Umgeben von Träumen

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Fabio führte mich durch eine Reihe verschlungener Gassen, bis wir schließlich vor einem kleinen, versteckten Café ankamen. Über der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift Traumzeit. Es sah aus, als wäre es aus Zahnrädern zusammengesetzt. Der Laden war schummrig beleuchtet, und die Luft roch nach frisch gemahlenem Kaffee und süßem Gebäck. 

In der letzten Ecke des Raumes setzte Fabio sich an einen kleinen Tisch, zog den Stuhl für mich zurecht und wartete, bis ich mich setzte. Kurz darauf trat eine Bedienung an unseren Tisch, ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Sie sah aus, als hätte sie ihre Kleidung aus einem Kleiderschrank voller antiker Rüschen und Steampunk-Accessoires zusammengesucht. 

„Was darf's sein?“ fragte sie mit einer angenehmen Stimme. 

„Zwei Träumerspecials, bitte,“ antwortete Fabio, ohne mich vorher zu fragen. 

Die Bedienung notierte sich die Bestellung und verschwand wieder hinter den Tresen. Fabio wartete geduldig, bis sie außer Hörweite war, bevor er sich zu mir vorbeugte. 

„Du suchst wirklich Zeke?“ fragte er leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. 

Ich nickte. „Ja.“ 

Fabios Augen verengten sich leicht. „Du dürftest doch gar nicht wissen, dass es ihn gibt.“ 

„Naja,“ begann ich, unsicher, wie ich ihm das erklären sollte. „Das weiß ich eigentlich auch nicht so genau. Ich hab ihn ja noch nicht gesehen oder so.“ 

Fabio lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte mich nachdenklich. Sein vorher so lockeres und schelmisches Verhalten war verschwunden. 

Ich seufzte. Es hatte keinen Sinn, weiterhin ausweichend zu antworten. „Okay, hör zu. Ich erzähl dir einfach alles.“ 

Fabio beugte sich wieder vor, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und nickte auffordernd. 

Ich holte tief Luft und begann, ihm die ganze Geschichte zu erzählen. Von dem Tag, als Fips plötzlich in der Bibliothek lag, halb ohnmächtig und mehr als verwirrt. Wie er mich in seine Welt gezogen hatte, um nach seinem Bruder Klaus zu suchen, der verschwunden war. Wie wir stattdessen zu Ruhns Hotel gereist waren, nur um herauszufinden, dass auch er nicht da war. Und wie Minty, Ruhns Angestellte, uns erzählt hatte, dass etwas nicht stimmte – dass Ruhn seine dunkle Seite verloren hatte und wir Zeke finden mussten, um das Rätsel zu lösen. 

Fabio lauschte aufmerksam, ohne mich zu unterbrechen. Sein Gesicht blieb ruhig, doch seine Augen verrieten, dass er jedes Wort aufnahm. 

Als ich geendet hatte, lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme und starrte an die Decke. „Wow,“ sagte er schließlich. „Das klingt … wie ein verdammt schlechter Traum. Aber irgendwie auch wie ein richtig gutes Abenteuer.“ 

„Glaubst du mir?“ fragte ich zögernd. 

Fabio lachte leise. „Oh, ich glaub dir schon. Ich meine, hier in der Traumstadt passieren verrücktere Sachen als das. Aber wenn Zeke wirklich der Schlüssel zu all dem ist, dann hast du ein Problem.“ 

„Wieso?“ fragte ich nervös. 

„Zeke ist … nun ja, wie soll ich das sagen?“ Fabio zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „Er ist nicht gerade der Typ, der sich mit Fremden abgibt. Und erst recht nicht mit Menschen.“ 

Ich schluckte. „Und wie finde ich ihn überhaupt?“ 

„Dazu hab ich vielleicht eine Idee,“ sagte Fabio, seine Augen glitzerten plötzlich wieder schelmisch. „Aber es wird nicht einfach. Bist du sicher, dass du das durchziehen willst?“ 

Ich nickte. „Ich hab keine Wahl.“ 

Fabio grinste. „Na gut. Dann hoffe ich, dass du gut laufen kannst.“ 

Die Bedienung kehrte mit unseren Getränken zurück. Sie stellte ein merkwürdiges, dampfendes Gefäß vor mich, das aussah, als wäre es aus Metall und Glas zusammengesetzt. Ich beäugte es misstrauisch. 

„Das ist ein Träumerspecial,“ sagte Fabio, während er bereits einen Schluck aus seinem eigenen Gefäß nahm. „Glaub mir, das ist mega.“ 

Vorsichtig hob ich das Getränk an die Lippen und nahm einen kleinen Schluck. Zu meiner Überraschung schmeckte es unglaublich gut – eine Mischung aus süßer Vanille, einer herben, kaffeartigen Note und einem Hauch von etwas, das ich nicht genau zuordnen konnte, aber angenehm war. 

„Okay, das ist wirklich gut,“ gab ich zu und nahm noch einen Schluck. 

Fabio grinste zufrieden und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Hab ich doch gesagt.“ 

„Warum muss ich gut laufen können?“ fragte ich schließlich, während ich das Glas wieder abstellte. 

„Zeke lebt etwas außerhalb der Stadt,“ erklärte Fabio, während er mit einem Finger über den Rand seines Gefäßes strich. „Er hält sich von uns Träumen meistens fern, solange wir unsere Arbeit machen.“ 

„Du meinst, alle hier sind Träume?“ fragte ich und ließ meinen Blick durch das Café schweifen. Die anderen Gäste unterhielten sich leise, einige lachten, während sie aus ähnlichen Gefäßen tranken. 

„Jap, ganz genau,“ bestätigte Fabio. 

„Und was genau macht Zeke dann?“ fragte ich weiter. „Ist er dann auch ein Traum?“ 

Fabio brach in schallendes Lachen aus, das fast den gesamten Raum erfüllte. Einige Gäste drehten sich kurz zu uns um, wandten sich aber schnell wieder ihren Gesprächen zu. 

„Zeke, ein Traum?“ Fabio schüttelte den Kopf, als hätte ich gerade den lustigsten Witz der Welt erzählt. „Selbst die Albträume würden ihn nicht bei sich haben wollen.“ 

„Warum nicht?“ hakte ich nach. 

„Zeke ist der Sandmann,“ erklärte Fabio, und seine Stimme wurde plötzlich ernster. „Der Meister der Träume. Er ist der Grund, warum es uns gibt. Jeder einzelne von uns wurde von ihm erschaffen. Auch ich.“ 

Ich starrte ihn an. Das musste ich erst einmal verdauen. „Also … du meinst, Zeke hat dich … erschaffen?“ 

Fabio nickte und nahm noch einen Schluck von seinem Getränk. „Genau. Er hat uns allen Leben eingehaucht. Ohne ihn gäbe es die Traumstadt, dieses Café, mich – nichts davon.“ 

„Und warum lebt er dann außerhalb der Stadt?“ 

„Weil er Zeke ist,“ sagte Fabio und zuckte mit den Schultern. „Er mag keine Menschenmengen, keine unnötigen Fragen, und am allerwenigsten mag er es, gestört zu werden.“ 

„Das klingt … schwierig,“ murmelte ich. 

„Oh ja,“ sagte Fabio grinsend. „Aber hey, du willst ihn ja unbedingt treffen. Also, mach dich darauf gefasst, dass das kein Spaziergang wird.“ 

Ich nahm noch einen Schluck von meinem Getränk und versuchte, mir ein Bild von diesem Zeke zu machen. Der Meister der Träume, der Erschaffer dieser seltsamen Stadt. Und gleichzeitig jemand, der scheinbar alles dafür tat, von ihr fernzubleiben. 

Was für ein Mensch – oder Wesen – war dieser Zeke eigentlich? War er ähnlich wie Fips, deutlich zu erkennen das er kein Mensch war?

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt