Kapitel 21: Die Wahrheit

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Ich saß auf dem Boden, die Kälte zog durch meine Knochen, und mein Handy fühlte sich schwer und nutzlos in meinen zitternden Händen an. Mein Geist klammerte sich verzweifelt an einen letzten Halt, an eine letzte Hoffnung – Emma. Die einzige, die vielleicht noch da war, die, die mich immer verstand. Doch als ich ihren Namen suchte, gab es nichts. Keine Nachrichten, keine Anrufe. Es war, als ob Emma nie existiert hatte. Ich starrte auf den Bildschirm, durchwühlte meine Kontakte, meine Bilder, meine Nachrichtenverläufe, doch ich fand keinen einzigen Hinweis darauf, dass sie jemals in meinem Leben gewesen war. Nichts. Ein dunkler, klaffender Abgrund tat sich vor mir auf, und ich spürte, wie ich hineingezogen wurde.

Langsam dämmerte es mir, ein schrecklicher Gedanke nagte an meinem Verstand, als würde ein kalter Schatten sich über mich legen. Emma… sie war die Frau im Park gewesen, die Obdachlose mit der kaputten Brille und den zerzausten, verfilzten Haaren, die Frau, die in einem Moment völliger Verzweiflung an einer überdosis gestorben ist. In meiner Fantasie hatte ich sie zu Emma gemacht, der Freundin, die mich verstand, die ich liebte und ich mir innig hoffte, auch mich liebte, obwohl ich so tief gefallen war. Ich hatte mir ein Bild von ihr erschaffen, ein Ideal, das ich festgehalten hatte, um mich selbst davon zu überzeugen, dass jemand wie sie mich vielleicht retten konnte.

Doch Emma, die Emma, die ich in meinem Kopf heraufbeschworen hatte, war nie real gewesen. Die Emma, die ich in meinem Kopf hegte und pflegte, existierte nur in meiner Einbildung. Was ich wirklich gesehen hatte, war die zerbrochene Gestalt einer obdachlosen Frau, und in meinem verzweifelten Verstand hatte ich sie zu etwas ganz anderem gemacht. Ich sah mich selbst an diesem Tag im Park, sah die Gestalt der Obdachlosen in meinen auf dieser Parkbank, regungslos, eingetütet in einen schwarzen Sack. Und dann war da Janic, oder besser gesagt, die Vision von ihm. In meiner Wahnvorstellung war er gekommen, um diese Frau abzuholen, um sie zu einem besseren Ort zu bringen, als wäre er der einzige Lichtstrahl in meiner dunklen Welt gewesen.

Ich schloss die Augen, kämpfte gegen die Flut an Gefühlen, die mich fast zu überwältigen drohte. Tränen liefen ungehindert über mein Gesicht, mein Atem ging stoßweise, und mein ganzer Körper zitterte. „Ich bin verrückt,“ flüsterte ich, kaum hörbar, meine Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Ich bin wirklich verrückt.“ Und dann spürte ich Amys Hände an meinen Schultern, sanft, aber fest, und ihre Stimme war plötzlich weich und eindringlich.

„Sam, bitte beruhige dich.“ Sie klang fast flehend, und das Zittern in ihrer Stimme verriet mir, dass auch sie an ihre Grenzen gekommen war. Sie hatte diesen Anblick, diesen Schmerz in meinen Augen gesehen, und es schien sie tief zu treffen. Ich hob den Kopf, sah sie an, meine Augen blutunterlaufen von den vielen Nächten ohne Schlaf und den ständigen Tränen. Amy blickte mich an, und in ihren Augen war kein Zorn mehr, keine Kälte – nur eine stille, traurige Sorge. „Sam,“ sagte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern, „du brauchst Hilfe.“

Ich konnte nur nicken. Ich wusste, dass sie recht hatte. Es gab nichts mehr, woran ich mich klammern konnte, kein falsches Bild, keine verzerrte Erinnerung. Alles war brüchig, zerbrochen wie ein Spiegel, dessen Scherben in mir bohrten und mir die grausame Wahrheit vor Augen führten. Die Wahrheit, dass ich wirklich allein war. Dass ich nie jemanden gehabt hatte, keinen Janic, keine Emma. Dass all diese verzweifelten Figuren, die in meinem Leben erschienen waren, nur ein Schatten meiner selbst gewesen waren. Eine Illusion, ein trügerischer Halt.

