65. harte Schale, weicher Kern

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Eine ganze Weile war ich jetzt schon am grübeln. Liegen war die einzige Position, die mir keine Schmerzen bereitete. Da ich das aber nicht die ganze Zeit machen wollte, hatte Ezra mir Schmerzmittel angeboten.

Aber ich hatte Angst, ich war die letzte Zeit vollgepumpt worden mit verschiedenen Mitteln, ich wollte eine Pause. So sehr ich Ezra auch vertraute, der Gedanke dass er mir etwas anderes verabreichen könnte, als er vorgab, plagte mich.

Vielleicht war es der erste Schritt in die richtige Richtung, wenn ich mich dieser Angst stellen würde. Ich seufzte einmal und schluckte die Tablette runter. Kurz darauf überkam mich das Gefühl, als hätte ich ein Gift zu mir genommen und es war zu spät etwas daran zu ändern. Mir wurde heiß und ich fing das schwitzen an.

Ich versuchte mich zu beruhigen, Ezra würde sowas niemals machen, es war nur ein normales Schmerzmittel, nichts weiter.

„Und nimmst du eine?" fragte Ezra mich und ich drehte mich leicht erschrocken zu ihm um. „Hab ich schon." seufzte ich. Er streichelte mir über den Kopf. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich aufgeschmissen, dachte ich mir.

Später kam Bruno vorbei, ich fragte mich wo er die ganze Zeit gewesen war. Ob er mich hätte retten können, wusste er zu dem Zeitpunkt überhaupt was mit mir passiert war?

„Das einzige was dein Körper jetzt braucht ist ganz viel Ruhe, du wirst keine körperlich bleibenden Schäden davon tragen. Kümmere dich um das was da oben vorgeht." sagte er und stupste mir gegen die Stirn.

Ich nickte „Ich weiß noch nicht wie ich das anstellen soll. Ich meine, wie erholt man sich von sowas?" fragte ich ihn. Irgendwie fühlte ich mich bei Bruno immer wohl. Er wirkte einfach wie ein alter, fröhlicher und weiser Mann, der immer ein offenes Ohr für einen hatte und sich gerne kümmerte.

„Versuch dich erstmal ein bisschen abzulenken. Das braucht seine Zeit und wenn es dir zu viel wird, dann rede mit Ezra darüber, erzähl ihm alles was in deinem Kopf vorgeht. Es muss raus, friss es nicht in dich rein." erklärte er mir und ich nickte.

„Danke." sagte ich und er lächelte mich an. Später wünschte er mir noch alles Gute und ging dann.

„Ezra, du bist doch vertraut mit dem was sie mir angetan haben, richtig?" die Frage brannte mir schon die ganze Zeit auf der Zunge und ich traute mich endlich es anzusprechen.

„Ja, schon." sagte er, man merkte, dass es ihm unangenehm war. „Hast du das auch mal gemacht." „Hm, vor vielen Jahren mal, ja. Aber das ist nicht mehr mein Aufgabenbereich." „Das ist irgendwie ein komisches Gefühl." sagte ich und guckte auf den Boden.

Indirekt unterstützte er diese Gewaltverbrechen und eigentlich hätte ich das von Anfang an wissen müssen, aber irgendwie konnte ich darüber hinwegsehen. Bis es mir selber passiert ist.

„Ist es Vincent auch so ergangen, wie mir?" „Nein, ich hab das Beste für ihn rausgeholt, er ist ja auch schon längst wieder auf freiem Fuß." erklärte er mir. Es beruhigte und beunruhigte mich zu gleich.

„Hör zu, das was passiert ist, das ist nicht der Standard den ich kenne, ich bin selber sehr verwirrt, das ganze war so nie abgemacht." „Was war denn abgemacht?" fragte ich ihn. Er hatte schonmal sowas gesagt, aber er war nie mehr darauf eingegangen.

Ezra seufzte „Ich musste mit meiner Chefin einen Plan ausmachen, wie wir vorgehen, falls du mich verraten solltest. Das ist so eine Regel bei uns, da komme ich nicht drumrum. Der Deal war, dass ich mich dann um dich kümmern soll oder entscheiden soll, wie wir vorgehen. Sie hat mir aber versprechen müssen, dass sie nicht auf eigene Faust handeln wird. Auch wenn ich verhaftet werden würde, sollten sie dich nur bei sich behalten, bis ich mich darum selbst kümmern kann. Ich hätte mir in eine Millionen Jahren nicht vorstellen können, dass sie so weit geht." erklärte er mir ruhig und langsam, während er versuchte gefasst zu bleiben.

Ich überlegte eine Weile. Es war erschreckend sowas zu hören, da mir nie der Gedanke kam Ezra zu hintergehen, hatte ich mich auch nie damit auseinandergesetzt was passieren könnte. Jetzt wusste ich es.

„Ich weiß wirklich nicht, wie ich das wieder gutmachen kann. Das ist alles so unglaublich aus dem Ruder gelaufen. Ich meine sie haben dich gefoltert, das ist krank. Es tut mir leid, dass ich so egoistisch war und dich in all das mit reingezogen habe.... Du sollst wissen, dass du jeder Zeit gehen kannst... ohne Konsequenzen." Ezra starrte an die Wand.

Ich überlegte eine Weile. Ich könnte gehen, um mich selbst zu schützen. Ich wollte sowas nie wieder erleben. Ezra verstand, dass ich Angst vor seiner Organisation hatte und das schloß ihn nun mal mit ein.

„Ich kann nicht aus der Organisation zurücktreten, falls du darüber mal nachgedacht haben solltest. Sie würden mich töten." erklärte er mir, ich nickte.

Tatsächlich habe ich manchmal darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Ezra nicht für sie arbeiten würde.

„Wir machen es uns auch echt schwer, oder?" lachte ich ein wenig verzweifelt. „Warum?" „Naja ich von der Polizei, du ein gesuchter Krimineller und ich bringe noch meine Probleme mit. Es war klar, dass das nicht leicht werden würde und genau deswegen möchte ich uns auch nicht aufgeben. Wir kommen aus unterschiedlichen Welten und haben trotzdem irgendwie zueinander gefunden. Das Glück will ich mir nicht nehmen lassen." wir hatten es uns so ausgesucht, es gab kein zurück mehr, für beide von uns nicht.

„Ich will einfach, dass du endlich das Leben leben kannst, was du verdient hast, aber ich hab das Gefühl ich mache es nur schlimmer." Ezra seufzte. Seine starke und selbstbewusste Seite war verschwunden und das aller erste Mal sprach auch er seine Zweifel und Unsicherheiten ehrlich aus.

„Bevor das alles passiert ist war ich sehr glücklich." „Das war ich auch, ja. Ich werde alles dafür tun, dass wir da wieder hinkommen und noch weiter." „Ich kann mir nur noch nicht vorstellen, wie ich mich wieder mit deiner Arbeit anfreunden kann." beichtete ich ihm.

Bruno hatte gesagt, dass ich ehrlich sein sollte und ich denke, dass das genau das richtige war, für beide von uns.

„Ich möchte nicht, dass du ihnen das verzeihst." sagte Ezra und ich nickte. Es tat gut jemanden zu haben, der einem zeigte, dass seine Gefühle nicht verkehrt waren.

„Das Geschehene kann zwar nicht wieder gut gemacht werden, aber ich werde dafür sorgen, dass meine Chefin ordentlich zahlen wird." sagte er, sein Gesicht spannte sich an.

Man könnte förmlich sehen, wie es in ihm kochte, wie verzweifelt er war und wie sehr ihn diese Gefühle überforderten. Ich selber merkte, wie jedes Mal, wenn Ezra seine Chefin erwähnte, mindestens eine der vielen Erinnerungen hoch kam.

Mit Ezra zu reden half mir aber diese Bilder nicht zu sehr an mich ranzulassen. Zumindest so gut es ging, das ganze war schließlich noch alles andere als lange her.

Ezra nahm mich in den Arm. „Du siehst erschöpft aus, lass uns was schönes zusammen machen und morgen weiter darüber reden." schlug er mir vor und ich stimmte zu.

Wir waren in seinem Bett, Ezra hatte ruhige Musik angemacht und er kraulte meinen nackten Oberkörper. Verdammt, das tat gut. Es war wirklich sehr entspannend und gleichzeitig genoss ich den Moment zwischen uns beiden so gut es ging.

Manchmal erzählte Ezra mir, wie dankbar er war mich bei ihm zu haben, wie sehr er mich liebte und erzählte von gemeinsamen Erinnerungen.

Ich hatte das Gefühl mich nochmal neu in Ezra zu verlieben, ich kannte diese Seite an ihm garnicht. Ich hätte ihm ewig zu hören können. Seine sanfte Stimme beruhigte mich und seine zarten Berührungen ließen mich mit der Matratze verschmelzen.

Ein Leben ohne Gesetze (BoyxBoy)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt