Wie von der Tarantel gestochen drehe ich mich um.
Im Eingang des Zeltes stehen zwei Männer. Ivan und ein älterer Herr in seinen Fünfzigern. Der Mann, der offenbar der Boss von alledem ist, hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sieht mich abschätzend an.
Zwei Meter hinter ihm steht Ivan. Er sieht mich einen Augenblick leicht besorgt an, dann schweift sein Blick zu Nastya und führt eine stille Konversation mit ihr.
Ich ignoriere ihn und lege meinen Fokus auf den Obermann vor mir.
„Kann ich ihnen behilflich sein, Sir?", frage ich vorsichtig.
„Du wirst noch sehr vielen Menschen behilflich sein, Moreau.", sagt er mit gefährlich ruhiger Stimme. Er spuckt meinen Nachnamen aus, als wäre er eine Art Seuche und betrachtet mich mit einem Blick als wäre ich der Erreger höchst persönlich. „Hände hoch und mit dem Gesicht zur Zeltwand stellen. Jetzt."
Sein Ton lässt keine platz für irgendwelche Spielchen, und da mir irgendetwas in meinem Unterbewusstsein sagt, dass ich es Konsequenzen gibt, die ich lieber nicht erfahren würde, tue ich was er von mir verlangt.
„Leutnant Mironow. Die Handschellen.", ertönt es in scharfen Ton an meiner Seite, allerdings wage ich es nicht den Kopf zu wenden und Ivan anzusehen der, dem leisen klirren zufolge, ziemlich wahrscheinlich gerade Handschellen hervorholt.
Seine Hände sind überraschen sanft, als er meine Arme hinter meinem Rücken kreuzt und die Handschellen um meine Handgelenke schließt. Als er mir die Handschellen angelegt hat umschließt er meinen Oberarm mit seiner Hand und zieht mich mit sich, raus aus dem Zelt und in die Menschenmassen.
Im vorbeigehen werfe ich Nastya einen hilfesuchenden Blick zu, was eigentlich nutzlos ist, denn was sollte sie schon gegen ihren Bruder und dem Oberbefehlshaber ausrichten können.
Mein Gesicht beginnt vor Scham zu glühen als ich durch die Menschenmasse geschleift werde und mich so ziemlich alle anwesenden anstarren. Eine schmale Gasse bildet sich als wir uns einen Weg durch die Menge bahnen. Eltern schieben Kinder hinter sich, um sie vor meinem Anblick zu verbergen. Soldaten richten ihre Waffen auf mich als ich an ihnen vorbeikomme.
Menschen deuten mit dem Finger auf mich als wäre ich ein seltenes Tier im Käfig. Ich hasse es. Ich hasse es. Ich hasse es, und dabei weiß ich nicht einmal was ich verbrochen habe. Als ich vor lauter Scham meinen Blick senke, fallen meine Haare wie einen Vorhang um mein Gesicht, für den ich gerade mehr als dankbar bin.
Als wir das Ende des Zeltlagers erreichen, erwartet uns eine Gruppe von sieben Soldaten. Mit auf mich gerichteten Waffen umkreist uns die Gruppe, und folgt uns vorbei am Helikopter-Landeplatz, hin zu einem Gebäude, das Ähnlichkeit mit einer Lagerhalle hat.
Als ich einen kurzen Blick über meine Schulter zurückwerfe, erkenne ich, dass sich eine kleine Menschentraube am Rande des Überfüllten Zeltlagers gebildet hat.
Sofort sehe ich wieder nach vorne und starre den Rücken des Oberbefehlshabers an. Ich werfe Ivan einen Blick von der Seite zu, doch er ignoriert mich vollkommen. Aber warum sollte er mich auch beachten? Ich bin nicht blöd. Es ist wahrscheinlich seine schuld, dass all das passiert.
Seine Schwester hat gesagt das er bei der Berichterstattung länger gebraucht hat, und dass ich, wenn die Vorgesetzten von mir erfahren, so gut wie tot bin. Laut ihr sollte ich auch irgendetwas wichtiges über meinen Vater wissen.
Dabei habe ich ihn noch nicht einmal gesehen geschweigenden mit ihm gesprochen. Alles was ich über ihn weiß, ist, dass er ein verrückter Typ ist, der mich irgendwann mal gekidnappt hat, und dass ich anscheinend so aussehe wie er, was dem Obermann nach scheinbar eine Beleidigung ist.
Wie auch immer, Ivan schleift mich weitert hinter sich und dem Obermann her zu einer Metalltür die in das Gebäude führt. Vor der Tür stehen zwei Soldaten, die nach einem Salut die Tür öffnen und den Weg nach drinnen freigeben.
Als ich meinen Blick herumwandern lasse, sehe ich nur Beton. Beton über Beton über Beton. Und eine Metallene Falltür am Ende des Ganges. Ich seufze leise. Dank des Labors im Wald, habe ich schlechte Erfahrungen mit dem Untergrund. Als die kleine Gruppe zum Stehen kommt um die Falltür zu öffnen, schließe ich meine Augen kurz um mich mental auf das unausweichliche vorzubereiten.
Als ich ein quietschen vernehme und ein leichtes ziehen an meinem Oberarm spüre, öffne ich meine Augen wieder und blicke Ivan an. Auch wenn er mich nicht ansieht kann ich etwas Mitgefühl oder so etwas in der Art in seinen Augen sehen und in seinem vorsichtigen Griff spüren. Falls er zu solchen Gefühlen imstande ist, und ich mir das alles nicht nur einbilde um mich ein bisschen besser zu fühlen.
Eine Sekunde lang beäuge ich das Loch im Boden bevor ich vorsichtig die steilen Stufen hinter dem Obermann hinabsteige.
Ivan geht hinter mir und hält mich vorsichtig an den Oberarmen fest. Warum auch immer. Vielleicht um mir mehr Sicherheit zu geben. Vielleicht aber auch weil er es einfach muss, auch wenn das seinen vorsichtigen Griff nicht erklärt.
Trotz seiner Vorsicht spannen sich krampfartig alle Muskeln in meinen Schultern und Armen an und ich zittere unwillkürlich.
Als ich mich im schwach beleuchteten Raum umsehe erkenne ich wieder nur Beton und Metall.
Metallkäfige. Um genauer zu sein.
Da tauch Ivan wieder neben mir auf und zieht mich mit sich hinter dem Oberbefehlshaber her, der ohne zu warten auf eine weitere Metalltür zu marschiert.
Nachdem unsere kleine Gruppe auch diese Tür passiert hat, und ich sehe was in den Käfigen eigentlich festgehalten wird, bleibt mir glatt der Atem weg.______________________________________________________________
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Maze of Memories | Prove them wrong
HorrorIn einem Hochsicherheitslabor, das von Wahnsinn und Verzweiflung geprägt ist, wird Victoria Moreau von den grausamen Experimenten ihres Vaters, eines besessenen Wissenschaftlers, gefangen gehalten. Die Patienten, darunter auch ihre eigene Mutter, di...