Kapitel 7

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  Während ich noch mit meinem Prinzen durch die Welt reite und mich meines Lebens erfreue,werde ich an der Schulter gerüttelt. Verschlafen öffne ich die Augen. Muss das sein? Es war gerade so schön.„Tori, steh auf", sagt Henry zu mir. Er ist bereits angezogen und sieht im Gegensatz zu mir ordentlich aus. Ich quäle mich aus seinem unglaublich bequemen Bett und muss erstmal in die Realität zurück finden.„Willst du duschen?", fragt mich Henry. Sieht er denn nicht, dass ich überhaupt noch nicht da bin?„Ja, ich gehe gleich. Gib mir nur einen Moment, ja?", bitte ich ihn. Ich sehe mich um. Wir sind im Hotel, in seiner Suite und er sieht mich gerade belustigt an.„Du bist ganz schön fertig. Hast du gut geschlafen?"„Ja, dein Bett ist der Wahnsinn. So eines hätte ich auch gern", erwidere ich und raffe mich dazu auf, ins Bad zu gehen. Hätte ich das bloß schon mal eher gemacht:Das Bad hat fast dieselbe Größe wie die Suite. Alles ist aus Marmor und es gibt eine Badewanne in den Ausmaßen eines kleinen Pools. Die Dusche ist zwar klein, aber sie bietet sogar Seitenstrahler, die meinen Körper während des Duschens massieren. Das muss ich ausprobieren. In Ermangelung von weiblichem Shampoo oder Duschbad, borge ich mir das von Henry. Es riecht gut und ich schäume mich kräftig ein. Die Seitenstrahler haben den gewünschten Effekt und als ich aus der Dusche aussteige, bin ich putzmunter... und ohne Handtuch.Ich renne über die kalten Fliesen zu einem Schrank, aber dort sind keine Handtücher drin,nicht mal Bademäntel. Mir wird langsam kalt und ich durchforste jedes Schubfach nach einem Handtuch.Dabei bemerke ich nicht, wie die Tür aufgeht und zucke erschrocken zusammen, als ich Henrys Stimme höre.„Das Handtuch hängt neben der Dusche, Tori", sagt er und ich drehe mich nicht um, damit ernicht alles von meinem nackten Körper sieht.Neben der Dusche hätte ich natürlich gleich als nächstes nachgesehen, aber das kann Henry ja nicht wissen. Ich wickele mich also in das Handtuch ein und suche nun nach dem Fön. Mit nassen Haaren kann ich ihm nicht gegenüber treten.Nachdem meine Haare trocken und voluminös sind, ziehe ich meine Kleidung an. Meine Hose starrt vor Dreck, aber in Berlin werde ich deswegen nicht sehr auffallen. Hier laufen alle merkwürdig rum. Die Schürfwunden an meinen Händen haben inzwischen einen Grind drauf,aber es tut trotzdem weh, wenn ich meine Hände bewege. Einen Moment stehe ich nur da und sehe in den Spiegel. Was gestern Abend passiert ist, will ich noch immer nicht glauben. Das ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht geschehen und ich hoffe, dass es das einzige Mal bleiben wird. Die beiden Kerle hätten mich tatsächlich umbringen können. Dann wäre mein Leben zu Ende gewesen, ich hätte nie eine Familie gegründet und ein Haus gebaut. Hätte nie meine Enkel aufwachsen sehen. Oder die Welt bereist. Und das nur, weil jemand mein Geld brauchte. Ich schüttele diese traurigen Gedanken ab und verlasse das Bad. In der Suite wartet schon Henry auf mich – und das Frühstück.„Ich wusste nicht, was du magst, also habe ich einfach alles bestellt", sagt er lächelnd.„Ich habe großen Hunger, da esse ich alles", antworte ich und setze mich ihm gegenüber an den Tisch. Henry sieht mich ernst an.„Wie geht es dir?", fragt er besorgt. Ich finde es ja süß, wie er sich um mich kümmert, aber im Moment möchte ich eigentlich nicht darüber reden, sondern frühstücken. Mit einem vollen Magen lässt es sich besser denken.„Gut", sage ich daher knapp. Es geht mir ja auch gut. Ich habe gut geschlafen, gut geduscht und bekomme gutes Essen. Über alles andere können wir später reden.Henry versteht, dass ich darüber nicht weiter reden möchte und nimmt schweigend sein Frühstück zu sich. Ich tue mir von allen ein bisschen auf den Teller und wechsele von herzhaft zu süß und umgekehrt. Meine Essgewohnheiten sind komisch, aber wer noch nie Äpfel mit Ketchup gegessen hat, kann nicht mitreden.„Hast du gut auf dem Sofa geschlafen?", frage ich Henry.„Ja, es ist ziemlich bequem", meint er. Seine Augen leuchten, wenn er lächelt...Ich widme mich wieder dem Essen. Nachdem ich von allem etwas gegessen habe, bin ich satt und sehe Henry dabei zu, wie er Zeitung liest. Hier gibt es tatsächlich auch englischsprachige Zeitungen, denn er hält gerade die Times in der Hand und trinkt nebenbei Kaffee. Manchmal runzelt er die Stirn, wenn er über die Aussagen nachdenkt. Das ist so süß! Seine Haltung ist locker und entspannt und selbst im Anzug sieht er toll aus.„Wieso trägst du einen Anzug?", frage ich ihn, weil mir das eben aufgefallen ist.„Ich habe gleich noch eine Besprechung", sagt Henry. „ Aber du gehst vor."Davon fühle ich mich sehr geschmeichelt, trotzdem bin ich noch neugierig.„Wo trefft ihr euch denn?", will ich wissen. Henry faltet seine Zeitung zusammen und nippt an seinem Kaffee. Er will Zeit schinden zum Nachdenken.„Ich treffe mich mit dieser Geschäftsführerin in ihrem Büro. Das ist auch gar nicht so weit von dem Hotel entfernt, aber die Straße kann ich dir nicht sagen, die habe ich vergessen. Ich kann ja mal meinen Sekretär fragen..." Henry tippt etwas auf seinem Handy ein.„Du hast einen Sekretär?"„Klar. Du kennst ihn sogar, es ist Pete. Er übernimmt die Planung meiner Termine und weiß,wann ich wo welches Treffen habe. Ich selbst kann mir sowas nicht merken", sagt Henry.„Findest du es komisch, dass Pete mein Sekretär ist?"Ich nicke. „ Ja, denn er wirkt auf mich nicht so wie die Idealbesetzung für diesen Job. Mir erscheint er eher wie der Mann fürs Grobe, verstehst du?"„Eigentlich hat er auch als mein Sicherheitschef angefangen. Dann sind wir Freunde geworden und ich bot ihm an, mein Sekretär zu werden, weil er dann ständig an meiner Seite sein kann. Er darf als Einziger bei den ganzen Treffen mit dabei sein, mich bewachen und gleichzeitig mithören, was besprochen wird. Das ist unglaublich nützlich", erklärt er mir.„Dann vertraust du Pete also mehr als deinen anderen Freunden?"Auf diese Frage bleibt er mir die Antwort schuldig, denn ohne anzuklopfen kommen Andrej, Pete und Jake in die Suite. Super! Hätten die nicht noch einen Moment warten können? Henry und ich haben uns gerade so gut unterhalten.„Guten Morgen, Viktoria", grüßen sie mich und ich nicke ihnen freundlich zu. Ich mag sie ja,aber das Timing ist wirklich schlecht.„Was gibt's?", fragt Henry geschäftsmäßig. Ungeduldig trommeln seine Finger auf die Tischplatte, was ich eine schreckliche Angewohnheit finde, denn es macht mich nervös.„Wir müssten mit dir reden. Allein", sagt Jake und wirft mir einen entschuldigenden Blick zu.Ich habe schon verstanden. Da ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen kann, steige ich in den Fahrstuhl. Unten angekommen, setze ich mich auf einen Sessel im Foyer. Ich bin nicht allein,es leisten mir eine Menge Touristen Gesellschaft. An ihrem Schmuck und ihrer Kleidung erkenne ich, dass sie sich das Hotel wirklich leisten können. Ein bisschen neidisch sehe ich ihnen zu, wie sie sich gegenseitig ihre neuen teuren Kameras präsentieren. Deren Probleme möchte ich haben! Stattdessen sitze ich hier und frage mich, was Henry mit seinen Freunden zu besprechen hat. Ist es wegen mir? Gibt es einen familiären Notfall? Hat sich das Treffen mit der Geschäftsführerin verschoben?Mein Blick bleibt an einer Zeitung hängen, die vor mir auf dem Tisch liegt. Sie ist aktuellen Datums und hat eine fette Schlagzeile:Englischer Prinz zu Besuch in Deutschland!Heute trifft sich Angela Merkel mit Prinz Harry, der für ein Charity- Projekt in die Hauptstadt gekommen ist.Wie interessant. Dieser arme Prinz muss so tun, als würde ihn interessieren, was „Mutti" zu seinem Projekt zu sagen hat. Dann machen die hübsche Fotos, schütteln sich die Hand un dalles ist vergessen. Oma hat mir schon mal von diesem Prinzen erzählt. Er soll gern feiern und ist als „Dirty Harry" bekannt. Trotzdem soll er bei seinem Volk beliebt sein. Vielleicht freuen die sich bloß, dass er es nicht in den „Club 27" geschafft hat und immer noch lebt. Ist ja nicht so selbstverständlich bei Berühmtheiten.„Du kannst wieder hoch kommen", sagt Andrej hinter mir. Erschrocken springe ich auf und lasse die Zeitung fallen.„Tu das nie wieder", sage ich.Er grinst mich nur an und geht zum Fahrstuhl. „Was hast du da eben gelesen?"„Die BILD. Wieso?" Seine Frage verwundert mich. Ist das nicht egal, was ich lese?„Ich habe gesehen, dass der englische Prinz heute in die Stadt kommt. Da wird viel los auf den Straßen sein, wenn sie ihn sehen wollen", sagt er.„Das glaube ich nicht. Prinz hin oder her, aber die Leute werden ihm nicht hinterher rennen wie bei einem Superstar", erwidere ich Andrej sieht mich schief von der Seite an. „Ach so? Ich dachte ihr Deutschen mögt die Royals?"Ich zucke mit den Schultern. „Einige schon. Die meisten haben aber keine Ahnung, wer dass ein soll."Mit einem Bing öffnet sich die Fahrstuhltür und ich bin froh, Andrejs Fragen zu entkommen.Henry tigert im Raum auf und ab, als ich hereinkomme. Pete und Jake sitzen entspannt am Tisch und essen die Reste unseres Frühstücks.„Guten Appetit", wünsche ich ihnen und Henry bleibt endlich stehen.„Tori, wann geht dein Zug?", will er wissen.„In zwei Stunden ungefähr. Wieso?", frage ich zurück. Mir schwant Böses.„Diese Geschäftspartnerin will sich sofort mit mir treffen. Ihr ist etwas Wichtiges dazwischengekommen..."„Ja, bestimmt dieser Prinz, der heute noch kommen soll", sage ich.Henry wechselt einen besorgten Blick mit seinen Freunden. Offensichtlich hat er das bis jetzt nicht gewusst. Er hätte die BILD und nicht die Times lesen sollen.„Viktoria, ich muss dir was sagen...", setzt er an, aber ich unterbreche ihn mit erhobener Hand.„Schon gut, ich kann hier warten, bis mein Zug kommt. Kein Problem, geh du ruhig zu deinem Meeting", sage ich verständnisvoll. Ich bin da wirklich kein anspruchsvoller Gast.„Nein, das geht nicht. Sie kommt hierher!", sagt Henry. Entschuldigend sieht er mich an.„Du müsstest jetzt schon gehen."„Ist das dein Ernst? Kann ich nicht hier bleiben?", frage ich.„Tori, das geht leider wirklich nicht", sagt er verzweifelt. „Ich kann nichts dafür, das hat sich eben so ergeben. Du kannst da nicht dabei sein."Das ist mir auch klar.„Aber ich könnte doch im Hotel bleiben, so lange dauert die Besprechung bestimmt nicht",sage ich klinge fast schon flehend.„Nein, Viktoria!", sagt Henry laut und bestimmt. So hat er noch nie mit mir gesprochen.Wütend schnappe ich mir meine Tasche und wende mich zum Gehen. Als ich an ihm vorbeikommen, zische ich laut: „Idiot!"Dann verlasse ich die Suite und knalle die Tür hinter mir zu. Auf den Fahrstuhl will ich nicht warten, deshalb renne ich die Treppe hinunter. Ich bin nicht oft aus der Ruhe zu bringen. Aber Henry hat überhaupt nicht mit sich reden lassen und war anders als sonst. So distanziert und kühl, das kenn ich gar nicht von ihm. Und in Anbetracht seines Umganges mir gegenüber kann er froh sein, dass ich ihn nur Idiot genannt habe. Mir wären noch bessere Bezeichnungen für ihn eingefallen, denn ich kenne eine Menge. Arschloch, Hurensohn, Wichser... und das sind noch die harmlosen!Während ich die Treppe hinunter steige, kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, den Fahrstuhl zu nehmen. Wieso muss Henry auch so weit oben wohnen? Ach ja, weil er ein Angeber ist und die teuerste Suite buchen musste.Ziemlich außer Atem komme ich im Foyer an. Nun muss ich mit der Straßenbahn den Weg zum Hauptbahnhof finden. Ich hasse es. Mein Leben, Henry, alles.Ich werde von hinten an die Schulter getippt und drehe mich zu Andrej um.„Was willst du?", frage ich unfreundlich. Er ist genauso wie Henry.„Ich bringe Sie zum Bahnhof, kommen Sie", schlägt er vor. Eigentlich bin ich wütend auf alles und jeden, aber nur weil ich mit Henry schmolle, heißt es ja nicht, dass ich Andrejs Angebot ausschlage.„Okay, wenn's sein muss", knurre ich. Er soll ja nicht denken, dass er mir damit eine Freude macht.Wir setzen uns in den BMW mit dem er mich gestern vom Bahnhof abgeholt hat. Das waren noch glückliche Zeiten gewesen...„Viktoria, bitte nehmen Sie es Henry nicht übel...", fängt er an.„Sei still!", sage ich, denn ich will keine Entschuldigung hören. Andrej seufzt. „Ich weiß, dass Sie ihm böse sind, aber..."„Ich will davon nichts hören!", fahre ich ihn an.Wir fädeln uns in den Verkehr ein und Andrej schweigt einen Moment. Hoffentlich nimmt ihn das Fahren sehr in Anspruch, damit er mich in Ruhe lässt.„Wissen Sie, es..." Offensichtlich strengt ihn das Fahren überhaupt nicht an. Mist.„Ich sagte: sei still!", sage ich laut und mit Nachdruck, damit er endlich begreift, dass ich verdammt nochmal nicht reden möchte.Aber Andrej ist eben auf taub auf der Appelebene. Was ich sage, tangiert ihn gar nicht.„Nun beruhigen Sie sich, so schlimm war es doch nicht", sagt er und ich erkenne ein feines Lächeln auf seinen Lippen.„Andrej, ich warne dich", drohe ich ihm. Noch ein Wort und...„Viktoria", versucht er es erneut.„HALT DEINE FRESSE! HALT DEIN VERDAMMTES MAUL, OKAY? ICH WILL DARÜBER NICHT REDEN", brülle ich ihn so stark an, dass er vor Schreck auf die Bremse geht. Hinter uns wird laut gehupt und Andrej fährt schnell weiter.Ich sehe aus meinem Fenster und will, dass es endlich vorbei ist. Wer mich kennt, weiß, das sich nicht ausraste. Aber man sollte mich eben nicht provozieren. Ich kann zum Biest werden,wenn ich will. Andrej schweigt und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich so mit ihm umgegangen bin.Ja, er hätte es lassen sollen, mich damit zu bedrängen. Aber ich hätte nicht ausrasten dürfen,das ist überhaupt nicht erwachsen. Hoffentlich erzählt er es nicht Henry.Bei dem Gedanken an ihn balle ich meine Hände zu Fäusten. Andrej scheint es beobachtet zu haben.„Viktoria, Sie sollten sich..."Ein strenger Blick von mir bringt ihn zum Verstummen. Ich will ihn nur ungern ein zweites Mal anschreien. Aber wer nicht hören will, muss fühlen.Wo war ich stehengeblieben? Andrejs ständiges Gerede lenkt mich vom Denken ab. Wenn ich wütend oder traurig bin, neige ich dazu, im Selbstmitleid zu versinken. Da ist die Welt einfach nur schwarz und böse. Alle Menschen sind gemein und momentan ist Henry der Gemeinste von allen! Er hat mich einfach so raus geworfen. Statt einer Erklärung bekam ich ein endgültiges Nein. Ich konnte nicht mit ihm verhandeln. Und woher will ich sicher sein,dass er wirklich ein Meeting hat oder ob er mich nicht bloß loswerden wollte? Ich schätze Henry zwar nicht als jemand ein, der so falsch ist, aber so gut kenne ich ihn auch wieder nicht. Andrej biegt zum Hauptbahnhof ab. Ich habe jetzt noch eineinhalb Stunden Wartezeit. Da ich genügend Geld mit habe, kann ich mich in ein Café setzen und Zeitung lesen oder so. Oder ich schlendere durch die Geschäfte. Frustshopping ist immer eine gute Alternative, um seine Wut abzubauen. Sollte viel mehr von Therapeuten eingesetzt werden, finde ich. Andrej parkt den BMW direkt vor dem Eingang und schickt sich an, mit auszusteigen.„Danke fürs Fahren", sage ich zum Abschied und verlasse das Auto so schnell ich kann. Er muss sich nicht länger mit mir abgeben als nötig.Im Bahnhofsinneren suche ich erstmal nach einer Toilette. Bei Henry hatte ich dazu keine Zeit. Wenn ich mich so im fleckigen Spiegel betrachte, sehe ich richtig fertig aus. Was in zwei Tagen so alles passieren kann!Wenn ich in den Zug steige und die Türen sich hinter mir schließen, werde ich mit den Geschehnissen der letzten Stunden abschließen können.  

Story of my Life - Ein englisches GeheimnisWhere stories live. Discover now