Willkommen im Hier und Jetzt

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Also, du willst meine Geschichte hören? Keine Sorge, ich quäle dich nicht mit meinem Geburtsjahr oder irgendeiner "Wie alles begann"-Nummer. Wir fangen hier und jetzt an. Genau da, wo ich gerade sitze: auf einer dieser verdammten Inseln mitten im Nirgendwo. Ja, die Osterinseln, wie ironisch. Die Hüter der Jahresfeste hatten offenbar nicht mal mitbekommen, das ich hier her verschleppt wurde.

Währenddessen? Meine Brüder haben natürlich die beste Zeit ihres Lebens – oder behaupten es zumindest. Ja, ich habe Brüder. Und bevor du fragst: Nein, keine niedlichen Hoppelhäschen, die dir Möhren stehlen. Eher eine etwas... spezielle Truppe.

Da wäre zum Beispiel **Klaus**. Jaja, genau, DER Klaus. Weihnachtsmann, Santa, wie auch immer du ihn nennen willst. Der Typ sitzt vermutlich gerade im Weihnachtsstress und werkelt in irgendeiner eiskalten Halle an übertrieben großen Holzspielzeugen. Und wenn er gerade nicht die kleinen Wichtel anbrüllt, weil sie sich beim Schlittenwachsen nicht genug Mühe gegeben haben, dann bereitet er sich seelisch auf sein alljährliches Fest vor. Was keiner weiß: Klaus ist nicht der fröhliche, „ho-ho-ho“-brüllende Glühwein-Opa, als den man ihn verkauft. Nein, nein, hinter den Kulissen ist er ein bisschen… eigen. Aber das sage ich nur, weil ich der Bruder bin. Geht uns halt gegenseitig auf die Nerven.

Dann gibt es **Ruhn**. Ja, genau: die Zahnfee. Die *Zahnfee*. Ich weiß, was du jetzt denkst: eine kleine, feenhafte Gestalt mit glitzerndem Zauberstab. Falsch geraten. Ruhn ist... wie sage ich das höflich? Ein düsterer, etwas unheimlicher Kerl mit einer Faszination für Zähne, die weit über das Normale hinausgeht. Er hat einen kleinen Schrank voller gesammelter Beißerchen und sieht aus, als könnte er auch in einem Gothic-Club ganz gut ankommen. Niemand spricht drüber, aber eigentlich hätte er auch den Job als Albtraum-König übernehmen können. Wie er es geschafft hat, Kinderzähne gegen Münzen einzutauschen, bleibt mir bis heute ein Rätsel.

Und dann hätten wir da **Zeke**, den Herr der Träume – oder wie ihn die meisten Menschen nennen: der Sandmann. Denkt jetzt nicht an einen gemütlichen Großvater, der Kindern Schlafsand in die Augen streut und leise Gute-Nacht-Geschichten flüstert. Nein, Zeke ist eher ein leicht geistesabwesender Typ, der zwischen Wachsein und Schlafen feststeckt, wie ein Computer, der ständig hängt. Er hat Augenringe, bei denen selbst ein Panda neidisch wird, und ein Lächeln, das immer etwas ... entrückt wirkt. Es wird gemunkelt, dass er seine besten Einfälle hat, wenn er selbst halb im Traum ist. Mich würde es nicht wundern, wenn ein Großteil der Albträume aus seiner Feder stammt. Aber frag ihn bloß nicht danach – das ist ein sensibles Thema.

Last but not least: **Eos**. Tja, Eos hat’s am schlimmsten getroffen. Er ist der unbeliebteste Bruder und – nun ja – wurde tatsächlich auf den Mond verbannt. Sein Verbrechen? Eine Liebe, die zu heiß brannte. Wörtlich. Einst Hüter des Lichts und der Dämmerung, war er eben ein bisschen zu leidenschaftlich und... dann dachte man seine Kleine wäre eine Hexe. Eine Welt mit Eos wäre übrigens finster und kalt gewesen, falls du dich das gerade fragst. Aber die anderen Götter hielten es irgendwann für nötig, ihn mal abzukühlen. Wo ginge das besser als auf dem Mond? Da sitzt er also, allein mit seinen Gedanken und ein paar Kratern, und wartet auf den Tag, an dem er wieder runter darf. Wobei – fraglich, ob das jemals passiert.

Und ich? Na, ich bin der Osterhase. „Hübsch mit bunten Eiern dekorieren, Hase!“ – „Kinder glücklich machen, Hase!“ – „Gib Gas, Hase, Ostern steht vor der Tür!“ Klingt aufregend? Glaub mir, es wird schnell ziemlich eintönig. Aber ich hatte ja keine Ahnung, dass „eintönig“ eine echte Untertreibung war, bis sie mich hierher, auf diese Inseln, geschickt haben. Ostern hin oder her, solange ich hier festhänge, werde ich garantiert keinen einzigen Hüpfer in Richtung „Frohe Ostern!“ machen.

Also sitze ich jetzt hier, beobachte die Wellen, die gegen die Felsen schlagen, und frage mich, wie die Welt da draußen eigentlich funktioniert, während ich hier auf einer übergroßen Steinköpfe-Sammlung herumlümmle. Aber genug gejammert, mein Freund. Denn, falls dir das noch nicht aufgefallen ist: Jammern ist das Einzige, was ich hier achtsam perfektioniere.

Also, wie bin ich hier gelandet? Denkst du jetzt vielleicht an eine dramatische Fluchtaktion, bei der ich heldenhaft um mein Leben gesprungen bin? Hah, nein. Die Geschichte ist leider so dämlich wie auch deprimierend. Also hör gut zu und lach bitte leise.

Eines Tages, kurz bevor ich die jährliche Ostereier-Produktion starten wollte, tauchten diese Typen auf. Schwarz gekleidet, mit seltsamen Masken im Gesicht. Die Dinger waren so verstörend wie lächerlich – unter jedem Auge war eine kleine schwarze Träne aufgemalt. Ja, du hast richtig gehört. *Eine Träne.* Scheinbar ihr Gangzeichen oder was weiß ich. Irgendwie eine Mischung aus Theatermaske und schlecht getarntem Halloween-Kostüm.

Jedenfalls standen sie plötzlich vor mir, ohne große Vorwarnung. Ich dachte zuerst, das sei ein schlechter Witz. Aber bevor ich irgendwas sagen oder einen eleganten Sprung zur Flucht ansetzen konnte, haben sie mich auch schon gepackt und überwältigt. Es ging alles viel zu schnell, um zu realisieren, was da gerade ablief. Einer von ihnen sagte etwas wie: „Osterzeit ist vorbei, Hase“, während ein anderer mir ziemlich unsanft die Ohren verdrehte. Sehr originell. Ich hab nur schnauben können, denn was willst du schon machen, wenn dich vier Typen festhalten, die aussehen, als würden sie aus einer Emo-Version von "Der Pate" kommen?

Und zack – kaum hatte ich mich versehen, war ich auch schon hier. Auf den verdammten Osterinseln. Echt witzig, oder? An die Steinköpfe hab ich mich schon gewöhnt; die glotzen auch nicht anders als die Menschenkinder, wenn sie mal glauben, einen Hoppelhasen über die Straße rennen zu sehen. Das Problem ist eher: Hier ist tote Hose. Kein einziger Mensch, kein einziges Lebewesen, das mir Gesellschaft leisten könnte. Na gut, abgesehen von ein paar Möwen, die mit ihren Krächzstimmen jeden Sonnenaufgang ruinieren, und ein paar zugeknallten Krabben, die wohl glauben, sie wären die wahren Inselbesitzer.

Vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich mir nicht längst ein Floß gebaut habe, um zu verschwinden? Tja, abgesehen davon, dass ich in meiner ganzen Karriere als Osterhase keine Minute Zeit hatte, auf Bootsbau zu spezialisieren, kommt noch was dazu: Irgendwie hab ich’s bislang auch einfach nicht eingesehen. Als würde ich diesen Typen auch nur einen Zentimeter Genugtuung geben! Neinnein, ich bleib hier, bis die merken, dass Ostern ohne mich ziemlich traurig ist. Sollen die sich ruhig die Haare raufen, wenn keiner mehr Eier findet.

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt