Kapitel 8 - Die Kratzer

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Ich trat schließlich in die Küche und da stand Magan, den Rücken zu mir gewandt, während sie zwei Tassen Kaffee vorbereitete. Die vertraute Szene wirkte fast surreal, als wäre alles wie immer. Doch ich fühlte das Gewicht der unausgesprochenen Worte auf meinen Schultern, drückend und schwer.

Magan drehte sich zu mir um, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. „Guten Morgen", sagte sie leise, als wäre es der natürlichste Start in den Tag.

Ich erwiderte ihr Lächeln, aber es fühlte sich hohl an, mechanisch. Die Frage brannte in meinem Kopf: Sollte ich es ihr sagen?
„Du warst eher zuhause, als ich dachte," fuhr sie fort, während sie die Kaffeetasse in ihren Händen drehte und mich prüfend ansah. Ihr Ton war beiläufig, aber ich konnte spüren, dass hinter ihren Worten etwas lauerte - vielleicht eine ungestellte Frage, vielleicht nur Neugier.

Ich nickte langsam, suchte nach einer Antwort, die einfach genug war, um keinen Verdacht zu erregen. „Die Stimmung im Club war nicht ganz so gut," sagte ich und zwang ein müdes Lächeln auf mein Gesicht. „Und ehrlich gesagt war ich auch ziemlich erschöpft."
Die Wahrheit lag irgendwo zwischen den Worten. Ja, ich war müde gewesen, aber das war nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil - das Treffen mit Mona - schob sich in meinen Gedanken nach vorn, aber ich schob es wieder zurück, wie eine Erinnerung, die ich noch nicht bereit war, zu teilen.

Magan nickte verständnisvoll, nahm einen Schluck aus ihrer Tasse und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. „Das kann ich verstehen," murmelte sie und ihre Augen wanderten kurz zu mir, als suchte sie nach einer weiteren Erklärung, etwas, das ich noch nicht gesagt hatte.

Für einen Moment war die Stille zwischen uns fast greifbar. Ich wollte etwas sagen, irgendetwas, um das Thema zu wechseln, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Es war, als ob die Anwesenheit von Mona - die Erinnerung an sie - den Raum füllte, obwohl ich versuchte, sie dort nicht zuzulassen.

„Hast du gut geschlafen?" fragte Magan schließlich, ihre Stimme wieder neutral, als wollte sie die Leere füllen.

Ich nickte erneut, obwohl mein Schlaf alles andere als erholsam gewesen war. „Ja, einigermaßen." Doch in Wirklichkeit hatte ich einem viel zu unruhigen schlaf, mit Gedanken, die ich nicht sortieren konnte und Gefühlen, die ich noch weniger verstand.

Ich griff nach der Tasse, die Magan mir hinhielt und umklammerte sie etwas fester als nötig. Die Wärme des Kaffees drang durch das Porzellan in meine kalten Finger, aber sie schien mich nicht wirklich zu erreichen. Magan wirkte gelassen, wie immer, aber ich spürte die Distanz zwischen uns, die in den letzten Wochen gewachsen war.
Vielleicht spürte sie es auch, doch sie sprach es nicht aus. Oder bildete ich es mir nur ein?

Ihre Miene verdunkelte sich plötzlich, als sie ihre Kaffeetasse mit einem leisen Klirren auf den Tisch vor mir abstellte. Die vertraute Leichtigkeit in ihrer Haltung verschwand in einem Augenblick und ihre Augen verengten sich leicht, als sie mich prüfend musterte. Ohne Vorwarnung hob sie ihre Hand und ließ ihre Finger über meinen Hals gleiten. Eine Berührung, die sich für einen Moment fast zärtlich anfühlte - bis ihr Blick schärfer wurde.
„Was hast du da?" zischte sie, ihre Stimme kühl und angespannt.

Ich erstarrte unter ihrer Berührung, spürte, wie mein Puls schneller wurde. „Was?" brachte ich hervor, meine Gedanken rasten. Ich schaute sie verdutzt an, mein Herz klopfte jetzt spürbar schneller. Ich suchte verzweifelt nach einer Antwort, doch es fühlte sich an, als würde mir die Zeit davonlaufen.

„Deinen Knutschfleck?" antwortete ich zögerlich, versuchte die Situation zu entschärfen, auch wenn ich wusste, dass die Lage viel ernster war. Ich hatte Angst das sie sauer wurde.

Doch sie schüttelte den Kopf, ihr Blick wurde noch durchdringender. „Nein," sagte sie und ihre Stimme wurde härter, während sie eine skeptische Augenbraue hob. „Das sind Kratzer."

Die Worte trafen mich wie ein Schlag und in meinem Kopf schrillten sofort die Alarmglocken. Kratzer. Oh Gott, Mona. Mein Atem stockte für einen Moment und die Erinnerung an die letzte Nacht, an Monas Hände auf meiner Haut, durchzuckte mich. In der Hitze des Augenblicks hatte ich die feinen Spuren ihrer Fingernägel gar nicht bemerkt. Jetzt aber spürte ich sie plötzlich brennend auf meiner Haut, als ob sie erst jetzt ihre volle Bedeutung erlangten.

Ich schluckte hart, versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben. „Oh," begann ich und mein Mund fühlte sich trocken an. „Da hab ich mich wohl gekratzt." Die Worte kamen ungeschickt und unsicher heraus und ich konnte nur hoffen, dass sie überzeugend genug klangen.

Ihr Blick blieb auf mir haften, forschend und misstrauisch, als ob sie nach einem Zeichen suchte, dass ich log. Ihre Augen durchbohrten mich und der Raum fühlte sich plötzlich eng und stickig an. Jede Sekunde dehnte sich quälend lang, während ich darauf wartete, dass sie etwas sagte.

Schließlich ließ sie die Hand sinken, aber der Zweifel blieb in ihrem Gesicht. „Anscheinend?" wiederholte sie leise, fast nachdenklich, als ob sie versuchte, die Puzzleteile in ihrem Kopf zusammenzusetzen. Dann trat sie einen Schritt zurück und stützte sich an der Küchentheke ab, ihre Augen ließen mich keinen Moment los.

Ich zwang mich zu einem schwachen Lächeln, das mir auf den Lippen gefror. „Ja, manchmal kratze ich mich im Schlaf, ohne es zu merken," fügte ich hinzu, immer noch hoffend, dass sie mir einfach glauben würde, dass das Thema damit erledigt war.

Doch in ihren Augen lag eine Schärfe, die mich zittern ließ. Ein Teil von ihr glaubte mir nicht - oder zumindest wollte sie es nicht glauben. Sie sagte nichts weiter, aber die Stille zwischen uns war schwer und bedrückend.

Das schrille Klingeln von Magans Handy zerriss die angespannte Stille im Raum und rettete mich aus dieser unangenehmen Situation. Sie runzelte die Stirn, schaute kurz auf das Display, bevor sie sich ohne ein weiteres Wort umdrehte und das Zimmer verließ. Ihre Schritte hallten durch den Flur und ich hörte, wie sie ins Schlafzimmer ging, die Tür hinter sich schloss, um den Anruf ungestört entgegenzunehmen.

Ich atmete erleichtert aus, als die Luft aus meinen Lungen strömte, die ich unbewusst angehalten hatte. Der Druck in meiner Brust löste sich ein wenig, doch das flaue Gefühl in meinem Magen blieb. Magans misstrauischer Blick hing noch in der Luft, als ob sie jederzeit zurückkommen und mich wieder mit ihren Fragen konfrontieren könnte.

Langsam ließ ich mich auf die Couch sinken, griff nach meinem Laptop und klappte ihn auf. Das vertraute Summen des Geräts brachte mir für einen kurzen Moment eine Art Beruhigung, etwas Alltägliches, das mich ablenkte. Doch als der Bildschirm aufleuchtete, fühlte ich das Gewicht des Moments zurückkehren. Mein Finger zögerte kurz über der Tastatur, dann öffnete ich den Browser und begann, nach Telefonnummern zu suchen - für einen neuen Therapieplatz.

Ich hatte gedacht, dass die Dinge mit Mona längst hinter mir lägen. Ich hatte gehofft, dass meine damalige Therapie mir geholfen hatte, alles zu verarbeiten. Damals, als ich das erste Mal zu meiner Therapeutin gegangen war, fühlte es sich an, als würde ich endlich die Kontrolle haben, die Mona mir geklaut hatte. Wir hatten die Sache durchgesprochen, Schicht für Schicht freigelegt, bis ich dachte, ich hätte es geschafft. Ich hatte geglaubt, dass Mona und alles, was zwischen uns passiert war, nur noch ein Kapitel meiner Vergangenheit war - abgeschlossen, versiegelt, weggelegt.

Doch gestern, als ich Mona sah, als ich ihre Augen spürte, wie sie mich durchdrangen, und ihren Atem warm und nah auf meiner Haut spürte, wurde all das wieder lebendig. Es war, als hätte jemand ein Buch aufgeschlagen, das längst im Regal verstaubt sein sollte. Ich fühlte mich, als wäre ich direkt in die Vergangenheit zurückgeworfen worden, ohne Vorbereitung, ohne Schutz.

Meine Finger flogen über die Tasten, während ich eine Liste von Therapeuten durchging. Ich wollte sofort jemanden finden, jemanden, der mir helfen konnte, all das wieder in den Griff zu bekommen, bevor es mein Leben erneut aus der Bahn warf. Jeder Eintrag auf der Seite verschmolz mit dem nächsten und ich merkte kaum, wie ich tief in Gedanken versunken war.

Mona. Sie war nicht nur eine Erinnerung, die in meinem Kopf existierte. Sie war ein Teil von mir gewesen, auf eine Art und Weise, die ich lange versucht hatte zu verdrängen. Ich hatte geglaubt, dass die Distanz, die Zeit und die Gespräche mit meiner Therapeutin ausreichen würden, um diesen Teil von mir zu bewältigen. Aber jetzt, nach unserem Aufeinandertreffen, fühlte es sich an, als wäre nichts davon je wirklich verarbeitet worden.

Die Gefühle, die ich so lange verdrängt hatte, waren wieder da, ungebeten und überwältigend. Und das Schlimmste daran war, dass ich nicht wusste, wie ich sie Magan erklären sollte - oder ob ich das überhaupt wollte.

Die Professorin- Grenze Der MachtWo Geschichten leben. Entdecke jetzt