Kapitel 20: Nur Freunde, oder mehr?

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Schockiert saß ich im Geschichts-Unterricht. Momentan behandelten wir das Thema des ersten Weltkriegs und unser Lehrer hatte die 'super' Idee, uns eine Dokumentation über die damaligen Umstände zu zeigen. Normalerweise konnte es für eine Horde Schüler nichts Schöneres geben, als einen Film zu gucken. Na gut, Freistunden mal ausgenommen. Aber ein Film, in dem es schon fast hauptsächlich um das töten von Menschen auf grausamste Art und Weise ging, konnte die Freude auf Filme ungemein gut bremsen. Alex, Abby, Vincent, Osca und ich hatten uns zusammen an einen Ort gequetscht, um heimlich einige Stellen zu kommentieren und mit den anderen zu flüstern.  

"Auh... Scheiße...", nuschelte ich, nachdem ein Soldat auf eine Tretmine gelaufen war. Vincent nickte nur. "Und das war erst der erste Weltkrieg.", flüsterte er mir zu. Auch die Anderen sahen nicht sehr begeistert aus. "Ist das eigentlich pädagogisch wertvoll?", fragte Abby uns leise. Ich schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht. Hat der Film überhaut eine vernünftige Altersbeschränkung?" Osca angelte sich vorsichtig die DVD Hülle. "FSK ab 16." Erneut ging in dem Film eine Bombe hoch. "Ich war zwar ein Verfechter des Mottos 'in der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt', aber ich glaube ich suche mir ein neues...", kam es erneut von Vincent. Ich drehte mich bereits die ganze Zeit weg, wenn jemand abgeschossen, oder auf andere Art getötet wurde. "Hat Herr Ulbrich überhaut eine Doku zum zweiten Weltkrieg?", fragte ich leise in der Hoffnung, falsch zu liegen. Leider schüttelte Alex den Kopf. "Der hat über alles mindestens eine Doku. Wenn es welche über Fusseln gäbe, hätte er auch die." Leise kicherten wir vor uns hin, was bei den sterbenden Menschen vor uns total fehl am Platz wirkte. "Hör auf uns zum Lachen zu bringen! Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt!", sagte Vincent und schlug Alex gegen die Schulter. "Schon gut, schon gut!", kicherte er leise. Eine Weile lang schwiegen wir wieder und sahen uns die Doku unfreiwillig weiter an.

Etwa Zehn Minuten später wurden jedoch die ersten Spürhunde gezeigt, welche nach Minen suchen sollten. Gerade näherte sich einer der Hunde unvorsichtig einer Tretmine. Ich schloss die Augen und krallte mir Vincents linken Arm. "Sag mir bitte das er nicht stirbt...!", nuschelte ich in seine Schulter, hörte jedoch wenige Sekunden später das Hochgehen der Bombe. "Das hätte ich dir gerne gesagt.", meine der Rothaarige und schluckte. "Ich glaube ich werde doch noch Vegetarier.", nuschelte Alex. Danach klingelte es endlich zur kleinen Pause und der Film wurde pausiert. "Ist es vorbei?", fragte ich hoffnungsvoll. Vincent lachte. "Für die nächsten fünf Minuten, ja. Wir haben immerhin 'ne Doppelstunde." Geknickt ließ ich meinen Kopf wieder auf seine Schulter sinken, was ihn wiederum zum kichern brachte, woraufhin er seinen Arm um mich legte. "Ach, Lia. Ich mag dich.", sagte er lächelnd und sah mir in die Augen. Fröhlich lächelte ich zurück. "Ich mag dich auch.", grinste ich und lehnte mich wieder auf seine Schulter. Bei ihm würde ich den Rest des Filmes hoffentlich überstehen...

~

Am späten Nachmittag des selben Tages, hatte ich noch mit Flo einen Termin bei einem anderen Psychologen, welcher ein Urteil über meinen jetzigen Geisteszustand geben sollte und quasi Flos 'Arbeit' begutachtete. Wenn man es so nennen wollte. Ich konnte es schon fast nicht richtig glauben, dass er nur noch eine Woche bei uns sein würde. Es kam mir noch gar nicht so lange vor. Aber er würde ja nicht für immer weg sein. Immerhin wohnten wir in der selben, riesigen Stadt. Zudem hatten er und einige seiner Freunde und Kollegen mir angeboten, bei 301+ einzusteigen. Doch das wollte ich mir noch einmal gründlich überlegen. Außerdem musste ich dafür sowieso noch Tanja und Tobias fragen, weil ich noch nicht volljährig war. Die würden aber erst morgen wiederkommen. 

Wie dem auch sei. Ich und der Braunäugige hatten gerade in dem Raum des Herrn Dr. Rücker platz genommen und ihm die Hand zur Begrüßung geschüttelt. "So, Lia...", begann der Psychologe, "Ich habe mir den Bericht über Sie bereits durchgelesen doch würde Sie bitten, mir nochmal zu erzählen, was genau passiert ist." Ich nickte und versuchte meine Contenance zu bewahren. "Also, meine beiden kleinen Schwestern, Kim und Katharina, und meine Eltern hatten vor etwa drei Monaten einen Autounfall, bei dem sie... bei dem sie ums Leben kamen.", begann ich zu erzählen. "Nichtmal zwei Wochen später bin ich dann hier her zu einer Bekannten nach Berlin gezogen, weil sie sich dazu bereit erklärt hatte, sich um mich zu kümmern." Ich machte eine kleine Pause, was Dr. Rücker die Gelegenheit gab, ein paar Fragen zu stellen. "Wie haben Sie sich da gefühlt, wissen Sie es noch?" Ich nickte. "Genau genommen, habe ich mich einfach nur furchtbar gefühlt. Ich fühlte mich allein gelassen und sowas." Mein Gegenüber nickte. "Ich... hatte absolut keine Lust irgendwem unter die Augen zu treten und alles. Jedenfalls fand ich dadurch auch vorerst keinen richtigen Anschluss. Dann, na ja, ist Florian für die letzten zwei Monate mein psychologischer Betreuer gewesen." Der Doktor notierte sich alles auf dem Zettel auf seinem Klemmbrett. "Und... Wie sieht es inzwischen aus? Haben Sie Anhang gefunden?" Ich nickte lächelnd. "Ja, allerdings. Ich habe mich auch schon ganz gut hier eingewöhnt und komme gut auf meiner neuen Schule zurecht." Der Doktor lächelte zufrieden. "Das ist sehr gut, Lia. Und wie fühlen Sie sich? Sind Sie noch traurig wegen des Unfalls?" Mit einem Schulterzucken seufzte ich. "Ja, natürlich bin ich noch traurig. Wie könnte ich es denn nicht sein? Aber ich komme inzwischen besser mit... mit meinem Verlust klar." Kurz sah ich zu Flo neben mir, welcher noch kein Wort gesagt hatte. "Ich habe inzwischen neue Freunde, die mich unterstützen. Auch meine... Eltern, Tanja und Tobias, welche sich gut um mich kümmern. Ich fühl mich auch schon wieder besser."

Die Unterhaltung mit Dr. Rücker zog sich noch eine Weile hin. Zudem stellte er auch Flo noch einige Fragen über den Verlauf meiner 'Genesung', bis wir endlich nach Hause konnten.

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Ja, ich weiß. So sieht bestimmt keine richtige Unterhaltung mit einem Psychologen aus, aber ich hatte bisher auch noch nie eine Sprechstunde. Außerdem stand in den weiten des Internets nur, was so die ersten Sprechstunden passiert und das der Herr Doktor erstmal das Vertrauen des Patienten erlangen muss... Aber das ist jetzt auch nur Nebensache. Ich wollte euch nur fragen, wie ihr unser kleines Shipping Paar Lia und Vincent (#TeamLincent) findet? XD Aber wie dem auch sei... Bis nächste Woche!!

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