Zwischen Normalität, Magie und Geheimnissen

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Pov Cassy

Die Zeit heilt keine Wunden. Das war nichts weiter als ein bedeutungsloser Spruch, den verzweifelte Menschen sagten, um überhaupt etwas zu sagen. Manchmal konnte Stille eben nicht alles tragen, also füllte man sie mit diesen hohlen Phrasen. 

Ich hatte Fips gebeten, mich nach Hause zu bringen. Es war die einzig richtige Entscheidung gewesen. Ich hatte ein eigenes Leben, in das ich zurückkehren musste. Diese Welt voller Magie, Geheimnisse und vor allem Grausamkeit war nichts für mich. Es hatte sich angefühlt wie ein Abenteuer, wie der Beginn einer fantastischen Geschichte. Aber es war unschön geendet, und ich wollte damit nichts mehr zu tun haben. 

Fabio. Auch wenn er vielleicht nie wirklich existiert hatte, war er real genug gewesen, um eine Lücke in meinem Herzen zu hinterlassen. Diese Lücke fühlte sich an wie ein Riss, der nie heilen würde, egal wie sehr ich mich ablenkte. 

Ich lief mit einem Stapel Bücher durch die langen Gänge der Bibliothek, das vertraute Rascheln von Papier und das gedämpfte Flüstern der Besucher erfüllten die Luft. Es war beruhigend, diese Routine wieder aufzunehmen. „Das sind alle Bücher, die wir zur Bekämpfung von Schädlingen im Garten haben,“ erklärte ich freundlich, als ich den Stapel einer älteren Dame auf den Tisch legte. 

„Danke, Liebes. Irgendwas muss ja die ganzen Möhren vernichten,“ bedankte sie sich und warf mir ein warmes Lächeln zu. 

„Hoffentlich hilft es,“ erwiderte ich mit einem höflichen Lächeln, bevor ich mich wieder meiner Aufgabe widmete. 

Bücher zurücksortieren, Regale ordnen, kleine Notizen machen – alles war so normal, so geerdet. Fast konnte ich vergessen, dass ich jemals in einer anderen Welt gewesen war, fast. 

„Gehen wir nachher wieder diese kleinen süßen Bällchen kaufen?“ flüsterte eine Stimme leise. 

Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Azhar, der kleine goldene Drache, war das Einzige, was aus dieser magischen Welt bei mir geblieben war. Er saß jetzt auf meiner Schulter und hatte seinen winzigen Schwanz um meinen Hals geschlungen, wie ein leuchtender Schal. 

„Du meinst Weintrauben?“ fragte ich, während ich ein Buch ins Regal schob. 

„Ja, genau! Weintrauben!“ rief er begeistert. „Sie sind köstlich. Knackig, süß, einfach perfekt.“ 

Ich schüttelte den Kopf. „Du bist süchtig nach den Dingern.“ 

„Ich nenne es Hingabe,“ murmelte er, und ich musste wirklich lachen. 

Ich fühlte mich gut, und das war die Hauptsache. Mein kleines, langweiliges Leben genügte mir völlig. Es hatte etwas Beruhigendes, etwas Verlässliches. Die Abenteuer, die ich erlebt hatte, fühlten sich fast wie eine ferne Erinnerung an, wie ein Traum, der verblasst, je mehr man sich in den Tag begibt. 

Wenn mir nach Abenteuern war, saß ich hier in der Bibliothek an der Quelle. Es gab Geschichten über ferne Länder, alte Zeiten, fantastisches Leben und große Helden. Geschichten, die sicher und kontrolliert zwischen den Buchdeckeln blieben, die mich mitreißen konnten, ohne mich zu verletzen. 

Azhar kletterte über meinen Arm und ließ sich auf dem Tisch vor mir nieder. Er blickte mich mit seinen goldenen, schimmernden Augen an. „Wirst du immer zufrieden sein mit… all dem hier?“ fragte er leise und schwang seinen Schwanz hin und her. 

Ich hielt inne, den Finger zwischen zwei Seiten eines Buches, und musterte ihn. „Was meinst du damit?“ 

„Du bist jetzt glücklich, aber… du gehörst zu den Menschen, die ein Feuer in sich tragen. Ich sehe es in dir. Du wirst dich irgendwann langweilen.“ 

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt