2. Kapitel

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Das Leben ist wie ein Maskenball, keiner zeigt sein wahres Gesicht.

Ihre Wohnung ist wie das Hinterzimmer im Laden, schlicht gehalten. Auch hier sind die Möbel alt und aus Holz. Die Wohnung befindet sich nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt am Ufer des Hudson Rivers. Auf der Fahrt haben Marilyn und ich nicht miteinander gesprochen und ich frage mich, ob sie sauer ist. Denn vorhin im Laden habe ich ihre privaten Fotos angeschaut. Ich vermute, dass sie das nicht wollte.
Ich sitze im Esszimmer an einem Tisch und warte auf Marilyn. Als sie wiederkommt hat sie in der einen Hand ein Handy und in der anderen ein kleines Tablett auf dem zwei große Gläser Milch thronen.
"Ich habe uns mal jedem eine heiße Milch mit Honig mitgebracht", sagt sie, stellt das Tablett auf dem Tisch ab und setzt sich neben mich. Sie nimmt sich das eine Glas und reicht mir das andere.
"Ich habe bei der Stadtverwaltung angerufen und gefragt, ob jemand vermisst wird", berichtet mir Marilyn.
Ich frage: "Und?"
"Nichts. Sie fragen jetzt rings um Manhattan nach. Aber wenn du mich fragst, werden sie dort auch keine Vermisstenanzeige finden. Du hast einen kanadischen Akzent, weshalb ich vermute, dass du aus Kanada kommst."
Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Also frage ich stattdessen: "Und was soll ich so lange tun? Ich kann ja nicht die ganze Zeit hier rumsitzen und Löcher in die Luft starren!"
"Ich habe gehofft, dass du das sagen würdest. Ich habe mir überlegt, dass du mir im Laden aushelfen könntest. Als Gegenleistung dafür, dass du bei mir wohnen darfst. Ich stelle dir ein eigenes Zimmer mit Kleidung zur Verfügung."
Mir verschlägt es die Sprache, als ich das höre. Das ist der Grund, warum ich jetzt mit offenem Mund hier sitze. Irgendwie schaffe ich es den Mund zu schließen. Schließlich zwinge ich mich zu fragen: "Das meinst du nicht ernst, oder?"
"Doch.", antwortet Marilyn und so ernst wie sie klingt, macht sie keinen Scherz. Also stehe ich auf und umarme sie. Mir kommt das Gefühl bekannt vor und ich versuche mich zu erinnern, doch ich finde nichts. Immer noch diese gähnende Leere. Punkt ist jedoch, dass ich es nicht mag. Es ist irgendwie zu intim, irgendwie fühlt es sich falsch an, jemanden zu umarmen, der einem nicht nahe steht. Aber ich glaube man macht es so, denn Marilyn lächelt. Die Milch ist inzwischen kalt geworden und ich habe keine Lust mehr, sie zu trinken. Meine Lider werden langsam schwer und mich überkommt eine lähmende Müdigkeit. Ich gähne. Daraufhin steht Marilyn auf und sagt: "Komm mit, ich zeig dir dein Zimmer." Irgendwie hört sich das merkwürdig an, mein Zimmer. Zumal ich hier ja eigentlich nur vorübergehend wohnen möchte. Obwohl, wenn ich mir überlege, selbst wenn ich vermisst werde, wie soll ich dann denjenigen, vielleicht meinen Eltern, gegenübertreten? In Gedanken versunken bin ich anscheinend Marilyn hinterher gelaufen, denn ich sitze auf einem Bett und sie hat mir gerade eine gute Nacht gewünscht. Doch bevor ich antworten konnte, war sie schon wieder verschwunden. Auf dem Kopfkissen liegt ein ordentlich zusammengelegter Schlafanzug, der aus einer blau, rot, weiß karierten Boxershorts und einem dazu passenden blauen Trägertop besteht. Das Zimmer ist in verschiedenen weiß gestrichen. Ein großer schwarzer Schrank steht an der von der Tür aus linken Seite und das Bett ist auf der gegenüberliegenden Seite des Raums. Ich stehe auf und mache den Schrank auf. Es hängen viele Kleider darin und auch andere Sachen kann ich erkennen, zum Beispiel T-Shirts und Hosen. Meine Müdigkeit ist verflogen und da ich immer noch meine dreckigen und zerrissenen Klamotten trage, beschließe ich erst einmal eine Dusche zu nehmen. Ich nehme den von Marilyn zusammengestellten Pyjama und mache mich auf die Suche nach dem Badezimmer. Es ist direkt neben "meinem" Zimmer, was ich festgestellt habe, als ich aus dem Zimmer ging und anfangen wollte zu meiner Rechten jede Tür aufzureißen. Doch direkt bei der ersten Tür hatte ich Erfolg und nun stehe ich hier im Badezimmer. Auf der Kommode, die auf der rechten Seite des Raumes steht, liegen zwei Handtücher. Auf dem Besagten ist eine Notiz gelegt worden. Auf der steht:

Die sind für dich. In der Dusche stehen Shampoo und Duschgel. Hab dir auch eine Zahnbürste und Zahnpasta in einem Glas ans Waschbecken gestellt. Falls du mich suchen solltest, ich bin gerade einkaufen. Wenn du Durst hast, in der Küche steht eine Flasche Wasser für dich. Mach dir keine Sorgen, ich bin schneller da, als du denkst.

Marilyn

Als ich den Zettel gelesen habe, wurde mir erst richtig bewusst, wie viel Glück ich eigentlich hatte, auf Marilyn zu stoßen. Sie ist so nett, obwohl sie mich überhaupt nicht kennt. Und was noch merkwürdiger ist, es scheint sogar so, als würde sie mir vertrauen. Egal jetzt ... Ich muss jetzt erstmal duschen und den ganzen Dreck wegschrubben. Also steige ich in die Dusche, die in der linken hinteren Ecke steht. Als ich das Wasser aufdrehe, weiche ich erstmal erschreckt zurück. Scheiße war das kalt! Ich drehe es wärmer und lass es meinen Körper entlang gleiten. Nach gut einer viertel Stunde drehe ich das Wasser kurzzeitig ab, um mich einzuseifen, nur um es dann wieder eine halbe Ewigkeit laufen zu lassen. Als meine Haut schrumpelig ist, steige ich aus der Dusche. Ich fühle mich zwar nicht richtig sauber, aber auf jeden Fall besser. Ich ziehe meine alte Unterwäsche wieder an und darüber den Pyjama. In dem Moment in dem ich aus der Tür trete, schlägt mir die kalte Luft entgegen und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Im Bad war es vom Duschen schön warm gewesen, doch hier im Flur war es "kalt" (die normale Temperatur). Was sollte ich nur solange machen, während Marilyn weg ist? Ich beschließe die Wohnung zu erkunden. Es gibt nicht viele Türen wenn man hereinkommt, steht man im Esszimmer. Es steht ein Tisch für sechs Personen darin und von der Tür aus links ist eine offene Küche. Wenn man von der Eingangstür gerade aus läuft, kommt man durch eine Tür in den Flur, der eine Biegung nach links macht. Es gibt drei Türen auf der rechten Seite und ein gerade durch. Die erste Tür rechts ist das Zimmer, in dem ich wohne. Hinter der zweiten Tür liegt das Badezimmer und hinter der dritten oder vierten Tür müsste Marilyn's Schlafzimmer liegen. Ich komm ins Zögern, würde Marilyn das wollen? Eher nicht, glaube ich. Irgendwie ist das unglaublich intim und eigentlich sollte ich mich umdrehen und wieder in "mein" Zimmer oder in die Küche gehen. Aber halt nur eigentlich, denn ich bin ein sehr neugieriger Mensch, wie ich gerade feststelle, denn meine Hand liegt schon auf der Türklinke der dritten Tür und ich drücke sie nach unten. Ich stoße die Tür auf und atme auf. Mein Blut höre ich in meinen Ohren rauschen, so aufgeregt war ich gewesen. Doch es ist nur Marilyn's Schlafzimmer. Wie alle Räume in der Wohnung schlicht gehalten und mit Holzmöbeln geschmückt. Also ist es nichts besonderes, ich drehe mich um und schließe die Tür hinter mir. Jetzt stehe ich wieder im Flur. Soll ich die letzte Tür wirklich aufmachen? Ich fühle mich jetzt schon schlecht, weil ich die Tür von Marilyn's Schlafzimmer aufgemacht habe. Die letzte Tür an der hinteren Wand im Flur strahlt etwas geheimnisvolles aus und erweckt in mir das Gefühl als müsste ich sie aufmachen. Ich weiß eigentlich ist es falsch, aber ich kann mich einfach nicht zurückhalten. Also trete ich den entscheidenden Schritt nach vorn und stehe somit vor der Tür. Ich zögere, noch kann ich mich umdrehen und gehen, aber ich merke wie die Neugierde in mir siegt. Ich lege meine Hand auf die Türklinke und drücke sie nach unten. Erst öffne ich die Tür langsam, doch als ich erkenne was sich dahinter befindet, stoße ich sie auf.

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Es tut mir so leid, dass ich für das 2. Kapitel so lange gebraucht habe. Ich finde bloß einfach nicht so viel Zeit zum schreiben. Aber gebt mir bitte trotzdem ein paar Kommis, wie ihr die Geschichte bis jetzt findet.

Eure Sascha

Mein Leben ohne Vergangenheit #wattys2017Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt