Pov Fips
Leise öffnete ich die Eingangstür des Hotels und schlich mich hinein. Die kühle Nachtluft klebte noch an meiner Haut, aber die vertraute Wärme des Eingangsbereichs empfing mich wie immer. Doch kaum war ich drinnen, blieb ich wie angewurzelt stehen. Rhun, Klaus und Zeke gingen gerade die Treppe zum Keller hinunter.
„Was haben die denn vor?“ murmelte ich leise zu mir selbst und schielte ihnen nach. Ihre ernsten Gesichter und die angespannte Stimmung ließen keinen Zweifel daran, dass etwas Großes im Gange war.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Eos zum Weihnachtsfest morgen einladen wollen,“ fügte ich flüsternd hinzu und zog eine Augenbraue hoch. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Typ nicht auf ihrer Geschenkeliste stand.
„Hauptsache, sie lassen ihn ganz,“ beschloss ich schließlich mit einem Schulterzucken. Was auch immer sie unten trieben, es würde sicher ohne mich passieren.
Ich schlich die Treppe hoch und zurück ins Arbeitszimmer. Azhar sprang auf, als er mich sah, und flatterte aufgeregt um mich herum. „Ein Glück, da bist du ja! Zeke war vorhin hier und wollte wissen, wo du bist.“
„Na, der wird mich sicher nicht so schnell finden,“ sagte ich trocken.
„Hast du es gefunden?“ fragte Azhar hoffnungsvoll.
Ich schüttelte den Kopf und ließ mich auf einen Stuhl fallen. „Eos’ Erklärung war nicht gerade leicht nachvollziehbar. Der Typ braucht dringend ein Google Maps-Update.“
Azhar ließ den Kopf hängen. „Und jetzt?“ fragte er traurig, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Wieder schüttelte ich den Kopf. Es war eine kleine Idee gewesen, vielleicht sogar eine gute. Zum ersten Mal hatte ich geglaubt, wirklich etwas Wichtiges beitragen zu können. Doch wie immer schien es nicht zu reichen.
„Und wenn wir Rhun fragen?“ schlug Azhar vor.
Ich riss den Kopf hoch und sah ihn an. „Rhun? Der wird wissen wollen, warum wir das fragen. Und glaub mir, das willst du nicht erleben.“
Plötzlich schoss mir eine Idee durch den Kopf. Ich sprang auf, so heftig, dass der Stuhl fast umkippte. „Das Buch, Azhar! Rhun schreibt alles in dieses Poesiealbum von ihm.“
Azhar blickte mich verwirrt an, aber ich hatte keine Zeit, ihm etwas zu erklären. Stattdessen stürmte ich aus dem Zimmer und rannte durch die Flure des Hotels.
Mein Ziel war die Küche. „Minty? Minty!“ rief ich aufgeregt, während ich die Tür aufstieß.
Minty, die Gehilfin von Rhun, tauchte hinter einem Stapel Töpfe auf. Ihr Gesicht war rußverschmiert, und ein Löffel hing ihr aus der Tasche. „Ja?“ fragte sie und sah mich irritiert an.
„Wo ist Rhuns Tagebuch?“ fragte ich sofort, ohne Atem zu holen.
Minty runzelte die Stirn und überlegte. „Ähm… ich glaube, es lag zuletzt auf dem Kaminsims.“
Das reichte mir. Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte Richtung Kaminzimmer.
Dort angekommen, sah ich mich hektisch um. Der Kaminsims war mit allerlei Krimskrams überladen: alte Kerzen, eine Uhr, die schon seit Jahren nicht mehr lief, und ein paar gerahmte Fotos. Doch dazwischen lag ein großes, in Leder gebundenes Buch.
„Da bist du ja,“ murmelte ich und griff danach. Das Gewicht des Buches zog meine Hand nach unten, aber ich zog es dennoch eilig an mich.
Mit dem schweren Buch in den Armen rannte ich die Treppe hinauf, die Worte von Klaus noch in meinen Ohren. Es fühlte sich an, als würde dieses Buch pulsieren – voller Geheimnisse, die nur darauf warteten, gelüftet zu werden.
„Bitte lass es kein Rätsel sein,“ flüsterte ich zu mir selbst, als ich die Tür zum Arbeitszimmer öffnete und direkt auf den Tisch zuging.
Doch statt Antworten sah ich nur Chaos. Die Seite war voll mit seltsamen Zeichen, die mir absolut nichts sagten. Keine Buchstaben, keine Sätze – nur Linien, Kreise und Symbole.
„Was ist das?“ fragte ich entsetzt und lehnte mich näher heran, in der Hoffnung, dass ein zweiter Blick mir helfen könnte, es zu verstehen.
„Das sind Runen,“ erklang plötzlich eine ruhige, aber bestimmte Stimme hinter mir.
Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Seraphine, die rosegoldene Drachendame, stand im Türrahmen. Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten wissend, während sie mit einer ihrer Krallen Azhar den Mund zuhielt. Der kleine Drache zappelte und versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien, ohne Erfolg.
„Ich habe mir schon gedacht, dass ihr zwei etwas im Schilde führt,“ fügte sie hinzu und ließ Azhar schließlich los.
„Kannst du das lesen?“ fragte ich hoffnungsvoll und zeigte auf die Runen.
Seraphine neigte den Kopf, ein sanftes Lächeln auf ihren Lippen. „Natürlich kann ich das. Aber zuerst will ich wissen, was ihr vorhabt.“
Ich warf Azhar einen kurzen, ertappten Blick zu. Es gab keinen Grund, weiter zu lügen oder etwas zu verheimlichen. Also atmete ich tief durch und erzählte Seraphine von allem: dem Gespräch mit Eos, dem Symbol im Buch, und meiner Idee.
Während ich sprach, weiteten sich Seraphines Augen. Als ich fertig war, war sie erstaunlich still, ihre Miene ernst.
Dann sprach sie, und ihre Worte ließen mein Herz höher schlagen: „Fips, das ist genial. Du könntest damit absolut recht haben.“
„Wirklich?“ fragte ich ungläubig. Lob war selten in meiner Familie, und aus Seraphines Mund klang es wie ein Ritterschlag.
„Ja,“ nickte sie. „Aber du musst Rhun einweihen. Ohne ihn kommst du nicht ins Mausoleum.“
Ich erstarrte. „Was?“ Entgeistert starrte ich sie an. „Rhun wird mich doch umbringen, bevor ich auch nur den ersten Satz beendet habe!“
Seraphine schmunzelte. „Vielleicht, aber es gibt keinen anderen Weg. Rhun wird es verstehen – irgendwann.“
Ich ließ mich auf den Stuhl fallen und seufzte schwer. Azhar flatterte auf meinen Kopf und stupste mich tröstend mit seiner Nase an. „Vielleicht solltest du anfangen, dir eine richtig gute Erklärung zurechtzulegen,“ sagte er.
Das war leichter gesagt als getan. Rhun war nicht gerade für seine Geduld bekannt, vor allem nicht mit mir. Aber vielleicht, nur vielleicht, war das genau die Sache, die uns allen helfen würde – und vielleicht würde Rhun das erkennen.
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Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FF
FanfictionKeine Panik, Leute - das hier wird kein Buch über Achtsamkeit. Ich weiß, der Titel klingt, als ob gleich Meditations-Tipps und Rezepte für Smoothies folgen würden. Keine Sorge, hab selbst keine Ahnung von dem Zeug. Aber irgendeinen Titel musste das...