Als ich zuhause ankam, war ich erschöpft, innerlich aufgewühlt und von Emotionen geplagt, die mir so neu waren, dass sie sich wie eine Krankheit anfühlten. Ich ließ mich schwer auf die Couch fallen, die mir wie ein viel zu kleines Bett vorkam. Ein Moment der Stille und Dunkelheit überkam mich, und ohne es zu merken, glitt ich in einen tiefen, beinahe komatösen Schlaf.
Ein schrilles Klingeln riss mich aus diesem Abgrund. Ich blinzelte verschlafen ins Dunkel und griff blind nach meinem Handy. Es war 3:33 Uhr. Die Uhrzeit allein jagte mir schon eine Gänsehaut über den Rücken, doch das Display machte alles nur schlimmer - „unterdrückte Nummer". Kälte kroch mir ins Mark, aber meine Finger zitterten, als sie dennoch über den Annehmen-Button fuhren. Ein Flüstern drang an mein Ohr, so leise, so brüchig, dass ich mich beinahe selbst fragte, ob ich es mir einbildete. Die Stimme, vertraut und nah, hauchte nur drei Worte: „Sam, wach auf."
Ich schreckte hoch, mein Herz pochte laut. Der Raum war leer und still, und der Blick auf mein Handy zeigte mir plötzlich 7:56 Uhr an. Schon wieder. War das alles ein Albtraum gewesen? Realität oder Wahnsinn? Alles fühlte sich verschwommen an, wie Nebel, der die Grenze zwischen Träumen und Wirklichkeit verwischt.
Ich zwang mich, in den neuen Tag zu starten, und beschloss, mich nicht wieder in Selbstmitleid zu ertränken. Ich brauchte frische Luft und Bewegung - ein Gedanke, den ich früher, während meiner Therapie, häufig verfolgt hatte, aber die letzten Jahre vernachlässigte. Also zog ich meine halbwegs neuen Sportschuhe aus dem Schrank und schlüpfte in meine alte Joggingkleidung. Beinahe konnte ich meinen Körper lachen hören, als er widerwillig auf den Start des Laufs reagierte, der längst zur Seltenheit geworden war.
Der Park strahlte in der morgendlichen Herbstsonne. Die Blätter raschelten in satten Brauntönen unter meinen Füßen, und ein sanftes Licht fiel auf den Weg. Ich fühlte mich fast... ruhig. Doch dann sah ich sie - die alte Parkbank, an der ich mich früher oft mit Emma getroffen hatte. Für einen Moment wollte ich mich abwenden, diesen Anblick meiden, doch etwas anderes zog meinen Blick auf sich.
Sanitäter standen bei der Bank, und dazwischen lag die obdachlose Frau, die ich vor einigen Tagen dort gesehen hatte, klein und zusammengekauert. Jetzt aber... jetzt wurde sie in einen schwarzen Leichensack gezwängt, als wäre sie nie mehr als eine Last gewesen. Ich stolperte auf eine Gruppe Schaulustiger zu und fragte mit erstickter Stimme, was passiert sei. Eine Frau mittleren Alters warf mir einen angewiderten Blick zu und zischte: „Wahrscheinlich eine Überdosis. Diese Junkies verpesten doch den ganzen Park."
Ich spürte, wie sich Kälte in mir ausbreitete. Diese Frau, die jetzt anonym und ohne Namen in einem Leichensack verschwand, hatte einmal gelebt, einmal gelacht, vielleicht jemanden geliebt. Doch all das war jetzt fort - gelöscht, wie ein Schatten, der nur kurz aufblitzt und dann im Dunkeln verschwindet. Ein seltsames Mitleid überkam mich, fast erdrückend, doch ich schüttelte es ab, zwang mich weiterzugehen, weiterzulaufen.
Meine Füße trugen mich bis zum See, wo das Morgenlicht leise über das Wasser glitt. Dort, auf der anderen Seite, standen sie: Emma und Janic. Sie hielten sich an den Händen, eng aneinandergedrückt, ohne den leisesten Anflug von Abstand, als gehörten sie zusammen wie zwei Teile eines Ganzen. Ehe ich realisierte, was geschah, sah ich, wie Emma sich auf die Zehenspitzen stellte, wie sie Janic küsste, sanft, als wäre er der Einzige auf der Welt. Ein scharfer Schmerz stach mir in die Brust, stärker als alles, was ich jemals gespürt hatte - scharf, glühend, und lähmend zugleich.
In diesem Moment war es, als würde alles in mir zerbrechen. Da war keine Logik, kein klarer Gedanke, nur Wut, schier grenzenlose Wut, die wie ein Strudel in mir tobte und mich verschluckte. Wie konnten sie mir das antun? Emma, die mir so viel bedeutet hatte - Janic, mein Freund, der zu wissen schien, wie sehr ich mich nach Nähe und Vertrauen sehnte. Waren sie heimlich gegen mich? War ich nur der „gestörte Sam", der das Leben der anderen stört, weil er selbst den Verstand verliert?
Meine Beine führten mich weiter, als hätte ich die Kontrolle verloren. Meine Füße trugen mich ohne mein Wissen an einen Ort, den ich sieben Jahre lang gemieden hatte - ein Pub, alt und verraucht, voller Schatten der Vergangenheit.
Ich lief wie mechanisch an die Theke und sprach die Worte aus, die ich eigentlich aus meinen Leben gestrichen hatte "einen Whisky" schluckte ich hinunter "den Bushmills 21 Years Old Single Malt" zeigte ich auf die Flasche und erkannte mich in den Moment nicht wieder. Der Kellner zuckte nur mit den Kopf, leicht als wäre das alles was er an Informationen brauchte um seinen Job auszuführen. Ein teurer Whisky, der Whisky der mich zu unzähligen Fehlverhalten führte.
Ich merkte wie mein Mund anfing zu Speicheln, gierig nach der Spirituose, gierig nach den anstehenden Rausch...
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Mein Name ist Sam...
Kısa HikayeSam steckt in einem Strudel aus Erinnerungen, Sehnsüchten und finsteren Visionen, die ihn immer tiefer in eine beklemmende Realität treiben, die kaum von Albträumen zu unterscheiden ist. Als er sich auf die Freundschaft mit Janic und die beginnende...