Pov Cassy
Die letzten Tage war mir etwas aufgefallen: Fips tat wirklich alles, um mich von seinen Brüdern fernzuhalten. Es war subtil, aber ich hatte ein Gespür dafür entwickelt. Wenn Rhun oder Zeke in den Raum kamen, hatte Fips plötzlich die dringendsten Ideen: Wir mussten etwas erledigen, woanders hingehen, oder er fand irgendeinen Vorwand, mich herauszuziehen. Anfangs dachte ich, es sei Zufall, aber mit der Zeit wurde es immer offensichtlicher.
Heute jedoch war das anders. Klaus hatte uns alle zu einem letzten gemeinsamen Abendessen eingeladen. Er plante, morgen abzureisen, zurück zu seinem Zuhause im Mittelalter.
Es war ein seltsames Gefühl, alle auf einmal zusammen zu sehen. Selbst Eos war gekommen. Er hatte Weihnachten kurz mit uns verbracht, war dann aber spurlos verschwunden. Jetzt saß er da, ein paar Plätze weiter, und unterhielt sich angeregt mit Rhun. Ihre Unterhaltung war so konzentriert, dass es fast wie eine geheime Besprechung wirkte.
Minty hatte ein beeindruckendes Essen aufgetischt: dampfende Suppen, knusprige Braten und eine Auswahl an Beilagen, die jedem Restaurant Konkurrenz gemacht hätte. Das war typisch für Minty – sie hatte immer sorge das wer verhungern würde.
„Wo sind Azhar und Seraphine?“ fragte ich leise, während ich Fips einen Blick zuwarf.
Doch bevor er antworten konnte, sprach Zeke. Seine Stimme schnitt in die Stille. „Im Traumland,“ sagte er so plötzlich, dass ich zusammenzuckte. Er saß mir direkt gegenüber und balancierte ein Messer spielerisch auf seinem Finger.
Das Messer neigte sich leicht, doch mit einer geschickten Bewegung balancierte er es wieder aus. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, als er weitersprach.
„Sie wollten einfach mal wieder ein bisschen Magie schnuppern,“ erklärte er grinsend, ohne den Blick vom Messer zu nehmen.Das Traumland – Zekes Reich. Ich hatte es vor Ewigkeiten betreten, und die Erinnerung daran war so lebendig wie ein Traum, den man gerade erst geträumt hat. Die Steampunk-Stadt mit ihren seltsamen Bewohnern, die allesamt Träume waren, die unendliche Wüste drumherum … Irgendwie würde ich diesen Ort gerne noch einmal sehen.
„Nun denn,“ begann Klaus, und seine tiefe Stimme zog die Aufmerksamkeit zurück auf ihn. Er hob sein Glas, ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. „Es freut mich, dass wir alle hier beisammen sind. Und gleichermaßen wünsche ich uns, dass wir uns in den nächsten Jahrhunderten nur noch zu Weihnachten sehen!“
Die Runde lachte, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Klaus‘ Humor war eigen, und doch schien die Idee, sich nur einmal im Jahr sehen zu müssen, jedem zuzusagen.
„Endlich mal etwas aus deinem Mund, dem ich voll zustimmen kann,“ sagte Rhun trocken und hob ebenfalls sein Glas.
Einer nach dem anderen erhoben wir unsere Gläser, und ich prostete dem Rest zu. Es war seltsam, diese Brüder zusammen zu sehen. Sie liebten sich auf eine Weise, die ich nie ganz verstehen würde, aber es war auch offensichtlich, dass sie einander nicht lange ertrugen. Klaus würde ins Mittelalter zurückkehren, Zeke ins Traumland, und Rhun – nun, er würde hierbleiben, in seinem Hotel, wie immer.
Da fiel mir etwas auf. Ich wusste gar nicht, wo Fips eigentlich lebte. Er war immer da gewesen, immer irgendwie an meiner Seite. Aber wenn sich alle verteilten … wohin ging er?
Ich öffnete den Mund, um ihn zu fragen, doch in dem Moment weckte Zeke meine Aufmerksamkeit.
Er hatte aufgehört, mit dem Messer zu spielen, und starrte stattdessen auf seinen Schatten an der Wand. Mein Blick folgte seinem, und dann erschrak ich. Der Schatten winkte mir zu. Ganz deutlich.
Zekes Kopf drehte sich langsam zu mir, und er grinste breit, fast schelmisch. Sein Wahnsinn schien zurückzukehren. Wann war das passiert? Seit wann war sein Schatten wieder lebendig? Ich schluckte schwer und wollte gerade etwas sagen, doch Mintys Stimme durchbrach die Spannung.
„Wer möchte noch Nachtisch?“ rief sie fröhlich aus der Küche.
Die Stimmung änderte sich abrupt. Die Anspannung, die Zekes Schatten in mir ausgelöst hatte, löste sich auf. Alle Blicke wanderten zu Minty, und Zeke lehnte sich entspannt zurück, als wäre nichts geschehen.
Doch ich wusste, dass da etwas nicht stimmte. Der Wahnsinn, der ihn heimsuchte, war zurück.
Ich versuchte mich zu konzentrieren, aber meine Gedanken waren wie ein Labyrinth, das mich immer wieder zu derselben Stelle zurückführte – ins Traumland. Dort, wo alles schiefgelaufen war.
Es war diese Erinnerung, die mir jetzt durch den Kopf schlich, während wir am Tisch saßen. Ich konnte es nicht verhindern. Das Bild von Zeke, wie er gelitten hatte, fast zusammengebrochen war, das Armband – das Siegel, das seine Macht hemmen sollte – es war kaputt gegangen, einfach so. Seine Augen, dunkel vor Schmerz und Wahnsinn.
Ich erinnerte mich daran, wie wir von den abtrünnigen Träume umzingelt waren und schließlich in dem Zelt eingesperrt. Seine Kräfte hatten sich in unkontrollierten Wellen entladen, er hatte es beschrieben, als würde etwas in ihm zerreißen.
Er hatte meine nähe gesucht, weil es den Schmerz vetrieb, wenn wir uns berührten. Und so hatte ich da gestanden, an ihn gelehnt und ihm so irgend wie geholfen.
Dann, völlig unerwartet, hatte er mich geküsst. Es war kein sanfter, zögerlicher Kuss wie der von Rhun gewesen. Nein, Zeke hatte mich gepackt, mich an sich gezogen, und sein Kuss war fordernd, fast wild.
Ich konnte das Gefühl seiner Lippen wieder spüren, die Intensität, die mich damals überwältigt hatte. Und jetzt, hier am Tisch, spürte ich, wie mir die Röte ins Gesicht stieg.
Mein Blick wanderte ungewollt zu Zeke. Er saß mir gegenüber und schien sich auf etwas auf seinem Teller zu konzentrieren.
"Oh Gott" dachte ich verzweifelt. "Ich habe mich von beiden Brüdern küssen lassen."
Wie stand ich jetzt da? Was dachten sie von mir? Und, schlimmer noch, was dachte ich von mir selbst?
„Alles in Ordnung?“ Fips’ leise Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Seine Hand legte sich sanft auf mein Bein, ein vertrautes Zeichen seiner Besorgnis.
„Ja,“ murmelte ich und senkte den Blick. „Hab nur an etwas gedacht.“
Aber ich konnte es spüren, diesen siedend heißen Blick von Zeke, der mich durchbohrte. Er wusste es. Natürlich wusste er es. Vielleicht wusste es sogar von Rhun.
Ich versuchte, ruhig zu bleiben, aber die Erinnerungen ließen mich nicht los. Ich wusste nicht, was mich mehr beunruhigte – die Tatsache, dass ich mich von beiden hatte küssen lassen, oder die Tatsache, dass ich mich bei keinem von beiden richtig schlecht dabei gefühlt hatte.
Fips schien nichts zu merken. Er wandte sich wieder seinem Essen zu und ließ mich mit meinen Gedanken allein.
Ich wünschte, ich könnte sie abschalten, all diese Gefühle und Erinnerungen. Doch ich wusste, dass das unmöglich war. Irgendwann würde ich mich damit auseinandersetzen müssen. Mit ihnen. Und vor allem mit mir selbst.
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Achtsam jammern mit dem Osterhasen | Eine Julien Bam FF
FanfictionKeine Panik, Leute - das hier wird kein Buch über Achtsamkeit. Ich weiß, der Titel klingt, als ob gleich Meditations-Tipps und Rezepte für Smoothies folgen würden. Keine Sorge, hab selbst keine Ahnung von dem Zeug. Aber irgendeinen Titel musste das...