Kapitel 51 - Die Gefahr ist mein Reiz

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Kapitel 51 - Die Gefahr ist mein Reiz

Faith's POV:

Auf seine Frage musste ich nicht lange nach einer Antwort suchen. Für mich stand fest, dass ich ihn wollte. Es waren alles Risikos, alles Illusionen und alles die Vergangenheit, die uns bis jetzt zusammengeführt oder getrennt hatten. Es spielten viele Faktoren eine Rolle, jedoch musste man am Ende des Tages das Gesamtpaket betrachten. Ich wollte ihn, ich liebte ihn. "Ich habe eben vorschnell gehandelt.", erklärte ich und zuckte die Achseln. "Ich will nicht Schluss machen, ich liebe dich.", meine Stimme klang kleinlaut, überhaupt nicht selbstbewusst und ich schloss die Augen. Mir war es peinlich. Dieser unnötiger Ausraster meinerseits hätte einfach nicht sein müssen und all die Harmonie zwischen uns wurde auf Grund meiner dämlichen Selbstzweifel zerstört. Es war aber, zugegebener Weise, auch nicht gerade einfach, die Freundin von ihm zu sein, wenn seine Ex ein wunderschöner Schwan war und ich nur ein hässliches Entlein. Justin schien das anders zu sehen und erstaunlicherweise glaubte ich seinen Worten. Es war mir ein Rätzel und unbeantwortbar, was er an mir fand. Kira und ich waren totale Gegensätze, weshalb ich seine Definition von schön nicht verstand. Wenn er sie so sehr liebte, wie konnte er mindestens genauso dolle das komplette Gegenpol lieben?  All die Liebe, die er auf Kira kompensiert hatte, übertrug er auf mich und erzählte es mir, als sei es selbstverständlich jemanden wie mich zu lieben, ein Victim zu lieben. Vielleicht sah ich die ganze Sache auch einfach aus einem falschen Blickwinkel. Vielleicht war ich gar nicht so schlecht, wie ich mich machte. Vielleicht sah ich mich selber nur so, weil ich so erzogen worden war. Man hatte mir nie wirklich Liebe geschenkt und mir immer wieder eingetrimmt, wie schlecht und hoffnungslos ich doch war. Welch ein Fehler und was für eine Verschwendung es war, mir Leben zu schenken. Was für eine Vergeudung ich doch war. Auch meine Tante, bei der ich eine kurze Zeit gewohnt hatte nachdem meine Eltern in  eine Zwangstherapie mussten, hatte kein wirkliches Interesse an mir. Niemand aus meinem Verwandtenkreis wollte mit der Schattenseite des Familienstammbaumes zu tun haben, den Alkoholikern, geschweige denn dem Kind von diesen. Meine Tante war gezwungen mich aufzunehmen, ergötzte sich jedoch nur an dem Kindergeld für mich, von dem ich nie etwas gesehen hatte. Für sie war ich keine lästige Pflicht, für sie existierte ich einfach gar nicht. Nur das Geld.

"Faith, das macht mich so-", Justin stockte und seine karamellbraunen Augen leuchteten vor Freude. Instinktiv musste ich lächeln und schniefte. "Verzeihst du mir mein Ertragen?", fragte ich ruhig und biss mir auf die Innenseite meiner Wange. Justin schüttelte den Kopf und lachte, als ob ich ihn etwas Dummes gefragt hätte. "Was für ein Ertragen? Es war wichtig darüber zu sprechen. Du musst lernen, über das zu sprechen, was dich belastet und beschäftigt." Mich belustigte seine Sprache ein wenig. "Ja, Doktor Bieber, sie haben Recht.", witzelte ich und Justin kniff mir neckend in die Wange. Es war fast wie einige Minuten zuvor, die Stimmung war wieder in Ordnung und die dicke Luft verschwand. Wahnsinn, wie schnell sich die Atmosphäre ändern konnte zwischen uns. "Aber du auch, Justin!", warf ich ein, als mir einfiel, dass er genauso wenig über Dinge sprach wie ich. "Ich nehme es mir zu Herzen, Psychologin Faith.", ging er auf mein Spiel von eben ein und wir lachten ein weiteres Mal. "Nein im Ernst, wir müssen und Beide an die Nase packen.", schlussfolgerte er und ich nickte schlaff. Die Stille übermahnte uns und wir starrten einander an. Es war eine angenehme Stille, es war ruhig und schön. Ich könnte ihn Stunden einfach nur ansehen. Seine Gesichtszüge analysieren, die Farbe seiner Augen betrachten und dabei lächeln, wie ein kleines Kind was zum neuten Geburtstag ein Pony geschenkt bekam. Ich liebte ihn. Vor Kurzem hatte ich keine Ahnung,wie ich Liebe oder Freundschaft definieren sollte, unterscheiden sollte. Ich war so unerfahren, bin es noch immer. Allerdings war ich jetzt der festen Überzeugung, dass ein Mensch genau das tun musste, was ich gerade tat. Erfahrungen sammeln, seine eigene Definition aufstellen und jetzt war ich mir einfach nur noch sicher, dass ich wusste, wie sehr ich diesen verkorksten Mann neben mir auf dem Bett liebte. Ehe ich mich versah stürzte ich mich auf ihn. Überrumpelt nahm er mich in die Arme und ich griff nach seinem Gesicht, um es näher zu mir herüber zu ziehen. Gierig presste ich meine Lippen auf seinen vollen, schönen Mund und Justin erwiederte meinen Kuss. Er umschlang meine Taille, löste unsere Umarmung nicht und küsste mich in derselben Intensität, wie ich ihn. Die Schmetterlinge in meinem Bauch setzten sich in Bewegung und ich würde den Teufel tun, ihn zu verlassen. Dafür brauchte ich das viel zu sehr, ihn viel zu sehr. Auch wenn ich nicht fertig war, mich nicht von ihm lösen wollte, tat er es. "Wir wollten es langsam angehen, Faith.", kicherte er und ich errötete. "Was hast du morgen vor?", versuchte ich das Thema sofort zu wechseln und schaute ihn wachsam an. "Morgen ist für dich also langsam genug?", er zog eine Braue hoch. "Nein!", ich schlug ihm gegen die Brust. "Wir könnten...", ich überlegte:"auf ein Date gehen oder so. Ich hatte das noch nie.", erklärte ich und wollte somit anfangen, unsere Beziehung auf ein normales Level zu bringen. So, wie Beziehungen eben unter normalen Vorstellungen abliefen. "Ich bin im Musiksaal, probe für das Musikkonzert von mr.Dale. Aber abends können wir gerne etwas tun, wenn du magst.", ihm schien die Idee zu gefallen. "Wow, ich finde das so fantastisch, dass du daran teilnimmst.", bemerkte ich, jetzt, wo ich die Hintergründe von der ganzen Sache wusste. "Heute habe ich Mr. Dale getroffen, er hat uns für unser Schwänzen heute entschuldigt. Er meinte auch, dass ich immer einen Menschen als Anspurn habe, den ich liebe. Ich denke, er hat recht.", verschmitzt grinste er und küsste meinen Kopf. "Das mit unserem Date morgen, geht übrigens klar, ich lasse mir da was einfallen. Es wird auch mein erstes Date sein.", er grinste aufgeregt. Seine Worte irritierten mich, aber ich ließ sie unkommentiert. Justin hob meinen Arm an und küsste meine Handflächen. Sein Blick ruhte auf meiner Hand und wanderte meinen Arm entlang. Eine seiner Brauen hob sich und fragend deutete er auf die blauen Flecken und den frischen Einstich von Tracys Haarnadel. "Was ist das?", er klang resigniert und mir stockte der Atem. Ich hatte nicht mehr darüber nachgedacht, ihm schien es auch nicht aufgefallen zu sein. Weder mochte ich ihm von meinem Beinahe-Rückfall berichten, noch von Codys hartem Griff an meinem Arm, als er mich angefasst hatte. Ein kalter Schauer lief mir bei dem Gedanken den Rücken hinunter. "Nichts.", log ich, aber er gab sich damit wie erwartet nicht zufrieden. "Das sieht aber nicht aus wie nichts.", seine ruhige, monotone, sanfte Stimme machte mich ganz kirre. Ich hatte einen leichten Ausraster erwartet, aber nicht eine so sanfte Rede. Dieses fürsorgliche Verhalten machte mich unsicher und ich biss mir auf die Lippe. Er hob mein Kinn an und sah mich ernst an:"Erzähl es mir." Fieberhaft suchte ich nach einer Ausrede, schloss die Augen und log:"Alte Narben sind aufgeplatzt, da entsteht sowas." Er schien damit nicht zufrieden zu sein, aber die Tür flog rettenderweise auf, als er gerade etwas sagen wollte.

