Kapitel 15

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Seit der „Kreuzfahrt" sind inzwischen zwei Wochen vergangen. Alles, was mir von dieser Zeit geblieben ist, ist der Regen. Inzwischen ist es September und Irland ist unverändert grün. Zu Hause würden sich nun die Blätter bunt färben und die Sonne würde scheinen. Durch meine Pflichten habe ich nicht allzu viel Zeit, um an mein Zuhause zu denken. Die Kinder nehmen mein gesamtes Denken in Anspruch, denn ich kann an ihnen alles ausprobieren, was ich während der Ausbildung gelernt habe. Manches davon bewährt sich, anderes stellt sich als schöne Theorie heraus. Ich besuche einen Abend in der Woche mit Chrisin einen Englischkurs, um meine Vokabeln aufzufrischen. Durch den Kontakt mit Henry ist mein Englisch viel besser geworden.
Henry. Er schreibt mir jeden Abend bei Whatsapp Nachrichten über seine Erlebnisse des Tages. Und ich berichte ihn von meinen. Seine sind natürlich viel interessanter, weil er viel mehr rumkommt und alle möglichen Leute kennt. Ich gebe mir Mühe, nicht neidisch zu sein, wenn ich lese, dass er beispielsweise mal einen Kurztripp nach Washington oder Rom gemacht hat. Aber gesehen haben wir uns seitdem nicht mehr und das macht mich traurig.
„Tori", reißt Christin mich aus meinen Gedanken. „Du wurdest was gefragt."
„Was?", frage ich verwirrt. In meiner eigenen Welt war es gerade viel schöner.
„Ist egal, jemand anderes hat für dich geantwortet", sagt Christin beruhigend. Ich entspanne mich wieder. Nicht mal im Englischkurs wird man in Ruhe gelassen!
Der Lehrer redet vorne weiter und alle hören aufmerksam zu – außer Christin und ich natürlich.
„Dieses Wochenende kommt Paolo zu Besuch", flüstert sie mir zu.
Das sind mal nette Neuigkeiten! Paolo ist auf die selbe Schule wie wir gegangen, ist aber wenige Jahre jünger als Christin und ich. Mit seinem südländischen Aussehen hat er Christin sofort begeistert und auch sonst ist er ganz sympathisch. Jedenfalls empfinden die beiden Zuneigung füreinander und wollen es sich nicht eingestehen. Das finde ich wirklich schade, weil sie sehr gut zusammen passen würden. Christin wollte ihren Aufenthalt in Irland nutzen, um sich über ihre Gefühle klar zu werden. Denn eigentlich hat sie einen festen Freund. Das ist zwar ein Grund, aber kein Hindernis, wie man so schön sagt. Ich wünsche mir für sie, dass sie glücklich wird, egal mit wem. Würde sie den Weihnachtsmann lieben, wäre das auch okay.
„Ich freue mich für dich", sage ich. „Hast du nun schon mal über euch beide nachgedacht?"
Christin wird ein bisschen rot im Gesicht, was mir schon alles sagt.
„Ich will mit ihm reden. Aber ich weiß nicht, was ich sagen soll", meint sie unsicher.
„Du redest doch sonst wie ein Wasserfall. Da fällt dir bestimmt etwas Passendes ein. Paolo kennt dich gut genug, um zu merken, wann du nervös bist."
Sie verdreht die Augen. „Das baut mich echt auf, danke. Ich bin aber noch mit Dave zusammen."
Nicht diese Leier schon wieder. „Vergiss Dave! Paolo passt viel besser zu dir. Er interessiert sich für dich, findet dich immer hübsch, egal wie blöd du aussiehst. Ernsthaft, er ist der Beste für dich!"
Der Lehrer kommt vorbei und teilt Arbeitsblätter aus.
„Bitte stellen Sie ihr Gespräch ein", sagt er im Vorbeigehen. „Sie pinkeln sich selbst ans Bein, wenn Sie hier nicht zuhören. Ich wiederhole mich nur ungern."
Christin und ich nicken mit unserem unschuldigsten Blick. Das hat bisher immer funktioniert.
Ich will mit dem Thema fortfahren, aber der Lehrer bringt mich mit einem strengem Blick zum Schweigen. Also beteiligen wir uns artig am Unterricht und sind froh, als es dann endlich vorbei ist.
Beim Rausgehen spreche ich Christins Lieblingsthema noch einmal an.
„Also, was wollt ihr zusammen machen?"
Sie zuckt mit den Schultern.
„Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich werde ihm auf jeden Fall die Stadt zeigen und mit ihm in den Pub gehen."
Das klingt nach einem guten Plan. Ich gehe davon aus, dass Christin das Thema Gefühle nicht von sich aus ansprechen wird, daher hoffe ich für beide, dass es Paolo tut.
„Bist du dieses Wochenende da?", will Christin wissen.
„Meine Gastfamilie ist auf eine Wohltätigkeitsgala eingeladen. Marys Arbeitgeber ist der Sponsor und daher sind alle Mitarbeiter mit ihren Familie herzlich willkommen. Ich habe gehört, es sollen auch irgendwelche Superstars kommen", erzähle ich.
„Das wird bestimmt cool", meint sie. „ Aber wo soll ich dann hin, falls es mit Paolo nicht klappt?"
„Sperre ihn doch einfach aus. Er wird schon keine Probleme machen", sage ich zuversichtlich. „Was soll denn auch nicht klappen?"
„Ich habe solche Bedenken und Zweifel. Ich meine, bei Dave weiß ich, was ich habe..."
Also, manchmal denkt sie zu viel.
So verständnisvoll, wie es mir möglich ist, antworte ich: „Ihr habt euch doch auseinander gelebt. Er hat bisher nicht einmal Anstalten gemacht, dich besuchen zu kommen. Und würdest du Dave wirklich noch lieben, hättest du nicht so starke Gefühle für Paolo entwickeln können. Dann hättest du nur Augen für Dave."
Christin kramt nach ihrem Autoschlüssel.
„Vielleicht hast du ja recht", meint sie schließlich. „ Ich muss nur nochmal darüber nachdenken."
Zufrieden nicke ich. „Tue das. Aber überlege nicht zu lange!"
Christin lächelt schief, bevor sie mir winkt und ins Auto einsteigt. Ich sehe ihr mit gemischten Gefühlen hinterher. Normalerweise ist sie nicht so zögerlich, aber ich kann es verstehen. Wenn sie Dave verlässt und es mit Paolo nicht funktioniert, wird sie sich möglicherweise ärgern. Aber nur wer wagt, gewinnt!

Ich fahre nun ebenfalls nach Hause. Meine Gastfamilie hat schon zu Abend gegessen, deshalb mache mir den Rest der Pizza warm und nehme sie mit auf mein Zimmer. Die Kinder sind schon im Bett und Mary und Declan schauen fern. Ich esse meine Pizza auf und beschließe, Henry anzurufen.
Um diese späte Stunde müsste er schon zu Hause sein.
Nach dem dritten Klingeln meldet sich jemand.

„Guten Abend, Sie sprechen mit Pete Parker, dem Sekretär des..."
„Hi, Pete, hier ist Tori!", begrüße ich ihn überschwänglich, so als wären wir alte Freunde.
„Oh, hallo, Viktoria. Henry ist heute nicht da!", sagt er freundlich.
„Wo ist der denn?", frage ich. Wieso ist er nicht da? Wo ist er? Was gibt es für ihn Wichtigeres als mich?
„Er ist in einer wichtigen Besprechung", antwortet Pete. Von einer Besprechung hat Henry mir gestern gar nichts geschrieben.
„Ach so, ist er das?", frage ich drohend. Das wollte ich schon immer mal machen, also so mit jemandem reden, als wäre ich der Boss.
Zu meiner Überraschung springt Pete voll darauf an.
„Wie soll ich sagen...ja", antwortet er leise. Ich glaub's ja nicht! Sonst ist er ein knallharter Kerl, aber bei Gegenwind knickt er um wie eine zarte Pflanze. Lusche!
„Pete, ich will jetzt wissen, was Henry wirklich macht!", sage ich ernst.
„Er hat Besuch", sagt er nur und an seinem Tonfall merke ich, dass da etwas nicht stimmt.
„Was für Besuch? Etwa weiblichen?"

Pete seufzt am anderen Ende der Leitung. Ich staune ja, dass er noch nicht aufgelegt hat. Aber wahrscheinlich ist er so einen Tonfall gewöhnt.
„Von seinem Bruder, seiner Schwägerin...", zählt Pete auf.
Na, wenn es sonst nichts ist. Und ich mache mir hier Gedanken!
„... und noch seine Exfreundin", fährt Pete fort. „Ach ja, und die Queen und deren Mann."
Bei dem Wort Exfreundin höre ich auf, zuzuhören. Wer ist diese Person? Ich muss alles über sie wissen, um sie zu vernichten!
„Henrys Exfreundin???", schreie ich ins Telefon.
„Tori, das ist nicht so wie du denkst", beruhigt mich Pete und ich bin gewillt, es zu glauben. „Sie sind schon lange kein Paar mehr und wollen es auch nicht mehr versuchen. Cindy ist gerade nur zu Besuch in der Gegend gewesen und da haben sie sich heute Abend getroffen."
Das arme Ding heißt Cindy! Ich grinse vor mich hin. Da hab ich wohl nicht viel zu befürchten, wenn sie schon so einen grauenhaften Namen hat.
„Das will ich auch für ihn hoffen", murmele ich vor mich hin.
„Entspann dich, Cindy ist völlig harmlos", meint Pete.
„Okay, dann sag Henry schöne Grüße von mir und dass ich ihn dann morgen nochmal anrufe."
„Morgen ist ganz schlecht", sagt Pete.
„Was denn? Ist Cindy dann immer noch da?", will ich wissen.
„Nein, nein", beschwichtigt er mich, „da ist dann eine Veranstaltung der Army, bei der Henry jahrelang gedient hat."
Es gibt sovieles, das ich nicht über Henry weiß. Dass er bei der Army war, ist völlig neu für mich.
„Gut, dann melde ich mich irgendwann mal bei ihm", sage ich zu Pete.
„Vielleicht wäre es besser, du wartest einige Tage, bis du dich wieder meldest", schlägt er mir vor.
„Wieso das?"
Aber da hat Pete schon aufgelegt. Na toll. Wie kann er sowas behaupten und dann auflegen?
Frustriert sitze ich also auf meinem Bett und starre die Wand an. Ich wollte nachdenken und weiß nicht mehr, worüber. Schlimm, diese Alzheimer.
Ein Blick auf mein Handy zeigt mir, dass ich eine neue Nachricht von Jule bekommen habe. In der Schule waren wir unzertrennlich und sie war mein Alibi für das Berlintreffen mit Henry.
Tori, ich muss dir etwas Tolles mitteilen: Robert und ich haben uns verlobt!
O mein Gott, wie süß! Ich kenne Robert und finde ihn echt nett. Er ist Profispieler in der Ersten Bundesliga in Jules Lieblingsverein. Die beiden sind schon ziemlich lange zusammen und ich finde es großartig, dass sie diesen Schritt gewagt haben.
Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich sehr für euch. Wie hat er dir den Antrag gemacht?

Ich muss nicht lange auf Jules Antwort warten.
Im Stadion vor allen Fans. Ich war gar nicht darauf vorbereitet gewesen und dann kam ein kleiner Film mit Bildern unserer gemeinsamen Erlebnisse und mit wunderschöne Musik dazu. Ich wünschte, du wärst dabei gewesen.
Ja, das wünsche ich mir wirklich. Jule ist eigentlich zurückhaltend und mag es nicht, allzu sehr im Mittelpunkt zu stehen. Robert hat sich echt Mühe gegeben und ich an Jules Stelle hätte vor Freude geheult.
Ich ärgere mich gerade sehr, nicht dabei gewesen zu sein. Aber ihr zeigt den Film bestimmt nochmal zur Hochzeit. Wann soll die stattfinden?
Ich hoffe, im Frühling oder im Sommer nächstes Jahr.
Das haben wir noch nicht festgelegt. Aber ich weiß jetzt schon, dass mein Brautkleid rot- weiß- blau sein wird, wie das Logo vom FCB!
Mit diesen positiven Nachrichten kann ich nun getrost schlafen gehen. Jule hat ihr Glück mit Robert gefunden, Christin wird ihres noch finden und ich?
Ich schlafe erstmal.


Story of my Life - Ein englisches GeheimnisWhere stories live. Discover now