Kapitel 10

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  Broken glass. It's just like glitter, isn't it?

- Pete Doherty  

*** 

Die nächsten zwei Tage redete ich nicht ein Wort mit Shawn und auch sonst sahen wir uns selten.

Es schien als wolle er mir aus dem Weg gehen und das war mir auch ganz recht. Ich wollte mit diesem Vollidioten nichts mehr zu tun haben. Redete ich mir jedenfalls ein.

Da wir beide an diesen beiden Tagen trainierten, fiel auch das Nachsitzen aus, welches auch Shawn am Dienstag geschwänzt hatte. Das blieb natürlich nicht unbemerkt und so kam es, dass es nochmal um eine Woche verlängert wurde.

Der zornige Blick, den mir Shawn danach in Mr. Martens Vorbereitungraum schenkte, war der einzige Blickwechsel in diesen Tagen.

Ich hatte ihn natürlich erwidert, schließlich war er auch nicht erschienen. Also war es die Schuld von beiden, dass wir jetzt noch eine Woche länger absitzen durften.

Schlurfend machte ich mich also am Freitagnachmittag auf den Weg zu unserem Englischraum, in dem uns Mr. Martens persönlich beim Nachsitzen beaufsichtigen würde.

Zwei Minuten zu spät betraten Shawn, der wahrscheinlich auch kein Bock hatte, noch extra Wochen aufgebrummt zu bekommen und ich zusammen den Raum und spürten sogleich den musternden Blick unseres Englisch-Literatur-Lehrers auf uns, der den Plan das wir uns wieder vertragen, wohl noch nicht aufgegeben hatte.

Missbilligend schaute er uns an: "Ihr seit zu spät. Beide. Setzt euch."

Ich wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzten, doch Shawn unterbrach mein Vorhaben in dem er mich unsanft am Ellenbogen in die hinterste Reihe zog und mir ein: "Mach keinen Scheiß", ins Ohr knurrte, "Vergessen, dass du uns das letztes Mal als du deine Klappe nicht halten wolltest, zwei Wochen Nachsitzen eingebrockt hattest?!"

"Hallo? Was laberst du ? Wenn ich mich recht entsinne, warst du genauso beteiligt und ich wollte mich übrigens fürs zu spät kommen, entschuldigen! Aber auf so eine Idee kommst du ja scheinbar nicht", meinte ich schnippisch, mit einem bösen Blick zu ihm.

Er zuckte nur mit den Schultern:"Nerv nicht."

Entgeistert schaute ich ihn von der Seite an, war das gerade sein scheiß ernst ? Wer hatte mich denn nach hinten gezogen und mir vorgehalten für das Nachsitzen verantwortlich zu sein ?!

Doch er verzog keine Miene und ich ließ mich auf dem Platz, so weit wie möglich entfernt von ihm fallen.

Wir redeten kein einziges Wort, ich spürte allerdings die ganze Zeit den Blick von Mr. Martens auf uns, der uns immer noch missbilligend musterte.

Als die Stunde dann endlich abgesessen war, verließ ich hastig den Raum und prallte fast gegen eine kleine Brünette.

Eigentlich total süß, wären da nicht die Hotpans wo der halbe Arsch rausguckt, das kurze Top wo man deutlich ihren BH drunter sah und der halbe Farbtopf in ihrem Gesicht, den sie meiner Meinung nach überhaupt nicht nötig hatte.

Ich hatte sie nie vorher gesehen, wahrscheinlich war sie ein oder zwei Klassenstufen unter uns. Oh Mann, jetzt bestellte sich Shawn auch noch irgendwelche Mädchen, die ihn nach dem Nachsitzen aufmuntern.

Als besagter den Raum verließ, fiel er auch sofort über sie her. Ich hatte sie eigentlich für schüchtern gehalten, aber als ich sah wie sie ihm sofort die Zunge in den Hals steckte, verwarf ich diesen Gedanke sofort wieder.

Sowie sie sich benahm, war sie definitiv nicht schüchtern.

Angeekelt betrachtete ich die beiden, sich gegenseitig auffressende, Wesen, die sich doch bitte einen Raum suchen sollten.

Unfähig mir dieses gesabbere noch länger anzusehen, wollte ich einfach nur verschwinden, konnte mir aber ein Kommentar nicht verkneifen.

"Sag mal, bezahlst du die etwa, damit du deren Mund vollsabbern kannst ? Das kann sich doch keiner freiwillig an tuen!"

Für einen Moment löste er seine Lippen von ihren, nur um mich böse anzufunkeln, ich schaute angewidert zurück.

"Wenn denn bezahlen sie mich!", meinte er arrogant und der schmachtende Blick, des Mädchens in seinem Arm, bestärkte seine Aussage sogar noch. Wie tief konnte man bitte sinken?

"Warum fragst du? Eifersüchtig oder was?", meinte er hämisch.

"Auf wenig Spaß und deine Sabber in meinem Mund ? Nee, irgendwie nicht", konterte ich genau so abfällig.

Wüten ballte er seine Fäuste und wollte gerade einen Schritt auf mich zumachen, als diese Bitch an seiner Seite ihre Hand auf seine Brust legte und ihm irgendetwas ins Ohr flüsterte. Zum krönenden Abschluss biss sie ihm einmal ins Ohrläppchen und spätestens dann wollte ich nicht mehr wissen, um was es in diesem Monolog ging.

Ich wendete mich zum Gehen, langsam grenzte das ja fast an einen Softporno und das konnte ich mir echt nicht mehr geben. Allerdings hielt mich Shawns Hand auf meiner Schulter davon ab.

Er musste sein Anhängsel wohl abgeschüttelt haben. Ich drehte mich langsam um und schaute, mich auf die Zehenspitzen stellend, über seine Schulter, über die mich die kleine Brünette tatsächlich wutentbrannt anstarrte.

Mit ihrem Blick und den gefletschten Zähnen erinnerte sie mich etwas an den Pitbull unserer früheren Nachbarn. Naja vielleicht auch nur ein Pit Bull Welpe, denn wirklich Angst einflößend war sie jetzt nicht.

Jetzt musste ich mich aber erstmal um das größer Problem, ein paar Handbreiten vor mir kümmern.

"Sag mal checkst du es nicht ? Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass du deine dreckigen Pfoten von mir lassen sollst !", zischte ich durch meine zusammengebissenen Zähne.

Er ignorierte mich allerdings einfach und drückte mich unsanft gegen die Schließfächer, der Wand hinter uns.

"Halt-einfach-deine-vorlaute- Klappe!", presste er hervor, "Du Nervst und wenn du es je wieder wagst, mir irgendeinen Stress einzuhandeln, wie diesem Scheiß Nachsitzen oder meine Mädchen zu vertreiben, dann schwöre ich dir, wirst du die Hölle auf Erden erleben! Denn es geht dich verdammt nochmal nen scheiß Dreck an!", den letzten Teil brüllte er fast.

Ich schaute ihn weiter emotionslos an, doch er hatte sich mittlerweile in Rage geredet.

Er schnaubte, sah kurz auf den Boden und bohrte dann seine dunklen Augen wieder in meine:

"Mein Leben hat dich nicht zu interessieren, das ich dir bei deiner fucking Panikattacke geholfen habe, war reines Mitleid. Also hör auf zudenken, dass wir jetzt irgendetwas mit einander zu tun hätten. Und nur weil alle so einen verdammten Respekt vor dir haben, gilt das nicht automatisch für mich. Bedenke also, dass du nicht allein an höchster Stelle der Schulrangordnung stehst", kurz schüttelte er den Kopf.

"Ich schwöre, wenn du kein Mädchen wärst... Ich hätte dir schon längst eine rein gehauen !"

Ist er jetzt fertig? Immer noch ausdruckslos zog ich eine Augenbraue hoch, worauf er frustriert mit der Faust gegen die Wand neben mir schlug.

"Und auch wenn ich dich hasse.... Und glaub mir das tue ich wirklich. Finde ich es immer noch scheiße bewundernswert, dass du hier immer noch gerade stehst und nicht wie jedes andere Mädchen flennst oder bettelst oder was auch immer... Und gleichzeitig weiß ich, das das alles nur Fassade ist, denn wer hier steht und keine einzige verkackte Emotion zeigt ist kaputt. Du bist kaputt und ein kleiner Teil in meinem Kopf, den ich mindestens genauso sehr hasse wie dich, will wissen warum.
Und dieser kleine Teil zwingt mich dir diesen ganzen Müll zu erzählen, während der andere dich nie wieder sehen will. Fuck!"

Noch einmal schlug er gegen die Wand und ließ mich dann los, wahrscheinlich war er selbst fassungslos von den Worten die er da gerade von sich gegeben hatte.

Nicht fähig, mich mit dem eben gesagten emotional auseinander zu setzten, handelte ich instinktiv und verließ mit großen Schritte die Schule, wobei ich die ganze Zeit Shawns Blick in meinem Rücken spürte.










The UnknownWo Geschichten leben. Entdecke jetzt