Die Worte meines Bruders machten sicherlich Sinn. Alles, was Rhun sagte, machte immer Sinn. Aber dieses Mal irrte er sich. Ich wollte nichts zurückholen, und ich wusste genau, wie ich weitermachen wollte. Doch das Geheimnis um dieses Buch, von dem Cassy in ihren Notizen geschrieben hatte, wollte ich lösen. Einfach weil ich neugierig war. Und Klaus hatte zu mir immer gesagt, dass meine Neugierde gut war. Wenn mein anderer großer Bruder das sagte, musste es ja wohl stimmen.
Mein Blick wanderte zu Azhar. Der kleine goldene Drache saß noch immer auf dem Stapel Bücher und starrte mich an. Seine bernsteinfarbenen Augen funkelten neugierig, fast so, als würde er meinen Gedanken folgen.
„Wir sollten gehen, Fips. Diese Welt voller Menschen ist nichts für uns," sagte Rhun schließlich und zog seine Hand von meiner Schulter. Ich nickte langsam. Nicht, weil ich ihm recht gab, sondern weil ich eine Idee hatte.
„Alter vor Schönheit," grinste ich und machte eine einladende Geste. Rhun zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts und trat vor. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung schob er sich an dem hohen Regal der Bibliothek vorbei zur Tür.
Kaum war er außer Sicht, beugte ich mich zu Azhar hinunter und flüsterte: „Such es." Der Drache neigte leicht den Kopf, dann verschwand er in einem goldenen Flimmern und sauste durch die Bibliothek in Richtung der Tür mit der Aufschrift „Nur für Mitarbeiter". Wenn irgendjemand das Buch finden konnte, dann Azhar.
Draußen auf der Straße trat ich neben Rhun und blickte mich um. Es war Abend geworden, und die Stadt war in ein Meer aus funkelnden Lichterketten getaucht. Sie hingen zwischen den Häusern, umrahmten Fenster und wickelten sich wie glänzende Schlangen um Laternenpfähle.
„Wie schön," staunte ich.
„Komm nicht auf die Idee, so etwas in meinem Hotel zu machen," sagte Rhun entschieden und verzog das Gesicht.
„Klaus wird doch sowieso wieder einen Baum reinstellen und ihn schmücken," erinnerte ich ihn.
Rhun grummelte nur etwas Unverständliches. Ich grinste. Er konnte Weihnachten nicht ausstehen, aber es hielt Klaus nie davon ab, die Festhalle im Hotel bis zur Decke zu dekorieren.
„Ich mag's," fuhr ich fort, „besonders den Teil mit den Gesche... Oh Gott, ich habe noch gar keine Geschenke! Wie lange ist es noch bis zu Klaus' großem Egotrip?" fragte ich erschrocken.
„Zwei Tage," antwortete Rhun knapp. Seine Augen huschten unruhig über die Straße. „Und jetzt komm. Wir werden beobachtet."
„Beobachtet? Von wem?" Ich fuhr erschrocken herum, doch ich konnte niemanden entdecken.
„Komm einfach," drängte er und zog mich mit sich über die Straße. Seine Schritte wurden schneller, und ich hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten.
Wir erreichten einen kleinen Park, in dem ebenfalls alles in warmes Licht getaucht war. Die Lichterketten glänzten zwischen den kahlen Ästen der Bäume und tauchten die Umgebung in eine fast magische Atmosphäre. Rhun schwang sein knöchernes Zepter, und ein Portal entstand in der Luft. Es flackerte kurz, dann stabilisierte sich die ovale Öffnung. Ich konnte die weite Wiese vor dem Hotel erkennen.
„Na, wo ist das Häschen hin entlaufen?" erklang eine spöttische Stimme, kaum dass wir hindurchgetreten waren.
Zeke saß auf dem alten Brunnen, die Kapuze wie gewohnt tief ins Gesicht gezogen. Seine Haltung war entspannt, aber seine Augen funkelten belustigt unter dem Schatten der Kapuze hervor.
„Hatte ich dir nicht gesagt, dass du im Hotel bleiben sollst?" fragte Rhun scharf. Sein Ton war kalt wie ein winterlicher Windstoß.
Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Zwischen meinen Brüdern lag etwas in der Luft, das ich nicht einordnen konnte. Normalerweise war Rhun nur genervt von Zeke, aber das hier war anders. Sein Blick war dunkel, und Zekes Grinsen wirkte fast herausfordernd.
„Oh, Rhun, keine Sorge," sagte Zeke leicht. „Ich hab' mich doch nur ein bisschen umgesehen. Oder wolltest du, dass ich hier Wurzeln schlage?"
„Du weißt genau, warum ich wollte, dass du drinnen bleibst," erwiderte Rhun mit zusammengebissenen Zähnen. „Was hast du angestellt?"
„Nichts, was du nicht auch getan hättest," entgegnete Zeke und sprang mit einem geschmeidigen Satz vom Brunnenrand. „Aber ich hab' ein paar interessante Sachen gehört. Vielleicht sollten wir reden."
Ich sah zwischen den beiden hin und her. Rhun schien kurz davor zu sein, Zeke mit seinem Zepter zu erschlagen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Ich wollte gerade fragen, worum es ging, als sich hinter uns ein leises Flattern erhob. Azhar war zurück. Der kleine Drache landete auf meiner Schulter.
"Hast du es?" fragte ich leise. Azhar nickte.Pov Rhun
Ich sah im Augenwinkel, wie sich Fips davonschlich. Es war mir recht; er war heil wieder hier angekommen, und das war alles, was zählte. Mein Fokus lag nun auf Zeke.
„Was hast du gehört?" fragte ich scharf an ihn gerichtet. Zeke schwang sich vom Brunnen herunter, seine Bewegungen wie immer betont lässig. Ich musterte ihn eindringlich, um sicherzustellen, dass er nicht wieder irgendwelche Tränke zu sich genommen hatte. Doch er schien normal zu sein. Bis auf die Ausnahme, dass seine Brille nicht auf seiner Nase, sondern oben auf seinem Kopf saß.
„In deinem Wäldchen verschwinden die Mitbewohner," grinste er und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Was?" fragte ich verwirrt. „Du warst im Märchenwald?"
Zeke hob sofort die Hände in einer beschwichtigenden Geste. „Natürlich nicht. Während ich hier draußen saß, kam dieser Fremde vorbei – der, von dem Cassy und Fips erzählt haben."
Ich spürte eine nagende Unruhe in mir aufsteigen. „Was wollte er?"
„Wissen, ob Eos bei uns ist," sagte Zeke und zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Hab natürlich nichts gesagt. Darauf fragte er, ob du da seist und ob er mit dir sprechen könne. Er meinte, dass die Märchenfiguren nach und nach verschwinden." Zekes Stimme blieb gelassen, aber seine Augen funkelten wachsam.
Ich schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Der Märchenwald war unter meiner Obhut, und wenn dort etwas geschah, war es meine Verantwortung, herauszufinden, was vor sich ging. Dass dieser Fremde Informationen suchte, machte es nicht besser. Zeke mochte es vielleicht locker nehmen, aber ich wusste, dass es ernst war.
„Hat er gesagt, wer er ist?" fragte ich nach einer Weile. Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich in Wirklichkeit fühlte.
„Nö" erwiderte Zeke und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. „Aber wenn du mich fragst, war da mehr an ihm, als er zugeben wollte."
Ich nickte langsam. Es gab keine Zeit zu verlieren. Ich musste in den Märchenwald.
Als ich mich umdrehte, hörte ich Zeke: „Soll ich dich nicht besser begleiten?"
„Geh zurück ins Hotel!" rief ich bestimmt.
„Und was, wenn nicht, oh große Zahnfee?" spottete Zeke direkt neben mir.
„Du bist nicht zurechnungsfähig, Zeke!" knurrte ich.
„Das war alles zu Forschungszwecken," verteidigte er sich und machte eine unschuldige Geste.
Ich blieb stehen und funkelte ihn wütend an. „Das war, weil du die Kontrolle über dich selbst verlierst. Weil du nicht wahrhaben willst, dass Cassy tot ist. Weil du – weil wir alle – unseren Bruder Eos unterschätzt haben. Und weil du dir selbst über deine Gefühle nicht im Klaren bist. Und wir wissen beide, wie gefährlich es ist, wenn sich einer von uns mit dieser Liebesdudelei einlässt!"
Zeke's Gesicht verfinsterte sich. Für einen Moment dachte ich, er würde etwas erwidern, doch er blieb stumm. Ich drehte mich um und setzte meinen Weg fort, ohne noch einmal zurückzublicken.
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Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FF
FanfictionKeine Panik, Leute - das hier wird kein Buch über Achtsamkeit. Ich weiß, der Titel klingt, als ob gleich Meditations-Tipps und Rezepte für Smoothies folgen würden. Keine Sorge, hab selbst keine Ahnung von dem Zeug. Aber irgendeinen Titel musste das...