss wohl im Sitzen eingeschlafen sein, mein Kopf war zur Seite gekippt, und irgendwo im Dämmerzustand spürte ich ihr weiches, vertrautes Fell unter meinen Fingern. Ihre Schnurren, das leise, beruhigende Geräusch, das sie manchmal machte, wenn sie sich in meiner Nähe wohlfühlte, schien mich wie eine sanfte Welle zu wiegen. Es war ein vertrautes Gefühl, das mich tröstete und gleichzeitig in einen tiefen, fast traumlosen Schlaf versinken ließ.

Das Klingeln an der Tür drang dumpf in meinen Traum, als wäre es Teil von etwas Fernem, Unwirklichem. Ein Echo aus einer anderen Welt, die ich nicht betreten wollte, aber nicht ganz entkommen konnte. Der Klang war merkwürdig verzerrt, als würde er durch eine Wand oder einen dicken Vorhang dringen. Für einen Moment wusste ich nicht, ob es real war oder ein Überbleibsel aus dem Traum, der noch an mir klebte. Aber es wiederholte sich, hartnäckig und insistierend.

Langsam öffnete ich die Augen, blinzelte gegen das diffuse Licht, das durch die Vorhänge schlich, und hob Merle vorsichtig hoch. Sie quittierte meine Bewegung mit einem genervten Miauen und sprang von meinem Schoß, um beleidigt auf dem Sessel nebenan zu landen. Ihre Pfoten landeten mit einem gedämpften Geräusch auf dem Stoff, und sie schnurrte nicht einmal mehr, sondern starrte mich nur an, als ob sie mir die Schuld für das Ende der wohlverdienten Ruhe gab.

Ich stand auf, torkelte zur Tür, mein Kopf fühlte sich schwer und benommen an, als wäre er in Watte gepackt. Ich rieb mir die Augen, versuchte, den Schleier des Schlafes zu vertreiben, und spähte vorsichtig durch den Türspion. Der Flur war leer. Keine Bewegung, keine Geräusche. Nur die Stille, die wie eine dichte Wand um mich herum war. Ich öffnete die Tür trotzdem einen Spalt und sah in die Dunkelheit hinaus. Kein Laut, kein Rascheln. War das Klingeln nur ein Traum gewesen? Die Erschöpfung ließ meine Sinne benebelt wirken, und für einen Moment war ich mir nicht sicher, ob ich wachte oder noch immer in einer Art halben Traum festhing.

Halb schlafend und halb wach zog ich die Tür wieder zu und ließ den Riegel einrasten, das Gefühl der leeren Wohnung um mich herum fühlte sich unheimlich an, fast so, als würde etwas fehlen. Doch kaum hatte ich mich zum Sofa umgedreht, klingelte es erneut. Dieses Mal war es laut und durchdringend, wie das Echo eines Anrufs aus einer anderen Welt, das sich in mein Bewusstsein bohrte. Ich hielt den Atem an, als das Klingeln meinen Körper zum Erstarren brachte. Es war kein Traum, kein Halluzination.

Das war keine Einbildung. Der Schmerz in meinem Kopf meldete sich wieder, diesmal mit einer dumpfen Hartnäckigkeit, die mich fast zu Boden drückte. Der pochende Schmerz schien sich durch meinen gesamten Körper zu ziehen und füllte mich mit einer Schwere, die fast unangenehm war. Mit zittrigen Händen öffnete ich die Tür erneut, als wäre die Antwort auf das Klingeln irgendwo in der Leere des Flurs versteckt. Aber es war nichts. Nichts, außer der gleichen gespenstischen Stille. Der Flur war genauso leer wie beim ersten Mal, die Stille brannte fast in meinen Ohren. Meine eigenen Schritte hallten in der Leere wider, und das Gefühl, beobachtet zu werden, stieg in mir auf.

Spielte mein Verstand mir etwa Streiche? Ob es die Erschöpfung war oder die endlosen Nächte voller Schlaflosigkeit, wusste ich nicht, aber irgendwie war alles, was mich umgab, durchzogen von einem seltsamen, beunruhigenden Nebel.

Mit einem benommenen Kopfschütteln und einem kribbelnden Gefühl im Nacken ging ich in die kleine Küche, die jetzt in der Dunkelheit lag, nur durch die schwache Beleuchtung des Kühlschranks erhellt. Meine Schritte wirkten, als gingen sie an mir vorbei, wie eine Fremdenführung durch meine eigene Wohnung. Alles wirkte fremd und gleichzeitig vertraut. Ich bemerkte die Pizzakartons in der Ecke, die sich dort in den letzten Tagen gestapelt hatten und die halbherzig arrangierte Halloween-Deko, die ich zu müde war aufzuhängen. Die Lichter, die noch nicht angeschaltet waren, hingen wie unwirkliche, stumpfe Schatten in der Ecke. Der Zustand der Wohnung spiegelte irgendwie auch meinen geistigen Zustand wider – chaotisch, halbherzig und irgendwie abwesend.

Die Schmerzmittel lagen direkt auf dem Tresen, genau da, wo ich sie gestern liegen gelassen hatte. Ohne weiter nachzudenken schüttelte ich drei Tabletten heraus und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Die kalte Flüssigkeit rutschte unangenehm meinen Hals hinab. „Nur im Notfall", murmelte ich zu mir selbst, als versuchte ich, mich selbst zu beruhigen. Die Worte fühlten sich leer an, und ich lachte hohl. Notfall genug, dachte ich und spürte, wie die ersten Tabletten langsam die Kanten des Schmerzes abstumpften.

Kaum hatte ich das Glas abgestellt, klingelte mein Handy. Die Vibration ließ es über den Couchtisch schlittern, und ich zuckte zusammen. Eine unbekannte Nummer. Zögernd, beinahe widerwillig, griff ich nach dem Handy, als ob der Klang des Klingelns etwas Dunkles, Unheilvolles ankündigte. Ich warf einen schnellen Blick auf die Uhr: 03:33 Uhr. Wer rief um diese Zeit an? Die Zahlen schienen sich auf magische Weise in meinen Kopf zu brennen, als wäre die Uhrzeit selbst ein schlechtes Omen.

Zögernd nahm ich ab, fast als wollte ich die seltsame Stille durchbrechen. „...Ja?" flüsterte ich in den Hörer, meine Stimme klang rau und unsicher. Auf der anderen Seite war nur ein leises, fernes Rauschen zu hören, als würde sich die Person durch einen endlosen Tunnel quälen, um zu mir zu gelangen. Der Klang war gedämpft, und für einen Moment fragte ich mich, ob ich überhaupt wirklich mit jemandem sprach oder ob das alles nur ein weiterer Halluzination war.

Dann, so leise, dass ich es kaum hören konnte, ein Hauch meines Namens: „Sam."

Mir stockte der Atem, als ich die Stimme erkannte, doch bevor ich klar darüber nachdenken konnte, war die Verbindung unterbrochen, nur ein leises Klicken und der endlose Piepton des leeren Anrufs blieb. Das war nicht nur eine Halluzination. Diese Stimme, sie klang so vertraut und doch so fern, als ob sie von irgendwoher aus der Tiefe der Vergangenheit zu mir zurückkehrte.

Langsam nahm ich das Handy vom Ohr, noch benommen von der Stimme, die mir so vertraut klang, und doch irgendwie in den Schatten der Vergangenheit gefangen war. Die Welt schien sich für einen Moment aufzulösen, als ich versuchte, den Zusammenhang herzustellen, aber ich konnte es nicht. Die Verbindung war weg, der Anruf war unterbrochen, aber der bleibende Eindruck dieser Stimme blieb in meinem Kopf wie ein Echo, das nicht verschwinden wollte.

Als ich mich wieder setzte, sah Merle mich mit ihren scharfen, grünen Augen an, die im dämmrigen Licht unheimlich funkelten. Ihre Präsenz war so real und gleichzeitig so unwirklich, als wäre sie ein stiller Beobachter, der alles mit einem gewissen Abstand betrachtete. Ein Gefühl der Unruhe durchströmte mich, als würde die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit immer mehr verschwimmen. Ich konnte nicht sagen, ob das, was ich gerade erlebte, noch der Wirklichkeit oder schon einem Albtraum entsprach. Mein Kopf sank schwer auf meine Hand, bevor das Bewusstsein sich erneut von mir verabschiedete. Die Müdigkeit hatte mich wieder ergriffen, als würde ich in einen tiefen, dunklen Schlaf fallen, der mich von allem befreien würde.

Als ich meine Augen wieder öffnete, war es bereits Morgen. Die ersten, grauen Sonnenstrahlen schlichen durch die schäbigen Gardinen und tauchten das Zimmer in ein kaltes, dumpfes Licht. Der Raum war immer noch von der Stille erfüllt, nur das leise Summen des Kühlschranks drang an meine Ohren. Ich blinzelte, mein Kopf dröhnte noch immer leicht, und mein Blick wanderte zur Uhr - 07:56 Uhr. Das Gefühl, dass die Nacht irgendwie einfach an mir vorbeigezogen war, hinterließ einen seltsamen Nachgeschmack. Mein Verstand klammerte sich an die letzten Erinnerungen der Nacht, aber alles schien in einem dichten Nebel versunken. Was war passiert in den Stunden dazwischen? Was hatte das alles bedeutet?

Ein Klingeln holte mich aus meinen Gedanken.

Diesmal war es mein Handy - Janic. Ich nahm zögernd ab. „Ja... ?"

Mein Name ist Sam...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt