Kapitel 2 "Zuhaue"

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Als ich das Treppenhaus hinaufstieg, spürte ich ein Kribbeln der Nervosität. Trotz der drei Jahre, in denen ich nicht hier gewesen war, fühlte sich die Umgebung bemerkenswert vertraut an. Die Fliesen auf den Stufen, das leise Echo meiner Schritte - alles erinnerte mich an die Zeit, die ich hier verbracht hatte.
Als ich schließlich vor der Tür stand und klopfte, hörte ich aus der Wohnung drinnen ein freudiges Murmeln. Die Tür öffnete sich, und Lisa stand im Türrahmen. Ihr Gesicht strahlte vor Glück, als sie mich sah. Die Zeit hatte sie nicht verändert; sie wirkte genauso lebhaft und herzlich wie damals, als wir uns das letzte Mal gesehen hatten.
„Ich kann es kaum glauben, dass du wirklich hier bist", sagte sie und trat einen Schritt zur Seite, um mich hereinzulassen. Ihre Augen glänzten vor Freude und sie zog mich in eine herzliche Umarmung. „Du siehst fantastisch aus!"
„Danke, Lisa", erwiderte ich, während ich sie umarmte. „Es ist so schön, dich wiederzusehen."

Wir traten gemeinsam in die Wohnung ein. Der Raum hatte sich zwar verändert - einige Möbel waren neu, und die Wände waren frisch gestrichen -, aber der Charme und die Gemütlichkeit waren unverändert. Lisa hatte die Wohnung geschmackvoll eingerichtet und es schien, als wäre sie immer noch der gleiche Ort, den ich so gut gekannt hatte.
„Komm rein, mach es dir bequem", sagte Lisa und führte mich ins Wohnzimmer. „Ich habe ein kleines Abendessen vorbereitet. Ich dachte, das wäre der perfekte Rahmen für unser Wiedersehen."

Wir setzten uns an den Tisch, der liebevoll gedeckt war. Während wir aßen und uns unterhielten, schien die Zeit wie im Flug zu vergehen. Wir lachten über alte Erinnerungen und erzählten uns, was in den letzten Jahren passiert war. Es war, als hätten wir uns nie getrennt und die anfängliche Nervosität löste sich langsam in ein Gefühl der Vertrautheit und des Wohlbefindens auf.

„Wie läuft dein Studium?" fragte ich schließlich, während wir beide gemütlich auf dem Sofa saßen. Lisa seufzte und verdrehte spielerisch die Augen. „Es läuft eigentlich gut, aber Mona... na ja, sie ist immer noch das alte Monster, wie damals."

Ich musste schmunzeln. Anders kannte ich Mona ja schließlich auch nicht, so sehr ich auch gehofft hätte das Mona sich geändert hatte, konnte ich dies Lisa ohne Probleme glauben.
Bevor ich etwas erwidern konnte, hörte ich, wie sich die Wohnungstür leise öffnete. Noch bevor ich reagieren konnte, erklang eine fröhliche Stimme hinter mir: „Red doch nicht so über Mona."
Ich drehte mich um und sah Hannah im Türrahmen stehen. Sie lachte leicht, ihre Augen funkelten amüsiert. Als mir Lisa vor einiger Zeit erzählt hatte, dass sie und Hannah sich gut verstanden, hätte ich nie erwartet, dass sich daraus so viel mehr entwickeln würde. Hannah war vor ein paar Wochen bei Lisa eingezogen und die beiden waren seit über einem Jahr glücklich zusammen.

„Hallo Ella, es freut mich, dich zu sehen", sagte Hannah mit einem Lächeln, das warm und aufrichtig war. Ihre Freude, mich zu sehen, war unübersehbar.
Ich stand auf und umarmte sie. „Es freut mich auch, dich zu sehen", antwortete ich ehrlich.

Hannah ließ mich los und setzte sich zu uns. „Ich hoffe, ich störe euch nicht", sagte sie mit einem Lächeln, während sie sich ein Glas Wasser nahm.
„Überhaupt nicht", versicherte ich ihr. „Wir haben gerade über Lisas Studium gesprochen. Und über... Mona." Ich betonte den letzten Namen, woraufhin Lisa erneut seufzte.
„Mona wird nie aufhören, mich zu piesacken", sagte Lisa und nahm sich ein Stück Brot vom Tisch. „Aber na ja, das gehört wohl dazu."
Hannah lachte leise und legte ihre Hand auf Lisas. „Du wirst das schon schaffen. Du hast bisher alles gemeistert. Außerdem ist Mona ja seit kurzem in Therapie, vielleicht bessert es sich ja. Mona ist doch gar nicht so schlimm." Ich musste schlucken, Mona war endlich in Therapie?

Lisa grinste, und für einen Moment herrschte eine angenehme Stille zwischen uns, während wir die vertraute Atmosphäre genossen.

Wir plauderten noch eine Weile über dies und jenes, bevor ich mich schließlich auf den Weg machte. Auf dem Heimweg fragte ich mich, ob ich die Wohnung überhaupt schon als „Zuhause" bezeichnen konnte. Irgendwie fühlte es sich noch nicht so an. Ich mochte die Wohnung, das war keine Frage, aber alles wirkte noch so ungewohnt und fremd, als hätte ich meinen Platz darin noch nicht wirklich gefunden.

Als ich die Tür hinter mir schloss, umfing mich eine ungewohnte Stille. Magan war noch bei der Arbeit, und der leere Raum wirkte plötzlich riesig und seltsam verlassen. Ich hatte mich darauf gefreut, sie zu sehen, mich in ihre Arme zu werfen und den Tag mit ihr ausklingen zu lassen. Doch stattdessen blieb nur die Leere.

Seufzend legte ich meine Tasche ab und entschied mich, erst einmal duschen zu gehen. Vielleicht würde das die Unruhe in mir ein wenig lindern.

Ich lag im Bett, nur die kleine Leselampe tauchte den Raum in ein sanftes, warmes Licht. Vertieft in mein Buch, bemerkte ich gar nicht, wie Magan nach Hause kam.
„Und wie war das Treffen?" fragte sie plötzlich und ich zuckte erschrocken zusammen.
Ich klappte das Buch zu und sah sie an. „Es war schön. Hannah kam später auch noch dazu," antwortete ich lächelnd.

Magan nickte, doch dann fragte sie: „Und Mona? War sie auch da?"

Ich seufzte und runzelte die Stirn. „Nein, warum sollte sie?" fragte ich zurück und beobachtete, wie sie nur mit den Schultern zuckte, bevor sie ins Badezimmer verschwand.

War sie etwa eifersüchtig?

....

Die ersten drei Wochen vergingen wie im Flug. Ich verbrachte viel Zeit mit Lisa, und währenddessen schrieb ich unzählige Bewerbungen. Doch heute war ein anderer Tag - ich holte Lisa von der Uni ab, weil wir uns für einen Kaffee verabredet hatten. Ich würde lügen wenn ich behaupten würde ich wäre nicht nervös.
Als ich auf dem Campus ankam und auf sie wartete, fiel mein Blick plötzlich auf eine vertraute Gestalt. Dort, ein paar Meter entfernt, stand sie: Mona Black. Sie lehnte lässig an einer Mauer, zog an ihrer Zigarette und starrte angespannt auf ihr Handy. Es war, als hätte sich die Zeit zurückgedreht. Die gleiche Haltung, das gleiche energische Profil, das mich einst fasziniert hatte und die gleiche Kälte, die ich bis hierhin zu spüren scheinte.

Plötzlich hob sie den Blick und unsere Augen trafen sich. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte jemand eine Stromleitung durch meinen Körper gezogen - ein Schauer, tausend kleine elektrische Impulse, die mir den Atem stocken ließen. Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es doppelt so schnell weiterklopfte. Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen.
„Hey, Ella," ertönte plötzlich Lisas Stimme neben mir und sie brachte mich zurück in die Realität. Sie bemerkte sofort meinen Blick, folgte ihm und sah, worauf ich starrte.

„Lass uns verschwinden, Ella," sagte sie leise, ihre Stimme ernst und drängend. Ich nickte stumm, noch immer benommen von dem Anblick. Wir machten uns wortlos auf den Weg, das Uni-Gelände zu verlassen.

Während wir gingen, war ich wie in Trance. Mona sah fast genauso aus wie früher. Vielleicht war sie ein dünner geworden, aber ihre Ausstrahlung, dieser unverkennbare Mix aus Stärke und Unnahbarkeit, hatte sich nicht verändert. Es war, als würde die Vergangenheit mich einholen und all die Gefühle, die ich lange verdrängt hatte, drängten sich nun an die Oberfläche.
Ich dachte nicht das sie es schaffen würde mich so aus der Bahn zu werfen.

Wir saßen in dem gemütlichen, kleinen Café, in dem wir früher, wann immer wir die Zeit fanden, oft unsere Nachmittage verbrachten. Die vertraute Atmosphäre, das leise Klirren von Geschirr und der Duft nach frisch gebrühtem Kaffee versetzten mich unweigerlich in alte Zeiten zurück. Ich starrte gedankenverloren aus dem Fenster, während ich an meiner Tasse nippte, dann sah ich zu Lisa hinüber.

„Glaubst du, sie hat mich erkannt?" fragte ich leise, noch immer mit einem Gefühl der Unsicherheit. Die Begegnung vorhin ließ mir keine Ruhe.

Lisa legte ihren Löffel zur Seite und musterte mich mit einem nachdenklichen Blick. „Ella, du hast dich kaum verändert," sagte sie schließlich und zog die Augenbrauen hoch, als wolle sie meine Zweifel abtun. „Und wie sie dich angesehen hat - eindeutig! Außerdem hat Hannah ihr sicher erzählt, dass du wieder in der Stadt bist. Da bin ich mir ziemlich sicher."

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück, ließ Lisas Worte auf mich wirken, doch die Frage, wie viel die Zeit tatsächlich verändern konnte, blieb in meinem Kopf hängen.

Die Professorin- Grenze Der MachtWo Geschichten leben. Entdecke jetzt