Und dann spülte mich mein Verstand zurück, weit zurück, in die dunkelsten Winkel meiner Kindheit. Plötzlich war ich wieder ein kleiner Junge, in diesem stickigen Wohnzimmer, umgeben vom beißenden Geruch von billigem Alkohol und Zigaretten. Meine Mutter saß auf dem Sofa, mit starren Augen und einem Glas in der Hand. Sie hatte sich selbst verloren, lange bevor ich verstand, was das bedeutete. Der Alkohol war ihr einziger Begleiter, und ich… ich war für sie nur eine Last, ein Ballast, den sie nicht tragen wollte. Sie schlug mich, wenn ich nicht gehorchte, wenn ich zu laut war, wenn ich einfach nur da war. Ich lernte, still zu sein, unsichtbar, in den Schatten zu verschwinden.

Ich erinnerte mich an die Abende, an denen ich mich in mein Zimmer zurückzog, die Decke über den Kopf zog und mir eine andere Welt vorstellte. Eine Welt, in der es jemanden gab, der mich verstand, jemanden, der bei mir war, wenn die Schreie meiner Mutter durch die Wände drangen, wenn sie sich wieder in Rage trank und mich aus dem Schlaf riss, nur um mir zu sagen, dass ich nichts wert sei. Mein Vater hatte uns schon lange verlassen – er konnte diesen Abgrund nicht ertragen, und er hatte mich mit hineingezogen, ohne dass ich jemals eine Wahl gehabt hätte.

Ich spürte, wie ein dunkler Kloß in meinem Hals wuchs, wie die Erinnerungen mich wie eine Welle erfassten und mich mit sich rissen. Ich hatte es nie geschafft, diesem Scherbenhaufen zu entkommen. Alles, was ich aufgebaut hatte, war eine Lüge gewesen, ein schwaches Gerüst aus Fantasien und verzweifelten Versuchen, die Wunden meiner Kindheit zu überdecken. Doch diese Wunden waren nie geheilt, sie hatten nur geblutet, still und unbemerkt, bis ich schließlich nicht mehr unterscheiden konnte, was real war und was nicht.

„Sam.“ Amys Stimme war leise, sanft und voller Bedauern. Ich sah sie an, und in ihrem Gesicht spiegelte sich all der Schmerz wider, den ich so lange vor der Welt verborgen hatte. „Es wird nicht einfach,“ sagte sie, und ihre Hand legte sich auf meine, hielt mich fest. „Aber du musst dir Hilfe suchen. Du musst dich dem stellen, was in dir ist.“

Ich wollte widersprechen, wollte sagen, dass ich schon zu weit gegangen war, dass es für mich keinen Weg mehr zurückgab. Doch ihre Augen sahen mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht ignorieren konnte. Da war kein Mitleid, kein Zorn – nur ein tiefes, ehrliches Verständnis, das mir zeigte, dass ich diesen Weg nicht allein gehen musste, wenn ich den Mut fand, die Wahrheit anzunehmen.

„Ich… ich weiß nicht, wie,“ stammelte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

Amy lächelte traurig, schüttelte den Kopf und zog mich in eine Umarmung, fest und voller Wärme, wie eine Mutter, die ihr Kind nach einer langen Reise wiederfindet. „Du bist nicht allein, Sam,“ flüsterte sie, ihre Stimme zitterte leicht. „Nicht mehr. Und das ist der erste Schritt.“

Ich schloss die Augen, ließ mich in ihre Umarmung sinken, und für einen Moment war da nichts – kein Schmerz, keine Angst, keine Emotion... Ich fühlte mich als würde ich gerade sterben...

Mein Name ist Sam...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt