Meine Freundin Cassy

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Ich ließ Cassy nicht los. Keine Sekunde. Tief in mir nagte die Angst, dass sie sich plötzlich in Luft auflösen könnte, wenn ich sie nur für einen Moment losließ. Also saßen wir nebeneinander auf dem großen Sofa gegenüber dem knisternden Kamin. Azhar hatte sich auf Cassys Schoß zusammengerollt und schnarchte leise. Links von uns stand der große, bunt geschmückte Tannenbaum, dessen Lichter sanft flackerten. 

Die anderen saßen schweigend in den Sesseln. Sogar Eos hatte einen Platz gefunden, auch wenn es offensichtlich war, dass sich niemand damit wohlfühlte – nicht einmal er selbst. 

Ich konnte nicht anders, als an die Zeit im Heim zurückzudenken, als wir – für einen kurzen Moment in unserem chaotischen Leben – so etwas wie Harmonie erlebt hatten. Doch das war lange her, und der Blick, den Rhun Zeke zuwarf, war der einzige Grund, weswegen er Eos nicht genau hier und jetzt kalt machte, wenn er die Gelegenheit bekäme. 

„Geht es dir gut?“ wisperte ich zu Cassy. 

„Lass uns später in Ruhe reden,“ antwortete sie leise. 

Ich nickte und ließ meinen Blick zum Tannenbaum schweifen, unter dem noch die Geschenke lagen, die ich für meine Brüder vorbereitet hatte. Langsam erhob ich mich, wobei ich Cassy vorsichtig losließ. Aber Azhar würde schon aufpassen, dass sie nicht einfach verschwand. 

„Ich ... ähm ... habe auch noch Geschenke für euch ...“ begann ich zögerlich und fuhr fort: „Also ... für dich nicht, Eos. Rhun hat nicht verraten, dass du auch kommen würdest.“ Es war mir etwas unangenehm, aber Eos schien das völlig kalt zu lassen – sein Blick war so gleichgültig wie immer. 

Das erste Geschenk reichte ich Klaus. Er nahm es mit einem freundlichen Nicken entgegen und packte es aus. Sein Blick wanderte von dem Geschenk zu mir, seine Augen geweitet. 

„Das ist mein Schlüssel,“ stellte er fest. Es war der magische Schlüssel der Cassy und mich damals aus dem Gefängnis im Mittelalter gerettet hatte. 

„Und wie toll, dass er jetzt wieder bei dir ist, oder?“ grinste ich, während ich schnell Zeke sein Geschenk überreichte. 

Zeke riss das Papier mit einem scharfen Ruck entzwei und öffnete die kleine Schachtel. Er hob eine Handvoll Sand heraus und hob eine Augenbraue. 

„Mein Sand?“ fragte er. 

„Ja, jetzt ist es wieder deiner,“ sagte ich entschuldigend mit einem schwachen Lächeln. 

Zeke schnaufte, sagte aber nichts weiter. 

Rhun, der sich lässig in seinem Sessel zurücklehnte, legte sein rechtes Bein über die Armlehne und sah mich mit schmalen Augen an. „Hast du mich auch beklaut?“ 

„Quatsch! Das würde ich mich doch niemals trauen!“ behauptete ich sofort und zog sein Geschenk hervor. Mit einem schnellen Schritt überreichte ich es ihm. 

Er packte es aus und hielt wenige Sekunden später einen Block Papier und einen Stift in den Händen. Seine Stirn legte sich in Falten, und er sah mich fragend an. 

„Ich brauche deine Sicht für mein Buch,“ erklärte ich eilig. „Du machst dieses Ding mit Frauen, und ich glaube, das wird mir so viele Leserinnen bescheren!“ Ich setzte meinen besten Hasen-Bitte-Bitte-Blick auf und hoffte auf das Beste. 

„Was für ein Buch?“ fragte Cassy neugierig und lehnte sich leicht vor. 

„Azhar hat dein Notizbuch gefunden, und ich habe angefangen, es zu vervollständigen,“ antwortete ich stolz. „Zeke hat auch schon ein paar Seiten geschrieben.“ 

Alle wandten sich überrascht zu Zeke, der sich unbeeindruckt die Schulter zuckte. 

„Was? Er hat nett gefragt. Und ihr habt selbst gesagt, ich soll was Sinnvolles mit mir anfangen,“ sagte er. 

Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FFWo Geschichten leben. Entdecke jetzt