Ich half Rhun nach oben. Es war fast schon lächerlich, wie schwer er trotz seines dürren Zustands war. Es fühlte sich an, als hätte ich einen besonders eigensinnigen alten Opa auf der Schulter. Nur dass dieser „Opa" kaum Luft bekam und alle paar Stufen stehen blieb.
„Dafür, dass die Hälfte von dir fehlt, bist du immer noch ziemlich schwer", schnaufte ich, als wir endlich die letzte Stufe erreichten.
Rhun antwortete nicht, sondern lehnte sich hustend ans Geländer. Seine blutunterlaufenen Augen und das aschfahle Gesicht waren nicht gerade beruhigend.
„Rhun, wenn es nicht geht, dann finden wir eine andere Lösung." Ich blickte ihn ernst an, doch er wehrte sich mit einem schwachen Schütteln des Kopfes.
„Es geht schon", murmelte er gequält und machte Anstalten, weiterzugehen.
Schnell griff ich wieder unter seinen Arm, bevor er womöglich umfiel. „Ich hätte Altenpfleger werden sollen, oder?" grinste ich, in der Hoffnung, ihn ein bisschen aufzuheitern.
Aber von Rhun kam nur stoßweises Atmen, das sich in dem stillen Flur unheimlich laut anhörte.
Nach einer kleinen Ewigkeit erreichten wir das besagte Zimmer. Es war eine Art Labor, aber eines, das aussah, als hätte ein Tornado es heimgesucht. Überall standen kleine Fläschchen, Dosen, Notizzettel und ... Sachen. Vieles davon wollte ich gar nicht näher begutachten.
„Hier herrscht ja mal Ordnung", meinte ich sarkastisch, während ich einen besonders gruseligen Gegenstand inspizierte – ein totes Krabbeltier in einem Glas. „Weiß Minty von diesem Zimmer? Die würde einen Herzinfarkt kriegen."
„Das habe ich Zeke alles weggenommen", erklärte Rhun und begann mit zittrigen Händen nach etwas zu suchen.
Ich sah mich weiter um, während ich eine Dose mit einer seltsamen gelblichen Paste in die Hand nahm. „Das erklärt so einiges. Aber warum nimmst du ihm Zeug weg?"
Rhun hielt inne und warf mir einen Blick zu, in dem noch ein Hauch von Autorität lag. „Fips, meinst du, er sollte so, wie er drauf ist, mit irgendetwas experimentieren?"
Kurz dachte ich nach. Sofort kam mir die Erinnerung an den Vorfall, bei dem er fast das ganze Heim in die Luft gejagt hätte, weil er eine neue „Explosionstechnologie" testen wollte.
„Ähm ... ne, hast recht", gab ich widerwillig zu und stellte die Dose zurück.
Rhun suchte weiter in einer Kiste, während ich mich wieder den anderen Gegenständen widmete. Ein Stapel Papiere erregte meine Aufmerksamkeit, also griff ich mir das oberste Blatt. Die Handschrift war definitiv Rhuns. „Daaaarf Fiiiips niiicht iiin diiiee Hääändeee beeekoooommmeeeennnnn", entzifferte ich langsam und spöttisch den ersten Satz.
„Hey, warum nicht?" stieß ich empört aus. Unter der Zeile stand noch etwas – in Zekes Handschrift. „Liebestrank. Vorsicht, stark."
„Wirklich? Ein Liebestrank?" fragte ich und hielt das Blatt hoch.
Rhun warf einen Blick über die Schulter und schnaubte. „Wenn du das anrührst, Fips, garantiere ich für nichts."
Ich lachte nervös. „Schon gut, schon gut. Du brauchst keine Magie einzusetzen, ich hab schon verstanden."
Während Rhun endlich zu finden schien, was er suchte, stellte ich mir vor, wie viel Chaos Zeke mit so einem Trank hätte anrichten können. Der Gedanke war gleichermaßen faszinierend wie beängstigend.
„Wo hast du das kleine Menschenmädchen gelassen?" fragte Rhun plötzlich, ohne von seiner Suche aufzusehen.
„Cassy? Die ruht sich aus, denke ich." Ich überlegte kurz und fügte hinzu: „Sie sah ziemlich fertig aus. Also im Vergleich zu dir sah sie topfit aus, aber im Vergleich zu sich selbst halt ... nicht so."
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Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FF
FanfictionKeine Panik, Leute - das hier wird kein Buch über Achtsamkeit. Ich weiß, der Titel klingt, als ob gleich Meditations-Tipps und Rezepte für Smoothies folgen würden. Keine Sorge, hab selbst keine Ahnung von dem Zeug. Aber irgendeinen Titel musste das...