Tracy's POV: 

Natürlich musste ich nicht auf die Toilette. Minutenlang war ich den Gang auf- und ab gelaufen. Ehe ich mich versah, stand ich vor Codys Zimmer. Sie war verschlossen, er war nicht da. Eifersucht hatte mich gepackt und mit Tränen in den Augen stand ich einfach nur davor und kaute auf meiner Unterlippe. Irgendwann kam dann der Zeitpunkt an dem ich mich elendig gefühlt hatte und wütend gegen die Tür trat bis ich schließlich wieder vor meine Zimmertür trat. Ich konnte Faith weinen hören und obwohl es sich nicht gehörte, lauschte ich Justins und Faiths Worten. Justin überraschte mich, schien Faith wirklich zu lieben. Er klang völlig aufgelöst. Wie konnte er nach Kira wieder lieben? Selbst ich hing noch in den Fäden der Vergangenheit. Kira hatte mich wie eine Spinne um ihr Netzt gehüllt, mich gefangen gehalten. Ich löste mich langsam, bevor sich mich fressen konnte, aber Justin und Cody waren verloren. Deshalb wunderte mich das Ganze. Ich bekam mit, wie Justin sich über Faiths Arm aufregte und in dem Moment sah ich es für angebracht, ihr zu helfen. Mit einem Schwung öffnete ich die Tür und lächelte falsch. Justin hasste mich. Zu schade, dass ich ihn nicht hasste. Ich bemitleidete ihn. "Mahn, da war ein Stau auf der Toilette.", beschwerte ich mich und stemmte die Hände gegen die Hüften. "Um ein Uhr mitternachts?", Justin sah mich unglaubwürdig an. Ertappt wedelte ich mit der Hand:"Wie auch immer, ich würde jetzt gerne schlafen, also verpiss dich." Als er Faith zum Abschied sachte küsste, drehte ich mich weg und legte mich hin. Als er sich an die Tür zuwandte, protestierte ich:" Was? Keinen Kuss für mich?", es sollte die Stimmung lockern, schließlich waren wir mal Freunde. Stattdessen erntete ich aber einen grimmigen Blick und er schloss die Tür. Ich seufzte. "Danke.", murmelte Faith schüchtern vom Bett. "Gern, ich hab es bis auf den Flur gehört. War nicht zu überhören, so laut wart ihr.", sie antwortete darauf nicht. Nach einigen Minuten der Stille, hörte ich ein leises:" Tracy?" "Hmmh?", ich war wirklich müde. "Wir müssen dafür sorgen, dass Justin niemals erfährt, was Cody getan hat. Es ist das, was Cody will. Er will ihn fertigmachen. Es ging nicht darum mir weh zu tun, das habe ich erkannt, als Justin mich anschaute, nachdem er die blauen Flecken sah. Er war ruhig, aber seine Augen mit Schmerz gefüllt. Wenn Justin rausbekommt, dass das Cody war, wäre das noch ein viel härterer Schlag. Das dürfen wir nicht zulassen." Ich nickte wissend. Am Anfang wollte Cody Faith leiden sehen, aber je näher Justin ihr kam, desto mehr wurde Faith eine Waffe gegen Justin. Desto angreifbarer wurde Justin, der schon immer so angreifbar gewesen war, trotz seiner Stärke. "Ich werde mit Cody reden.", erklärte ich fachmännisch. "Nein,das ist gefährlich.", ihre Sorge ließ mich grinsen: "Faith, die Gefahr ist mein Reiz."

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Hey, lasst mich doch bitte mal so wissen, was ihr von der Story noch erwartet, also eure "Must-haves" =). Liebe Grüße und schöne Ferien, falls ihr schon welche habt! =)

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