Eine kleine Entdeckung

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Pov Fips

Ich huschte an Klaus vorbei. Zum Glück war er so sehr damit beschäftigt, überall Weihnachtsdeko aufzuhängen, dass er mich gar nicht bemerkte. Zusammen mit Azhar verkroch ich mich in Rhuns Büro. 

„Du hast es wirklich gefunden?" fragte ich noch einmal und schwang mich auf den großen Stuhl hinter Rhuns Schreibtisch. 

„Ja," bestätigte Azhar, während er das schwere Buch auf den Tisch legte. Der Einband sah uralt aus, so voller Risse, dass man nicht mehr erkennen konnte, was einmal darauf gestanden hatte. Vorsichtig schlug ich das Buch auf. Doch kaum hatte ich es geöffnet, knallte die Tür hinter mir auf. 

Ich wirbelte herum und starrte in Zekes Gesicht. Seine Augen funkelten vor Wut, und für einen Moment schien die Luft im Raum stillzustehen. 

„Alles in Ordnung?" fragte ich unsicher, obwohl die Antwort offensichtlich war. 

„Diese aufgeblasenen Gockel!" knurrte Zeke und kam einen Schritt näher. „Bist du es nicht auch leid, dass Rhun und Klaus sich aufführen, als wären sie allwissend?" 

„Aber... sie wissen doch alles," erwiderte ich verwundert. 

„Weil sie dich glauben lassen, dass sie alles wissen," fauchte er zurück. „Du lässt dich viel zu leicht von ihnen täuschen." 

„Das Gespräch ist wirklich interessant," unterbrach ich, in der Hoffnung, ihn abzuwimmeln, „aber ich mach hier gerade eine wichtige Sache." 

Das bewirkte natürlich das Gegenteil. Zeke trat näher an den Schreibtisch heran, sein Blick wanderte misstrauisch zwischen mir und dem Buch hin und her. 

„Was tust du?" fragte er skeptisch. 

Ich zögerte, bevor ich zu Azhar hinübersah, der ruhig auf dem Schreibtisch saß. Schließlich erklärte ich: „Azhar hat ein Notizbuch von Cassy gefunden, in dem sie all ihre Erlebnisse mit uns niedergeschrieben hat. Und ich habe angefangen, es zu ergänzen. Vielleicht möchtest du ja auch etwas dazu schreiben?" Mit großen Augen sah ich Zeke an, meine Stimme zitterte leicht. 

Zeke blinzelte ein paar Mal, und ich konnte nicht erkennen, was in ihm vorging. Für einen Moment dachte ich, er würde etwas sagen. Doch dann setzte sich das vertraute, spöttische Grinsen wieder auf sein Gesicht. 

„Lass mal stecken," sagte er abfällig. „So ein sentimentaler Mist passt besser zu dir." 

Mit diesen Worten drehte er sich um und schlenderte zur Tür hinaus. Zurück blieb ich, ein wenig enttäuscht, aber auch entschlossen, weiterzumachen. Ich schlug das Buch erneut auf.

Doch in dem Buch wimmelte es von Buchstaben, die ich nicht verstand. Sie sahen aus wie eine seltsame Mischung aus alter Schrift und Kringeln, die keinen Sinn ergaben. 

„Mehr Bilder wären schön," seufzte ich und blätterte durch die Seiten, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, das mir vertrauter vorkam. 

„Vielleicht kann uns einer deiner Brüder helfen?" schlug Azhar vor, während er auf die Buchstaben sah.

„Und wer?" fragte ich sarkastisch. „Klaus hat Weihnachtsstress, Rhun sagt, dass alles falsch ist, was ich mache, und Zeke scheint von Wut zerfressen wie eh und je." Ich ließ meine Schultern hängen. „Wir müssen das allein schaffen." 

„Fips," begann Azhar mit ruhiger Stimme. 

„Jaja, ich weiß, ich soll nicht immer alles so negativ sehen," schnaufte ich, „aber mir fallen einfach keine Witze mehr ein, seit Cassy weg ist." 

„Nein, Fips. Sieh nur!" Azhar deutete mit einem seiner Flügel auf das Buch vor uns. 

Ich folgte seinem Blick und ließ meine Augen auf der aufgeschlagenen Seite ruhen. Und da war es. Ein Bild, das mir den Atem raubte. 

„Das ... wie ... der Kompass," stammelte ich, meine Hände zitterten leicht, als ich das Buch näher an mich heranzog. 

Das Bild zeigte genau den Kompass, den Zeke in seinem Traumland bewachte. Das goldene Gehäuse, die komplizierten Zeichen auf der Oberfläche – sie waren mir so vertraut wie mein eigener Name. Doch da war noch etwas. 

Ein Zahn für Rhun. Eine Sanduhr für Zeke. Eine Zipfelmütze für Klaus. Und ein Ei für mich. 

Doch neben diesen Symbolen befand sich ein weiteres Zeichen. Es schien wie ein fehlendes Puzzlestück. Ich beugte mich näher hin, um es genauer betrachten zu können. 

„Was bedeutet das?" flüsterte ich. 

„Was? Was siehst du?" Azhar tappelte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen, seine Flügel flatterten leicht. 

„Ich bin mir nicht sicher," murmelte ich, während ich angestrengt die feinen Linien betrachtete. „Ich brauche eine Lupe oder so." 

Ich sprang vom Stuhl auf, und zusammen mit Azhar begann ich, das Büro zu durchsuchen. Doch wir fanden nichts, was uns weiterhelfen konnte. 

„Ich komme gleich zurück," rief ich Azhar zu und rannte die Treppe hinunter. 

„Klaus?" rief ich in den Flur. 

„Ja?" kam es aus einem Haufen Lametta, aus dem nur Klaus' Kopf herausschaute. 

„Hast du eine Lupe?" 

„Irgendwo da hinten," murmelte er abwesend und zeigte mit einer glitzernden Hand auf einen Schrank. 

Ich öffnete die Schubladen und wühlte hektisch zwischen allerlei Krimskrams, bis ich eine alte Lupe entdeckte. „Perfekt, danke!" rief ich und war schon auf dem Weg zurück nach oben, bevor Klaus etwas entgegnen konnte. 

Zurück in Rhuns Büro hielt ich die Lupe über das Bild und beugte mich so nah heran, dass meine Nase fast das Buch berührte. 

„Ich fasse es nicht," murmelte ich ungläubig. 

„Was ist?" fragte Azhar, der auf meine Schulter geklettert war und nun ebenfalls neugierig auf das Bild starrte. 

„Das ist ein Mondstein. Er gehört zu Eos," erklärte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. 

Ich richtete mich auf und begann, eilig weiterzublättern.

Ich hatte nie gewusst, dass Eos ein Teil des Kompasses gewesen war. Schließlich war er recht früh auf den Mond verbannt worden, und meine Brüder sprachen alle nicht gerne über diesen Vorfall. Es war eines dieser Themen, die man nur ansprach, wenn man einen Streit vom Zaun brechen wollte – und das wollte ich ganz bestimmt nicht. 

Gerade als ich glaubte, eine Stelle im Buch gefunden zu haben, die ich verstehen könnte, hallte Klaus' Stimme laut und bestimmt zu mir hinauf: 

„Fips! Komm sofort her – und Zeke auch!" 

„Das klingt nach Ärger," seufzte ich und schloss das Buch widerwillig. Azhar schien ebenfalls nicht begeistert, doch er ließ mich gehen. 

Unten wartete Klaus bereits, die Arme verschränkt und mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der nichts Gutes verhieß. Neben ihm stand Rhun, der mindestens genauso finster dreinblickte. 

„Na, was hast du diesmal kaputt gemacht?" fragte Zeke grinsend und stellte sich betont gelassen neben mich. 

„Wohl eher: Was hast du Verbotenes angestellt?" zischte ich zurück, meinen Blick skeptisch auf ihn gerichtet. 

Zeke zog nur eine Augenbraue hoch und grinste breiter, als wäre das alles ein großes Spiel. Doch die ernste Haltung meiner Brüder ließ keinen Zweifel daran, dass das hier kein Spaß war.

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt