Im tiefsten inneren

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Pov Zeke

War ja mal wieder klar gewesen, dass ich die Schuld bekam. Als würde nicht schon genug Schuld auf mir lasten. Es war immer das Gleiche: Rhun und Klaus taten so, als wäre ich der Einzige, der Fehler machte. Als wäre es so einfach, die Träume zu überwachen. Aber Träume waren verdammte kleine Wixer. Sie waren so talentiert darin, sich zu tarnen, dass es schwer war, manchmal zwischen ihnen und der Realität zu unterscheiden. 

Ich hatte nicht gewusst, dass diese Männer echt waren. Für mich schienen sie bloß Albträume zu sein, die Fips quälten. Und Albträume, die einen Bruder heimsuchten, waren nichts Neues. Doch das interessierte niemanden. Es interessierte nie jemanden. 

Hauptsache, ich war der Dumme. Der Naive. Der Wahnsinnige, der vom Chaos getrieben wurde. Aber wer hatte mich denn in diesen Zustand gebracht? Das fragten sie natürlich nicht. 

Ich lief durch mein neues Heim, durch die prachtvollen Gänge, die ich für mich erschaffen hatte. Alles war perfekt hier. Und doch fühlte es sich an, als würde es zerfallen. Nicht äußerlich, natürlich nicht. Aber innerlich, in mir, zerbrach etwas. 

Am liebsten hätte ich die Tür aufgerissen, wäre hinausgestürmt in die unendliche Wüste und hätte mich dem Wahnsinn wieder hingegeben. Ich konnte spüren, wie die schwarzen Fäden an mir zogen. Sie wollten mich zurückhaben, wollten sich in meinen Geist graben und sich von mir nähren. 

Es wäre so einfach, so verlockend, diesem Drang nachzugeben. Die Erleichterung, der Rausch, wenn der Wahnsinn die Kontrolle übernahm, war berauschend und befreiend zugleich. Doch ich tat es nicht. 

Ich blieb stehen, legte die Hände auf den kalten Marmor der Wand vor mir und schloss die Augen. 

„Nein,“ flüsterte ich zu mir selbst. „Nicht heute.“ 

Es war ein Kampf, den ich seit Jahrhunderten führte. Manchmal gewann ich, manchmal verlor ich. Aber der Wahnsinn hatte Geduld. Früher oder später würden sich die schwarzen Fäden wieder in mich rammen, und dann würde mein Kopf nicht mehr so klar sein wie jetzt. 

Dann würde ich wieder der sein, den sie so gerne in mir sahen: der Verrückte, der Verantwortung abwälzte. Der Sandmann, den niemand ernst nahm. 

Doch jetzt … jetzt kämpfte ich. So gut ich konnte. Auch wenn es ein aussichtsloser Kampf war. 

Ich horchte auf, etwas drang am mein Ohr.

Das Flüstern wurde stärker, wie ein sanfter Wind, der durch die Ritzen einer alten Tür drang. Es war kein Flüstern mit klaren Worten, mehr ein Rauschen, ein Gefühl. Ich hielt inne, fast wie versteinert, während es mich erfasste. 

Natürlich wusste ich, was es war und woher es kam. Doch ich hatte es schon lange nicht mehr gehört. 

Ein Traum. 

Ein zuckersüßer Traum, der sich seinen Weg bahnte, wie ein unsichtbarer Strom durch die Nacht. 

Cassy schlief also tatsächlich. 

Ein Lächeln zog sich über mein Gesicht, mehr automatisch als gewollt. Der süße Klang eines neu entstehenden Traums war etwas, das ich niemals ignorieren konnte. Es war fast wie eine Droge, ein Bedürfnis, dem ich mich nie ganz entziehen konnte. 

Ich fühlte die Versuchung, diesen Traum fortzuscheuchen, ihn zu zerbrechen wie eine Seifenblase, um ihn durch etwas Eigenes zu ersetzen. Es war so verlockend. 

Ewig war es her, dass ich den Traum eines Menschen kontrolliert hatte. 

Ich konnte die Bewegungen meiner Hände in Gedanken spüren, wie ich den Traum formen würde, Schicht für Schicht, Bild für Bild. Es war eine Kunst, so wunderschön wie sie zerbrechlich war. Kein Maler auf der Welt konnte je mit der Perfektion eines kontrollierten Traums konkurrieren. 

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt