Die Wahrheit

93 10 3
                                    

Pov Fips

Klaus saß wieder bei uns, den dampfenden Becher in der Hand, aus dem ein seltsamer Geruch aufstieg – etwas zwischen verbranntem Gummi und saurem Moos. Was auch immer er trank, es roch, als hätte es seine besten Tage längst hinter sich. Rhun hatte sich so weit erholt, dass er zumindest aufrecht sitzen konnte, aber er sah immer noch aus, als könnte ein Windstoß ihn umwerfen.

„Also, was ist denn jetzt eigentlich los?" fragte ich endlich, nachdem ich es nicht mehr aushielt. Die Spannung im Raum war greifbar, und ich hatte das Gefühl, dass mir hier etwas Großes verschwiegen wurde.

„Rhun hat seine dunkle Seite verloren," sagte Klaus schlicht, als wäre das eine ganz alltägliche Sache.

„Wie?" fragte ich verdutzt.

„Ich war abgelenkt," erklärte Rhun mit einem müden Seufzen, „und das hat Dark genutzt, um zu entkommen."

„Wie?" wiederholte ich, jetzt noch verwirrter. Es ergab einfach keinen Sinn. Man konnte doch nicht einfach seine dunkle Seite verlieren, oder? Das klang, als hätte Rhun einen alten Hut liegen lassen.

„Dark ist Rhuns Macht," erklärte Klaus und stellte seinen Becher ab. „Wir wissen nicht genau, wie es dazu kommen konnte, aber plötzlich hat Dark ein Eigenleben entwickelt."

Ich runzelte die Stirn. „W–?"

„Fips, ich habe keine Ahnung!" schnitt mir Rhun das Wort ab, seine Stimme war rau. „Er ... er hat plötzlich angefangen, gegen mich zu rebellieren, und dann ist er einfach aus mir herausgetreten. Seitdem ..." Er hielt inne und schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Seitdem werde ich immer schwächer."

Ich starrte meinen Bruder an. Rhun – der unerschütterliche, unbesiegbare Rhun – schwach? Das war ein Widerspruch in sich. Das Wort „schwach" passte nicht zu ihm, es fühlte sich falsch an.

„Und nun versuchen wir, Dark wieder einzufangen," erklärte Klaus. „Deshalb hast du mich in der Werkstatt nicht antreffen können. Ich habe alle Wichtel von der Weihnachtsproduktion abgezogen, um Rhun zu helfen."

Ich schnaubte. „Pah, das klingt ja fast süß, so richtig nach Familie," spottete ich, obwohl mir das alles überhaupt nicht gefiel. „Aber euren Bruder von den Osterinseln zu befreien, das war nicht drin?"

Klaus sah mich verwirrt an. Klar, ich hatte ihm eine andere Geschichte aufgetischt.

„Fips, wir konnten dich nicht finden," sagte Rhun langsam, als müsste er mir etwas erklären, was ich längst wissen sollte. „Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Und mal ehrlich: Es wäre nicht das erste Mal, dass du irgendwo zugedröhnt liegst und erst nach Wochen wieder auftauchst."

„Wochen?" Ich funkelte ihn an. „Ich war Monate lang weg! Gebt doch zu, dass ihr Besseres zu tun hattet."

„Hatten wir," knurrte Klaus zurück. „Dark finden, damit dein Bruder hier nicht stirbt."

Die Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich sah zuerst Klaus, dann Rhun an, der plötzlich so viel blasser wirkte.

„Du stirbst?" fragte ich leise.

„Quatsch!" Rhun winkte ab, aber es klang nicht halb so überzeugend, wie es hätte klingen sollen. „Du kennst doch Klaus und seine Gruselgeschichten."

„Warum hilft Zeke euch nicht?" fragte ich schließlich, um das Thema zu wechseln. Die Vorstellung, dass Rhun sterben könnte, machte mir mehr Angst, als ich zugeben wollte.

„Zeke?" Klaus schnaubte und nahm einen Schluck aus seinem Becher, bevor er mich ansah. „Der ist endgültig dem Wahnsinn verfallen."

Ich zuckte zusammen. Zeke, der Sandmann, war schon immer ein bisschen eigenartig gewesen, aber „endgültig dem Wahnsinn verfallen"? Das klang nach mehr als nur der üblichen Verrücktheit.

„Was heißt das?" fragte ich zögerlich.

„Es heißt," begann Klaus und lehnte sich zurück, „dass er sich komplett zurückgezogen hat. Er regiert die Traumwelt noch, aber sein Geist scheint ... zerbrochen. Manchmal spricht er in Rätseln, manchmal gar nicht. Und dann gibt es Momente, in denen er so wirres Zeug mit sich selbst spricht, dass wir uns nicht sicher sind, ob er sich selbst überhaupt versteht"

Rhun sagte nichts, aber ich sah, wie seine Hände sich zu Fäusten ballten.

„Also," fuhr Klaus fort, „selbst wenn wir Zeke um Hilfe bitten wollten, er ist nicht in der Verfassung, irgendjemandem zu helfen. Und selbst wenn er es wäre ..."

„Was?" hakte ich nach.

Doch Klaus beendete den Satz nicht.

Ich schluckte schwer. Das klang nicht nach einem einfachen Problem, sondern nach einem, das weit über meinen Kopf hinausging. Aber das bedeutete nicht, dass ich mich raushalten würde. Rhun war mein Bruder, egal wie kompliziert unsere Familie war.

„Dann holen wir Dark eben selbst zurück," sagte ich entschlossen.

„Fips, das ist nicht so einfach," sagte Klaus mit einem müden Seufzen.

„Wann war jemals irgendetwas in dieser Familie einfach?" fragte ich und verschränkte die Arme.

Für einen Moment herrschte Stille. Rhun sah mich mit einem winzigen, schwachen Lächeln an.

„Du bist ein Idiot," sagte er schließlich, aber in seinen Worten lag mehr Wärme, als ich von ihm gewohnt war.

„Dafür bin ich euer Lieblingsidiot," antwortete ich und grinste. „Und jetzt, lasst uns überlegen, wie wir diesen Dark finden und Rhun wieder auf die Beine kriegen. Und dann kümmern wir uns um Zeke, Cassy passt bestimmt auf ihn auf"

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt