Vorgeschichte: Hunter Teil 1

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Draußen war es schon dunkel, als Hunter die Taverne verließ.
Ungewöhnlich - denn normalerweise waren die Tage in Adventuria sehr lang. Während die anderen Gäste sich auf den Weg nach Hause machten, um sich in ihr warmes Bett zu legen, wurde es für Hunter Zeit zu seiner Arbeit anzutreten:
Er kramte in einer seiner Taschen und zog schließlich eines von vielen Fahndungsplakaten heraus. Hunter sah sich die Zeichnung von „Guron dem Schleicher" lange an. Dieses Gesicht sollte ihm, sofern er erfolgreich ist, viel Gold einbringen. Er faltete das Plakat zusammen und stopfte es wieder in seine Tasche.
Hunter ließ seinen Blick durch die Straßen und dunklen Gassen von Bermont, Adventurias Hauptstadt, streifen. Einmal sah er noch zurück zur Taverne, dann schlenderte er die große Hauptstraße hinunter.

Hunter war sehr zuversichtlich: Seine Informationen zu dem Mörder schienen sehr glaubwürdig. Sein Kontaktmann kannte Guron persönlich, konnte seine Untaten aber nicht länger hinnehmen. Außerdem verriet er, dass Guron systematisch arbeitete. Seine Morde waren ein Racheakt: Guron hatte geschworen, all jene zu beseitigen, die am Tod seiner Schwester Schuld waren. Das waren vor allem reichere Herren, die sie eingestellt und ausgebeutet haben. Schließlich erlag sie den unmenschlichen Arbeitsumständen und verstarb.
Hunter konnte Guron in mancher Hinsicht verstehen. Er selbst hatte ebenfalls eine Schwester für die er alles tun würde. Natürlich würde er das ihr gegenüber nie zugeben. All diese Menschen, insbesondere deren Kinder und Frauen, umzubringen, konnte Hunter jedoch nicht nachvollziehen.

Normalerweise beschäftigte sich Hunter nie großartig mit denen, die er jagte. Doch als er von der Geschichte mit der Schwester hörte, wurde er aufmerksam. Er befürchtete, dass ihn diese Information beeinflussen könnte und ihn davon abhalten könnte, das zu tun was nötig war. Er veschwendete keinen weiter Gedanken daran und konzentrierte sich auf seine Aufgabe: Guron war ein Verbrecher. Ein Mörder von unschuldigen Kindern. Egal was ihn dazu trieb, konnte seine Taten nicht rechtfertigen. Hunter schüttelte den Kopf. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren. Heute Nacht würde Guron bei dem Besitzer einer Waffenfabrik einbrechen und ihn, seine Frau und deren vier Töchter kaltblütig ermorden.

Die Uhr schlug zwölf.

Hunter rannte los. Er musste sich beeilen. Ihm blieben nur noch zwanzig Minuten, um dieses Massaker zu verhindern. Dabei ging es ihm weniger um die Leben, die er retten würde, sondern vielmehr um den Berg Gold der ihm bei einem Fehlschlag durch die Lappen gehen würde. Außerdem wären die Vorbereitungen, die riskanten Treffen mit zwielichtigen Kontaktpersonen und besonders die Verhandlungen in die er Gold investiert hatte, umsonst gewesen.

Den Rest des Weges lief er.

Hunter hatte noch fünf Minuten, um auf das Dach zu gelangen. Dort würde er über eine Luke das innere des Hauses erreichen. Hunter wusste, dass Guron bisher immer über die Dächer ins Haus gelangt war. Er nahm also etwas Anlauf, rannte einen Teil der Hauswand hinauf und bekam die Fensterbank im Obergeschoss zu fassen. Von dort hangelte er sich auf den Balkon und warf einen Blick hinein: Drinnen schliefen friedlich die vier Töchter des Fabrikbesitzers. Hunter atmete auf: Er war also noch nicht zu spät. Er griff mit einer Hand an das obere Ende des Türrahmens mit der anderen an die Regenrinne. Hunter zog sich hinauf und erreichte schließlich das Dach. Auf der anderen Seite rutschte er ein Stück hinunter bis er auf der Luke stand: Zu seinem Glück war sie nicht verschlossen. Er kletterte die Leiter hinunter, schloss die Luke und versteckte sich im Schutz einer dunklen Ecke.

Während er wartete, beobachtete er die schlafenden Mädchen: Jede schöner als die andere. Sie waren wohl etwas jünger als er selbst. Hunter schätzte die Älteste von ihnen auf etwa zwanzig. Sie hatte es ihm besonders angetan.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken: Die Luke öffnete sich mit einem leisen Quitschen. Hunter zog seinen Bogen und legte einen Pfeil hinein. Die Person schritt leise auf das Bett der Ältesten zu. Im Licht der Straßenlaternen schimmerte ein Dolch. Hunter musste handeln: Gerade als Guron ausholte, schoss ihm Hunter den Dolch aus der Hand. Guron stolperte verwundert einige Schritte zurück und der Dolch fiel mit einem lauten Klirren auf den Boden. Sofort wurden die Mädchen wach und von unten hörte man die Eltern die Treppe hinaufpoltern.
Während drei der Mädchen sich zu einem kreischenden Haufen zusammen kauerten, war die Älteste so geistesgegenwärtig und trat ihrem Angreifer in den Schritt, der jaulend zu Boden ging. Sie ergriff den Dolch und ehe Hunter sich versah, stand sie hinter ihm und drückte ihm diesen an die Kehle.

„Ich empfehle dir gut zu überlegen, was du nun tust, wenn dir dein Leben lieb ist", zischte sie.

Just in diesem Augenblick trat der Vater ins Zimmer mit einer Lampe in der Hand, die den gesamten Raum erhellte. Das Mädchen trat Hunter seinen Bogen aus der Hand. Er seufzte nur.

„Was ist hier los?", donnerte der Vater.

Er warf einen Blick auf die Person am Boden und man konnte ihm sein Entsetzen ansehen:

„Was? Guron du? Bist du hier um uns zu meucheln du Hund? Ich konnte nichts dafür, verdammt! Und....wer ist das?"

Hunter sah seine Chance sich zu erklären:

„Mein Herr, ich muss zugeben, dass das hier alles etwas anders abgelaufen ist, als geplant."

„Was du nicht sagst!"

Der Mann wurde sichtlich wütend. Die Adern an seinen Schläfen pochten. Die Mutter brachte die drei völlig aufgelösten Mädchen nach unten. Hunter räusperte sich:

„Gestatten? Hunter. Ich bin Kopfgeldjäger. Ich habe gerade versucht zu verhindern, dass Guron euch im Schlaf ermordet"

„Schwachsinn! Warum sollten wir dir das glauben?" Das Mädchen drückte Hunter den Dolch fester an die Kehle.

„Kind bitte. Sein Name ist mir ein Begriff. Er spricht die Wahrheit."

Das Mädchen ließ von ihm ab und verschränkte die Arme. Hunter hob seinen Bogen auf und ging zum immer noch jammernden Guron. Er fesselte ihn und lehnte ihn gegen eine Wand.

„Verzeiht wegen der Unruhe. Wie ich bereits sagte, lief nicht alles nach Plan."

Hunter grinste und das Mädchen musste auch lächeln. Sein Grinsen war unglaublich ansteckend.

„Lasst mich euch dafür entlohnen dafür, dass ihr mein und besonders das Leben meiner Lieben gerettet habt."

Hunter schüttelte dankend den Kopf. Er wusste wie die Menschen funktionierten:

„Ich bekomme mein Gold, wenn ich Guron bei der Wache abliefere, danke. Viel lieber wüsste ich deinen Namen."

Er sah zu dem Mädchen. Sie lächelte immer noch: „Elisè"

Hunter nickte dankend. Der Vater räusperte sich. Er warf Hunter einen kleinen Beutel zu:
„Nehmt wenigstens diese Kleinigkeit."

Wieder grinste Hunter, denn er hatte damit gerechnet: „Habt Dank."

Er steckte den Beutel ein, nahm Guron auf die Schulter und warf der schönen Elisè noch einen letzten Blick zu bevor er in der Dunkelheit der Nacht verschwand.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Jun 09, 2016 ⏰

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